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Architektur:Neustart!

Die Tate Modern, das weltweit meistbesuchte Museum für moderne Kunst, eröffnet am kommenden Freitag mit dem Switch House einen spektakulären Anbau.

Von Alexander Menden

Von der Brücke aus, die auf Höhe des vierten Stocks das Stammhaus der Tate Modern und ihren neuen Anbau verbindet, erfasst man mit einem Blick diverse historische Schichten des Museums: Auf einer tiefer gelegenen Brücke im ersten Stock steht jetzt Ai Weiweis "Tree"; die zusammengeschraubte Baumskulptur des Chinesen ist die neueste Rieseninstallation in der noch viel riesigeren Turbinenhalle. Ganz unten ist, etwas heller als der übrige Beton, der wiederaufgefüllte Riss zu erkennen, den die Kolumbianerin Doris Salcedo 2007 für ihre Installation "Shibboleth" in den Hallenboden graben ließ. Sieht man genau hin, sind in der Nähe der Stirnwand sogar noch die Markierungen zu erkennen, welche die Beine der gigantischen Stahlspinne "Maman" hinterließen. Sie stellte Louise Bourgeois zur Eröffnung des umgebauten Kraftwerks am südlichen Themseufer in die Halle.

Frances Morris erinnert sich noch lebhaft an die hektischen Tage im Mai 2000, bevor die Tate Modern zum ersten Mal ihre Türen öffnete. Damals war sie maßgeblich mitverantwortlich für die Auswahl der ersten Dauerausstellung, und so nervös wie alle Tate-Mitarbeiter: "Wir haben uns selbst sehr unter Druck gesetzt", sagt Morris, während sie von der Brücke zurück in den "Switch House" genannten Neubau führt.

Sie freut sich, dass es so lange gedauert hat: "Damals wäre ich ja noch nicht Direktorin gewesen."

Wenn sich dieser Erweiterungsbau der Tate Modern am kommenden Freitag erstmals fürs Publikum öffnet, wird Frances Morris deutlich weniger nervös sein: "Weil wir jetzt wissen, dass am ersten Tag nicht alles hundertprozentig klappen kann - man ist einfach entspannter. Und zweitens natürlich, weil ich diese Eröffnung als Direktorin erlebe." Aus dem gleichen Grund behauptet Morris, die vierjährige Verspätung, mit der das Erweiterungsprojekt nun endlich seinen Abschluss findet - ursprünglich sollte schon zu den Olympischen Spielen von London alles fertig sein -, sei ein Glücksfall für sie: "Damals wäre ich ja noch nicht Direktorin gewesen!" Das hört sich einstudiert an. Aber man gönnt Morris die Genugtuung, die in ihrer Antwort zweifellos auch mitschwingt. Sie ist ja seit April nicht nur die erste Frau, die die Tate Modern leitet, sondern - nach Direktoren aus Schweden, Spanien, Belgien - das erste Eigengewächs des Hauses, das es an dessen Spitze geschafft hat. Dass es leicht für sie wird, erwartet Morris nicht - die Tate muss noch immer 38 der umgerechnet 328 Millionen Euro Baukosten auftreiben. Zudem habe der harte Umgang der britischen Medien mit Penelope Curtis, die als erste weibliche Leiterin des Schwesterhauses Tate Britain 2015 entnervt kündigte, sie eines gelehrt, sagt Morris: "Sei immer nett zur Presse."

Die zierliche Endfünfzigerin bewegt sich so selbstsicher wie nahbar durch ihr Reich, grüßt herzlich Mitarbeiter, weist im Vorbeigehen auf architektonische Details hin. Das könnte sich ein von außen geholter Chef zwar sicher antrainieren, aber bei ihr wirkt es vollkommen natürlich. Morris war immer Teil der Tate Modern und hat miterlebt, wie sie mit fünf Millionen Besuchern jährlich zum weltweit meistbesuchten Museum Moderner Kunst wurde. Wie Weiwei, Salcedo und Bourgeois hat sie bleibende Spuren in der Geschichte der Institution hinterlassen. Nun schreibt sie diese Geschichte fort. Dabei verbindet Francis Morris, in Süd-London geboren, zehn Jahre für die Sammlung Internationaler Kunst zuständig, in nahezu idealtypischer Weise den globalen und den lokalen Anspruch dieses Hauses. Man glaubt ihr etwa aufs Wort, wenn sie beteuert, wie froh sie sei, endlich ein Tor direkt zum Stadtteil Southwark zu haben.

Einige der hochfliegenden Pläne des Architekturbüros Herzog & de Meuron für den Anbau, die Tate-Boss Nick Serota vor zehn Jahren vorstellte, konnten nicht umgesetzt werden. Die angekündigte Gussglashülle etwa wurde durch eine preiswertere Verschalung aus Backstein ersetzt. Doch die Idee, eine direkte Achse zu schaffen, die von Southwark durch die Tate hindurch, über die Millennium Bridge und bis zur St Paul's Cathedral am Nordufer führt, ist in beeindruckender Weise Realität geworden. Bisher musste man, von Süden kommend, um den Riegel der Tate Modern herumlaufen, um hineinzukommen. Sie wirkte wie abgeschnitten von der Umgebung. Das Switch House hat jetzt erstmals einen Eingang, der die Sumner Street mit dem Inneren der Tate verbindet.

