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Zum Tod von Gottfried Böhm:Gottes Betonbaumeister

Gottfried Böhm

Gottfried Böhm (1920-2021) erhielt als erster Deutscher 1986 den Pritzker-Preis, eine Art Nobelpreis für Architektur, für seine Verbindung von Tradition und Moderne. Bis ins hohe Alter arbeitete der Kölner an seiner Architektur.

(Foto: Raphael Beinder/dpa)

Der Architekt Gottfried Böhm hat Meisterwerke der deutschen Nachkriegsmoderne geschaffen. Am 9. Juni ist der Kölner 101-jährig gestorben.

Von Gottfried Knapp

Beschäftigt man sich mit dem künstlerischen Werk von Gottfried Böhm - neben Frei Otto der einzige deutsche Architekt, der bislang den hochdotierten Pritzker-Preis für sein Werk erhalten hat - dann betritt man ein Gelände, auf dem so manches als einzigartig oder zumindest recht außergewöhnlich erscheinen muss. Zum Beispiel die Tatsache, dass dieser Mann sowohl Sohn als auch Vater hochgeschätzter Architektenpersönlichkeiten war. Ungewöhnlich dürfte auch sein, was dieser Mann in den letzten Jahren seines Lebens, also im hohen Alter, erlebt hat: dass Bauten von ihm, die schon seit Langem unter Denkmalschutz stehen und in allen Architekturgeschichten verzeichnet sind, in einen Zustand geraten, in dem sie für die zuständigen Kommunen oder Institutionen zu einem langfristigen konservatorischen Problem werden.

Wallfahrtskirche in Neviges

Einzigartig: der Mariendom von Neviges mit seiner expressionistischen Zeltdachkonstruktion aus Beton.

(Foto: Horst Ossinger/picture-alliance/ dpa)

Die Rede ist von Meisterwerken der deutschen Nachkriegsarchitektur wie dem Mariendom von Neviges oder dem Rathaus von Bergisch-Gladbach-Bensberg, deren expressionistisch getürmte und gekurvte Sichtbetonarchitektur im Lauf der Jahrzehnte unansehnlich geworden ist, und die Leute, die nicht mit ihr aufgewachsen sind, zu stören beginnt. Nach einer wenig erfolgreichen Sanierung des Mariendoms in den Achtzigerjahren wird nun zumindest die 2700 Quadratmeter große Kirchendachfläche nach einem speziell an der Technischen Hochschule Aachen entwickelten Verfahren und unter der künstlerischen Oberleitung von seinem Sohn Peter Böhm saniert.

Sein Vater Dominikus Böhm war der Schöpfer archaisch-expressionistischer Kirchenmonumente und fast mystischer Kulträume

Genau mit diesen gestisch höchst eindrucksvoll gen Himmel strebenden Monumenten hat sich der 1920 geborene Gottfried Böhm am direktesten in die Tradition begeben, die von seinem Vater Dominikus Böhm, dem Schöpfer archaisch-expressionistischer Kirchenmonumente und fast mystischer Kulträume, in den zwanziger und dreißiger Jahren begründet worden ist. Seinen Söhnen aber, die allesamt architektonisch und bildkünstlerisch tätig sind - Stephan, Peter und Paul Böhm haben inzwischen das Architekturbüro des Vaters übernommen oder sich selbständig gemacht - hat Gottfried eher seine andere Vorliebe, seine Neigung zu geometrischen Grundformen wie Kreis, Quadrat oder Dreieck und sein kreatives Denken in modernen Baustoffen wie Beton oder Stahl und Glas vermittelt.

Bergisch-Gladbach, Ortsteil Bensberg, Rathaus

Das Rathaus Bensberg in Bergisch-Gladbach entwarf der Kölner Architekt auf dem Grundriss der alten Burg. Es wurde von 1964-1969 erbaut.

(Foto: Florian Monheim /picture alliance / Bildarchiv Mo)

Und noch etwas unterscheidet die Böhms von den meisten ihrer deutschen Kollegen: der entschieden bildkünstlerische Impuls, der das architektonische Denken prägt, der bei der Formfindung eine zentrale Rolle spielt und den Auftritt der gebauten Objekte in der Öffentlichkeit wesentlich mitbestimmt. Gottfried Böhm hat sein architektonisches Werk mit zahllosen virtuos hingewischten Skizzen und malerisch suggestiven Zeichnungen begleitet. Und auch im Inneren seiner Bauten setzt sich die Liebe zu farblichen oder plastischen Zusatzeffekten immer wieder fast herrisch durch, was in einigen der späteren Bauten, wie im Stadttheater von Itzehoe, zu einer Überinstrumentierung geführt hat, die zwar Langeweile verhindert, aber zu direkt auf sich selber hinweist, also vom Geschehen im Raum ablenkt.

