Architektur- und Designgeschichte Zukunft für alle

Besser als Bauhaus? Das Architektur- und Designprogramm "Neues Frankfurt" setzte seine Visionen in die Praxis um und schuf eine Stadt, die wegweisende Maßstäbe setzte.

Von Laura Weißmüller

Da ist nichts Extravagantes, Überflüssiges an der Holzbank. Ihre Sitzfläche ist etwas breiter und die Länge so, dass sich auch ein Mittagsschlaf darauf vorstellen lässt. Aber sonst? Erst wer genau hinschaut, dem fallen bei der Bank, entworfen vom Frankfurter Architekten und Designer Ferdinand Kramer, die leicht abgeschrägten Ecken der Lehne auf. Setzt man sich, versteht man den Grund dafür: So lässt sich's seitlich bequem anlehnen und gleichzeitig gut unterhalten mit den Menschen ringsum.

Viele Entwürfe aus dem Stadtplanungsprogramm "Neues Frankfurt" von 1925 sind genau so: simpel und schnörkellos, aber trotzdem dem Benutzer zugewandt. Intuitiv nimmt man den sozialen Anspruch wahr. Ging es in den Zwanzigerjahren doch darum, das Leben in einer neuen urbanen Welt besser zu machen, und zwar für alle, möglichst allumfassend. Weswegen die Frankfurter Entwürfe nahezu sämtliche Bereiche des Alltags abdeckten. Von der Parkbank über die Wohnung, den Möbeln und dem Telefonapparat, bis zur Leuchtreklame, der Illustrierten und dem Formular der Stadt. Bis hin zum Grabstein reichte der Gestaltungsanspruch. Auch die Friedhöfe sollten sich den klaren Linien des neuen Bauens unterordnen.

Dieser universelle Gestaltungsanspruch klingt bekannt. Wer fies wäre, würde sagen, das Neue Frankfurt hat das geschafft, wovon das Bauhaus immer nur träumte: bezahlbare Industrieprodukte zu entwerfen, die in Serie gingen und tatsächlich bei den Menschen zu Hause, aber auch im öffentlichen Raum ihren Platz fanden. Am Main selbst ist man da diplomatischer: "Wenn das Bauhaus die Akademie war, war das Neue Frankfurt die Werkstatt", sagt Matthias Wagner K, Direktor des Museums Angewandte Kunst in Frankfurt (MAK). Zusammen mit Grit Weber, Annika Sellmann und Klaus Klemp hat er eine grandiose Ausstellung kuratiert.

Grandios deswegen, weil sie zum ersten Mal umfassend alle Bereiche des Neuen Frankfurts vorstellt. Dazu gehören die Industrieprodukte und das gewaltige Wohnbauprogramm, aber eben auch die experimentellen Filme von Oskar Fischinger, der später für Walt Disney arbeiten sollte, und die Kompositionen von Paul Hindemith, die er für ein frühes elektronisches Instrument schrieb. Dazu werden die kreativen Netzwerke aufgezeigt, die spartenübergreifend mit einer immensen Lust neue Technologien ausprobierten und veröffentlichten - in den Illustrierten und mit der leichten Leica in der Hand.

Diese neuen Publikationswege wussten gerade Frauen zu nutzen. War das Bauhaus, bei all seinem visionären Geist, doch noch der klassischen Rollenverteilung eines akademischen Betriebs verhaftet, konnten in Frankfurt Felder erobert werden, die noch keinem Geschlecht zugeordnet waren: "Der Entwicklungsschub hat Lücken geöffnet, in die Frauen eintreten konnten", sagt die Kuratorin Grit Weber. Allen voran Grete Leistikow, deren Schwarz-Weiß-Aufnahmen so klar das neue Sehen zum Ausdruck brachten, mit steilen Perspektiven, starken Anschnitten und der Dynamik des urbanen Raums.

