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Architektur:Studienplatz de luxe

Das Studentenwohnheim waren früher ein Synonym für Hässlichkeit. Plötzlich enstehen allerorten herrliche Gebäude. Warum?

Von der Terrassenlandschaft schweift der Blick weit über die dänische Insel Fünen bis zum Meer. Hier oben, in 50 Meter Höhe, räkeln sich junge Menschen mit schicken Sonnenbrillen auf Holzplanken oder rund um die Blumenbänke. Als der Architekt inkognito einige junge Frauen fragt, wie ihnen ihre Luxusaussicht gefällt, regnet es Lob. Nur ein Spa würde noch fehlen, wird gescherzt. Tatsächlich war zunächst ein Spa auf der "Bergdorf" getauften Spitze dieses Wohnhauses geplant, erklärt Julian Weyer vom Aarhuser Büro C.F. Møller Architects später, aber dann habe man lieber eine Sky-Bar entworfen, mit Panoramablick über Odense.

Das Erstaunliche an dieser Szene auf dem Wohnhochhaus ist, dass es sich bei dem Objekt nicht um einen Condominium-Tower für Neureiche handelt. Das Campus Kollegiet neben der Syddansk Universitet in Odense ist ein Studentenwohnheim. Weil die Stiftung des dänischen Container-Riesen Maersk das Haus der Universität geschenkt hat, ist es eines mit richtig ansprechender Architektur, möbliert mit Entwürfen von Verner Panton, Louis Poulsen und Barber & Osgerby, mit drei schicken Gemeinschaftsküchen pro Etage, riesigen Flachbildschirmen vor Sofalandschaften, mit gläsernem Balkon und eigenem Fahrrad für jeden Bewohner sowie einem Café am Eingang mit "supergesundem" Essen. Und mit einem für dänische Verhältnisse günstigen Mietpreis: umgerechnet 400 Euro zahlen die 250 Bewohner für ihre schicken Einraumwohnungen.

Durch die hohen Mieten wird kostenfreie Bildung für viele Studenten am Ende unbezahlbar

Auch von außen würde man die Landmarke kaum mit einem der lieblosen Studentenbunker der Nachkriegsmoderne verwechseln, in denen an deutschen Unis bis heute viele Studenten untergebracht sind. Kleeblattförmig stehen die drei Türme zueinander, im Kern durch großzügige gläserne Gemeinschafsflächen verbunden, von denen aus man einen freien Blick in drei Richtungen genießt. Komponiert aus 27 dezent gegeneinander verschobenen Wohnschachteln mit perforierten Seitenwänden aus graubraunem Ziegel zeigt das Boxen-Gebirge aus jeder Perspektive eine aufregende Fassade. Es sollen ja nicht nur die Bewohner etwas vom dänischen Design-Ethos haben.

International sind in den letzten Jahren erstaunlich viele hochästhetische Lösungen für die ungeliebte Bauaufgabe des akademischen Billigwohnens entstanden. In einer Immobilienwirtschaft, wo Schönheit und individuelle Gestaltung Zusatzkosten sind, die man nur hochpreisigen Renditeobjekten gönnt, war der Entwurf von Unkostenwohnungen lange dem banalsten Gebäudeschema verpflichtet. Aber mittlerweile lernen manche Architekten, die beschränkten Mittel mit Gewinn für die Gestaltung einzusetzen, oder Studentenwohnungen entstehen in gemischten Komplexen durch Quersubventionierung von ertragreichen Funktionen.

In Amsterdam hat das Büro VMX eine elegante weiße Wohnscheibe für Studenten mit einem schwarzen Hochhaus für solventere Mieter kombiniert. Im strahlend weißen Appartement-Hochhaus "Park Tower" in Antwerpen von Studio Farris mit seiner flirrenden Windsegelfassade werden 80 Studentenwohnungen in den unteren Stockwerken angeboten. Und in Paris steht über einem froschgrünen Bildungszentrum ein Großkomplex mit 150 studentischen Wohneinheiten, dessen Lattenverkleidung das Gebäude wie Streichholzarchitektur in Maxiformat wirken lässt.

Überhaupt sorgt Paris in letzter Zeit mit diversen Studentenhäusern für Aufsehen, zuletzt durch die "Basket Appartments". Das ist ein 200 Meter langer Scheibenbau vom slowenischen Büros OFIS, der aussieht, als sei ein Marktstand für Singvogelkäfige monumental vergrößert worden. Aber auch in Deutschland nimmt man langsam Abstand von Betonregalen und Schachtelklötzen. Flexible Gemeinschaftskonzepte stehen vielfach am Beginn des Entwurfs, individuelle Gestaltung wird jetzt auch den Kurzzeitmietern zugestanden. Raum- und Farbkonzepte sorgen in vielen Neubauten dafür, dass die serielle Studentenbude an Abwechslung gewinnt.