Hans Otto Theater vom Architekten Gottfried Böhm in Potsdam, *** Hans Otto Theater by architect Gottfried Böhm in Potsd

Mitreißender Schwung: das Hans Otto Theater am Havelufer in Potsdam von Gottfried Böhm.

(Foto: imago images/Travel-Stock-Image)

Im Hans Otto Theater am Havelufer in Potsdam aber ist es Böhm in den letzten Monaten des alten Jahrhunderts noch einmal glorios gelungen, den mitreißenden Schwung der farbigen Vorzeichnungen in die Architektur hinüberzuretten und über die ins Freie schwebenden, leuchtend roten Dachsegel in die umgebende Landschaft zu übertragen.

Mit virtuos hingewischten Skizzen und malerisch suggestiven Zeichnungen hat der Architekt sein Werk begleitet

Schon ein andeutender Überblick über das riesige Gesamtwerk kann eindrucksvoll zeigen, wie Gottfried Böhm unterschiedlichste Bauaufgaben bewältigt hat und dabei seinem eigenen bildnerischen Anspruch, seinen eigenen plastisch-koloristischen Vorstellungen treu geblieben ist. Von den neuexpressiven Kirchen- und Rathausbauten der Sechzigerjahre war schon die Rede. Zuvor hat Böhm an der Burg von Bad Godesberg vorgeführt, wie sich mittelalterliche Türme und Mauern höchst malerisch mit den sachlichen Formen eines modernen Hotels verbinden lassen. An den mehrgeschossigen Wohnhäusern aber, die sich unterhalb der Burg am Hang herunterziehen, hat er erstmals jene später noch oft verwendeten filigranen Balkongitter anbringen lassen, die ein grafisches Muster über die Fassaden ziehen und so den Häusern eine einladende Lebendigkeit geben.

Als in den späten Siebzigern über die fällige Sanierung des baufälligen Saarbrücker Stadtschlosses diskutiert wurde, konnte sich Böhm mit der Idee durchsetzen, die beiden Seitenflügel in überkommenen Formen zu restaurieren, in die Mitte aber einen deutlich höheren Mittelrisalit in modernen Formen einzufügen. Dieser Zentralpavillon aus Stahl und Glas spendiert dem Verwaltungszentrum festlich ausgekleidete Veranstaltungsräume, die man auch als Böhm'sche Gesamtkunstwerke charakterisieren könnte.

Böhm hat die geometrischen Grundformen wie Kreis, Quadrat oder Dreieck in seiner sehr speziellen Weise architektonisch überhöht

Von den deutschen Bürobauten der Achtzigerjahre dürfte das Züblin-Haus in Stuttgart-Vaihingen am frühesten in die Baugeschichte eingegangen sein. Böhm hat in diesem exemplarischen Verwaltungsbau zwei parallel stehende Büroriegel so weit auseinandergezogen, dass dazwischen ein riesiger Freiraum entstand, den er gläsern überwölbte und an drei Stellen mit Stegen überbrückte. Die so entstandene helle Halle, in der Bäume wachsen, lädt auf höchst angenehme Weise zum Verweilen und zu Veranstaltungen ein und ist darum bei Hotel- und Verwaltungsbauten oft kopiert, variiert und paraphrasiert worden.

Ulmer Zentralbibliothek

Die Dächer der Ulmer Altstadt werden von der Glaskonstruktion der 2004 fertiggestellten Stadtbibliothek von Gottfried Böhm überragt.

(Foto: Stefan Puchner/picture-alliance/ dpa)

Zum Schluss sollen noch drei Gebäude vorgestellt werden, in denen Böhm geometrische Grundformen in seiner sehr speziellen Weise architektonisch überhöht hat. Im kreisrunden Bürgerhaus von Saarbrücken-Dudweiler etwa ist die Stadtbücherei auf dem Umgangsbalkon eingerichtet, der sich kreisförmig um die Rotunde des Veranstaltungssaals herumlegt. Für die Deutsche Bank hat Böhm in Luxemburg-Kirchberg auf quadratischem Grund einen mächtigen Würfel errichtet. Die kreisrunde, gläsern überwölbte Halle, die er in diesen Würfel hineingestellt hat, entwickelt mit ihren schwebenden Emporen fast kultische Qualitäten, ja sie lässt sich als eine Art Pantheon des Kapitals erleben.

In der Stadtbibliothek von Ulm schließlich hat Böhm alle Funktionen so in einen allseits gleichmäßig verglasten quadratischen Würfel mit aufgesetzter Pyramide gepackt, dass Altstadtbesucher dem Wunsch, diesen leuchtenden Würfel von innen zu erleben, kaum widerstehen können.

Am 9. Juni ist Gottfried Böhm im Alter von 101 Jahren gestorben.

© SZ/lawe
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Kirchen und brutalistische Betonbauten haben den Architekten Gottfried Böhm berühmt gemacht. Mit hundert hat er uns nun sein letztes Interview gegeben - und sagt darin nur noch, was wirklich wichtig ist.

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