Trotz der über 500 Objekte, die vielfach nicht aus Museen, sondern von Privatleuten und aus Archiven stammen, schafft es die Ausstellung, nicht zu überfordern, und stattdessen klar und aufgeräumt zu informieren. Sie macht das thematisch, nicht chronologisch. Mit einem Farbenleitsystem, das schnell Orientierung bietet, und natürlich in Paul Renners Futura, der Schrifttype, die für Zukunft stand, gnadenlos entschlackt, weil serifenlos, aber alles andere als freudlos.

"FUTURA - die Schrift unserer Zeit erobert im Fluge die Welt", triumphierte eine Anzeige, entworfen von Liselotte Müller. Die beiden Flugobjekte, die sich so hoffnungsfroh nach rechts oben bewegen, wirken wie eine Kreuzung aus Schwalbe und Flugzeug. Das passte. 1925 starteten und landeten bereits knapp 2400 Flugzeuge in Frankfurt, hier stand die erste Verkehrsampel Deutschlands, kam es zur ersten telefonischen Vermittlung, gab es große Industrien. Kurz: Frankfurt war der Prototyp einer modernen Metropole.

Der Grund, warum die Protagonisten des Neuen Frankfurts diese Stadtgenese derart in Form gießen durften, war vor allem die Stadt selbst. Sie sah es, in Personen wie dem Oberbürgermeister Ludwig Landmann und dem Stadtrat für Hoch- und Städtebau Ernst May, als ihre Aufgabe, ihren Bürgern ein besseres Leben zu bereiten. In Häusern, die modern, komfortabel und hygienisch sein sollten, mit Produkten, die sich alle leisten konnten, weswegen man sich nicht nur über die industrielle Herstellung und die Vermarktung, sondern auch über die Ratenzahlung Gedanken machte. Es ist dieses kommunale Verantwortungsbewusstsein, das heute - in Zeiten von Wohnungsnot und Segregation - so beeindruckt. Das Nachdenken darüber, "was eine Gesellschaft braucht, damit sich eine Gemeinschaft entwickelt", wie Wagner K das formuliert.

Landmann und May nutzten dabei alles, um ihrem Ziel näher zu kommen. Die internationale Messe, die dabei helfen sollte, die Qualität deutscher Produkte zu verbessern, genauso wie die neue Kunstschule Frankfurts, die sich am Bauhaus Weimar orientierte, aber ganz bewusst mit dem Hochbauamt personell verknüpft war, damit Aufträge gleich an Schüler weitergegeben werden konnten.

Der Erfolg war gewaltig: Allein 12 000 Wohnungen wurden am Hochbauamt in den Zwanzigern entwickelt. Das ging nur, weil May eine gewaltige Machtfülle besaß. Und weil radikal standardisiert wurde. Die sogenannte "Frankfurter Norm" umfasste Türklinken, Fenster und natürlich die "Frankfurter Küche". Margarete Schütte-Lihotzky hatte diese erste modulare Einbauküche entwickelt und darin die Abläufe auf Effizienz gebürstet: Mit wenigen Schritten war alles erreichbar. Bevormundung? Wer genauer hinguckt, wird die Vielfalt innerhalb der Norm bemerken und natürlich hielt nichts die Bewohner davon ab, mit ihren alten klobigen Möbeln in die neuen Wohnungen zu ziehen.

Womit die Frage bleibt, warum das Neue Frankfurt, dem die Nationalsozialisten 1933 ein schnelles Ende bereiteten, verglichen mit dem Bauhaus heute so unbekannt ist. Vermutlich weil Ernst May nach Osten in die UdSSR abbog, während Walter Gropius, diese geniale PR-Maschine, es in den USA schaffte, einen Mythos aufzubauen, der größer war, als das Bauhaus in Deutschland jemals gewesen ist. Das Bauhaus blieb eine Idee, so edel und rein, dass sie viel besser zum Mythos taugte als eine einfache Holzbank - auch wenn darauf die Gesellschaft Platz nehmen konnte.

Moderne am Main 1919-1933, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt, bis 14. April. Info: www.museumangewandtekunst.de