Einige der überzeugendsten Beispiele liefern Rückgriffe auf die Vergangenheit. Das gilt für den Neubau des Olympischen Studentendorfs in München durch Bogevischs Büro (das noch weitere attraktive Sammelunterkünfte für Studierende entwickelt hat). Im Stil kommunikativer Nachverdichtung wurde das Zellenensemble von 1972 zu einer Art Kasbah für Zwerghäuschen. Dagegen lieferte in Berlin das Studentendorf Schlachtensee von 1964 mit seiner Angerstruktur inklusive Rathaus, Mensa und Theatersaal - seit 2006 nationales Kulturdenkmal - das Vorbild für ein Pendant in Berlin Adlershof. Hier besteht das Studentendorf aus zehn weißen Schachteln - verbunden mit Luftbrücken zum Rauchen, Sonnen und Grillen -, aus denen sich Holzboxen, die sogenannten "Denker-Erker", in verschiedenen Winkeln schieben. Die vom Büro "Zusammenarbeiter" entwickelte Siedlung erfüllt ihr Kommunikationskonzept für die 384 Zimmer durch Gemeinschafts- und Kochflächen, Innenhöfe, die mit Planschbecken und Liegestühlen bevölkert sind, sowie Kita, Café und Fitnessstudio. Wer bei Dorf an Idyll und nicht an Landwirtschaft denkt, findet im Wissenschaftspark der Humboldt-Uni den geeigneten Rückzugsort.

Allerdings ist dieser neue Wohnkomfort oft nicht billig. 399 Euro inklusive Handtüchern, Internet und Zimmerreinigung in Adlershof sind anders als in Dänemark für viele Studenten kein Schnäppchenpreis. Und die dramatische Lage für kleine Budgets auf dem Wohnungsmarkt wird dadurch verschärft, dass die Länder und Städte seit Jahren versäumt haben, den rapide wachsenden Studentenzahlen mit dem Neubau von Wohnheimen zu begegnen. 40 Prozent mehr Erstsemester in den letzten zehn Jahren stehen nur fünf Prozent mehr Wohnheimplätze gegenüber. Und diese sind fast ausschließlich in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg und Hessen entstanden.

Zwar hat das Studentenwohnheim grundsätzlich keinen guten Ruf unter den Kommilitonen (was sich angesichts der neuen Schmuckkästchen mit Blumenbeet, Sky-Bar und Muckibude schnell ändern kann). Aber angesichts von Durchschnittsmieten von 530 Euro für ein WG-Zimmer etwa in München führt das fehlende Angebot der Studentenwerke schleichend dazu, dass die kostenfreie Bildung an den besten Unis für ärmere Menschen unbezahlbar wird. Zumal diese bei der Wohnungssuche immer mehr in Konkurrenz zu Flüchtlingen und Transferempfängern geraten. Für die Ausbildung hat das Konsequenzen, weil junge Leute ohne wohlhabende Eltern nachts in der Kneipe jobben, und dann tags in den Vorlesungen einschlafen.

Schöne Beispiele - aber sie lösen nicht das Problem: Wir brauchen mehr sozialen Wohnungsbau!

Nun beginnen vermehrt Investoren aus dieser unschönen Verschiebung bei den Bildungschancen Profit zu schlagen. Weil die Mieten für Studentenwohnungen deutlich schneller steigen als bei anderen Behausungen (in Berlin in fünf Jahren um 30 Prozent), drängen sogar ausländische Konzerne auf den deutschen Wohnheim-Markt. An keine sozialen Vorgaben gebunden, entstehen auf diese Weise Projekte wie der hochumstrittene Umbau des Frankfurter Philosophicums. Das eigentlich denkmalgeschützte Uni-Gebäude von Ferdinand Kramer von 1960, von dem nach dem Umbau nur noch das Stahlskelett übrig ist, verwandelt der mit Autofedern reich gewordene Unternehmer Rudolf Muhr gerade in ein Apartmenthaus für Studenten. Schon der Name sagt, dass es sich bei den 238 Wohnungen an Adornos ehemaligem Arbeitsplatz nicht um Bildungsfürsorge handelt. Lediglich 32 Einheiten können staatlich subventioniert eine "sozialverträgliche" Miete von 350 Euro aufweisen, die restlichen werden frei vermietet, zunächst wohl für rund 500 Euro.

Zwischen diesen sozialen Extremen - dem Ausnutzen der studentischen Wohnungsnot aus Geldgier und dem Stiften von sonnigem Leben in dänischen Luxusminiaturen zu vernünftigen Mieten - finden sich die Beispiele qualitätsvoller Studentenwohnheime, die gerade überall aus den Baugruben emporwachsen. Die große aktuelle Wohnraumfrage, von der das Studentenwohnen natürlich nur ein Teilaspekt ist, wird aber weder durch das schöne noch durch das hässliche Gesicht des Unternehmertums beantwortet. Um preiswerten Wohnraum in großem Stil zu ermöglichen, der Studenten, Flüchtlingen, Armen gleichermaßen dient, wird es eine Neuauflage des sozialen Wohnungsbaus brauchen. Die Frage Spa oder Sky-Bar wird dann nicht zu den entscheidenden Qualitätskonflikten gehören. Außer, das Wohnen in solchen Wolkenheimen inspiriert die Gestalter der Zukunft zu Lösungen, die auch im Billigwohnen ein Bergdorf auf dem Dach ermöglichen.

© SZ vom 05.07.2016
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