Architektur Tokios olympische Bescheidenheit

Statt des ursprünglich geplanten "Fahrradhelms", bekommt Tokio nun zu den Olympischen Spielen 2020 einen "Hamburger".

(Foto: Japan Sport Council)

Zaha Hadids Entwurf für Tokios neues Stadion ist Makulatur. Ein japanischer Architekt bekam den Zuschlag.

Von Christoph Neidhart

Statt des "Fahrradhelms" erhält Tokio einen "Hamburger" - so wurde der neue Entwurf für Japans Nationalstadion nach seiner Vorstellung am letzten Dienstag wenig schmeichelhaft genannt. Andere verspotteten es als "Spiegelei".

Das Projekt des japanischen Architekten Kengo Kuma, der wichtigste Neubau für die Olympischen Spiele 2020, soll in der Rekordzeit von drei Jahren fertig werden. Das japanische Kabinett, das die Wahl zusammen mit den Organisatoren traf, lobte den Entwurf seiner Schlichtheit wegen als "typisch japanisch". Den Ausschlag gab aber die Tatsache, dass es sich innerhalb von drei Jahren realisieren lässt.

Tokio hatte sich für Olympia 2020 mit dem Versprechen beworben, billige Spiele auszurichten. Anders als beim Mitbewerber Istanbul seien die meisten Sportstätten bereits gebaut, man müsse sie nur renovieren. So auch das Nationalstadion, das für die Spiele 1964 errichtet worden war und zum Monument der japanischen Architektur-Moderne geworden ist. Doch kaum hatte Tokio den Zuschlag erhalten, wollten die Organisatoren nichts mehr von Mitsuo Katayamas 50 Jahre altem Nationalstadion wissen. Statt es zu renovieren, beauftragte man die irakisch-britische Architektin Zaha Hadid damit, ein neues Stadion zu bauen, eben jenen gigantischen Fahrradhelm. Sie ging bei ihrem Entwurf wenig sensibel mit den Parks der Umgebung um und verletzte Vorgaben und Bauvorschriften. Auch Zweifel an der Realisierbarkeit ihres Riesenbaus konnte sie nicht ausräumen.

Die Tokioter gingen gegen das Projekt auf die Straße, renommierte japanische Architekten protestierten. Doch die Architektin wollte von der Kritik nichts wissen. Sie habe nun einmal den Wettbewerb gewonnen, sagte sie. Und der Bau ihres Stadion sei bereits im Gange. Auch Organisatoren und Politikern missfiel ihr Entwurf, aber kaum einer wagte es laut zu sagen, zumal Hadids Projekt größer und extravaganter zu werden versprach als alles, was Olympia bisher gesehen hat - und mit einem Budget von fast drei Milliarden Euro auch teurer, worüber sich die lokale Bauindustrie freute, die mit der Regierungspartei eng verfilzt ist. Nur kann sich das hochverschuldete Japan solche Extravaganzen gar nicht leisten. Schließlich stoppte Premier Shinzō Abe Hadids Projekt persönlich - mit dem Kosten-Argument. Nur war es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich, auf den ursprünglichen Plan zurückzugreifen und das alte Stadion zu renovieren. Es war in aller Eile abgerissen worden.

Im September bat man nun zwei japanische Architekten, neue Entwürfe auszuarbeiten, und zwar bereits in Kooperation mit Baufirmen, um Zeit zu sparen. Ihr Auftrag lautete, ein Stadion zu entwerfen, das nicht mehr als 150 Milliarden Yen kostete, etwa 1,13 Milliarden Euro. Und das bis November 2019 fertig würde. Nun ist bekannt geworden, wer die beiden sind. Es handelt sich um Kengo Kuma, der den Zuschlag erhalten hat, und Toyo Ito, der mit seiner Baseball-Halle ganz aus Holz im nordjapanischen Ōdate und mit seinem mit Solarzellen verkleideten, energieautarken Nationalstadion im taiwanischen Kaohsiung bewiesen hat, dass er innovative Sportstätten bauen kann. Die Wahl fiel auf Kumas weniger originellen Entwurf. Itos Projekt war innovativer, doch das Risiko, es könne deshalb zu neuen Verzögerungen kommen, wollten Regierung und Organisatoren nicht mehr eingehen. Die Megalomanie ist dem Pragmatismus gewichen.

Demnächst wollen die Organisatoren auch das Logo für Olympia 2020 vorstellen. Ihre erste Wahl, die sie im Juli mit viel Getöse präsentiert hatten, mussten sie, wie beim Stadion, verschämt zurückziehen. Das Logo sah dem eines belgischen Theaters auffällig ähnlich, und dem Grafiker, der es entworfen hatte, wurden zahlreiche Plagiate nachgewiesen. Die Sommerspiele von 2020 scheinen zu einem Olympia der zweiten Anläufe zu werden.