Auf Straßenniveau spaziert man zunächst über einen recht öden Vorplatz und dann auf der unteren Brücke quer über die Rampe der Turbinenhalle in das alte Haus. Das heißt übrigens neuerdings ganz im Geiste des industriellen Erbes "Boiler House". Äußerlich die braune Tönung des alten Gebäudes von Giles Gilbert Scott aus den Fünfzigerjahren aufnehmend, wirkt der neue, zehnstöckige Turm an der Südwestecke des Tate-Riegels mit seinen keilförmigen Ausstülpungen wie eine dekonstruierte Pyramide. Die Höhe des Switch House orientiert sich an der des Schornsteins. Dadurch wirkt der Anbau trotz seiner Wuchtigkeit nicht zu dominant.

Dass die Erweiterung notwendig war, bestritten selbst jene nicht, die fanden, dass die ursprüngliche Auswahl der Dauerausstellungen - ebenso wie deren Neuhängung 2006 - nicht immer der Qualität der umgebenden Architektur gerecht wurde. Es fehlte ein Pendant zu den Sälen im alten Kraftwerk, die trotz der klug angebrachten Rolltreppen keinen idealen Publikumsfluss zulassen. Der Erweiterungsbau bietet, vom Erdgeschoss mit den wiedereröffneten Öltank-Räumen für Performance, bis hinauf in den zehnten Stock mit seiner Aussichtsplattform, 60 Prozent mehr Ausstellungsfläche, verbunden durch vier elegante, dreiviertelgewendelte Treppen aus Gussbeton. Die Schweizer Architekten haben das Switch House, anders als es ihnen bei der Umwidmung des Kraftwerks möglich war, auf möglichst große Bewegungsfreiheit für die Besucher ausgelegt.

Das Innere ist überraschend hell. Die Backsteinhülle sieht aus der Ferne solide aus, weist aber eine durchbrochene Gitterstruktur auf, die reichlich Licht in die zehn Stockwerke dringen lässt. Deren untere vier sind der Kunst vorbehalten, darüber sind Studios, eine Lounge für Tate-Mitglieder, ein Restaurant und, ganz oben, Londons neueste Aussichtsplattform mit einem wirklich atemberaubenden Rundumblick auf die Stadt. Subtile Interventionen in die Architektur, etwa die kaum merkliche Steigung im Boden aus unbehandelter Eiche im zweiten Stock, geben bereits einen Hinweis auf das kuratorische Programm. Frances Morris sieht dabei die Methoden der Land Art direkt im Gebäude angewendet - eine architektonische Einstimmung auf die Kunst, die hier gezeigt wird.

Frances Morris, 57, ist die erste Frau an der Spitze der Tate Modern. Die Spezialistin für internationale Kunst der Nachkriegszeit arbeitet seit 1987 als Kuratorin an der Tate.

(Foto: Hugo Glendinning )

Auch die beiden größten Ausstellungssäle auf Level 2 passen mit ihren freiliegenden Neonröhren, Rohren, Kabeln und Stahlträgern in der Decke stilistisch zur "Vom Objekt zur Architektur" genannten Auswahl der ersten permanenten Ausstellung im Switch House: Sie sind, wie der gesamte Anbau, der Kunst seit den Sechzigerjahren gewidmet, und zeigen deutlich die Handschrift der neuen Direktorin. Frances Morris wollte schon immer einem breiteren Publikum die weniger bekannten Zeitgenossen amerikanischer Pop- und Minimal Artists vorstellen.

"Wir wollen von der Idee wegkommen, dass das alles aus New York kam oder alles in der Skulptur begann", erklärt sie. "Wir wollen Künstler aus der ganzen Welt zeigen. Vierzig Prozent dieser Arbeiten sind von Frauen. Das sind keine schlechteren Werke, nur vielleicht weniger bekannte." So sind neben Werken von Donald Judd oder Bruce Nauman ein Glaskubus von Roni Horn, ein Backsteinstapel der Libanesin Saloua Raouda Choucair oder "Cloud Canyons No. 3", ein Schaumspringbrunnen des philippinischen Aktionskünstlers David Medalla, zu sehen. Ein weiterer Raum ist dem "Feierlichen Prozess" gewidmet, einem Langzeitprojekt der Rumänin Ana Lupas, bestehend aus geschweißten Blecharbeiten, die Lupas seit den Sechzigerjahren gemeinsam mit transsilvanischen Dorfbewohnern geschaffen hat.

"In einem Wissenschaftsmuseum verstehe ich doch auch nichts, und es macht trotzdem Spaß!"

Eine recht eklektische und spröde Auswahl also. Setzt die Tate Modern sich damit bei aller architektonischen Pracht des Neubaus nicht der gleichen Kritik aus, die schon 2000 geübt wurde: dass hier Kunst gezeigt werde, für die man Gebrauchsanweisungen und Fußnoten brauche? "Es stimmt", erwidert Frances Morris, "manchmal muss man den Besuchern erklären: Das ist Kunst! Aber wenn ich in ein Wissenschaftsmuseum gehe, verstehe ich doch auch nichts, nicht einmal die Erklärungen - und es macht trotzdem Spaß!"

Dass der Erfolg des Hauses unabhängig von der Kunst, die es zeigt, anhalten wird, scheint ohnehin garantiert zu sein. Tate Modern ist, wie St Paul's Cathedral, längst eine jener Londoner Touristenattraktionen, die ihre Wirkung losgelöst von ihrem eigentlichen Zweck entfalten. Mit dieser Erfolgsgeschichte im Rücken kann Frances Morris die Eröffnung am Freitag in einem anderen Licht sehen als jene vor 16 Jahren: "Damals war es der Endpunkt einer langen Entwicklung", sagt sie. "Diesmal fühlt es sich an wie ein Neubeginn."

© SZ vom 15.06.2016

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