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Favoriten der Woche:Entschlüsseln macht Freude

Planet City

Filmstill aus Liam Youngs "Planet City".

(Foto: Liam Young/Screenshot Youtube)

Die Fragen der Favoriten: Architektenrenderings wollen aufmunternd wirken, warum unseres nicht? Wie fühlt sich zu Hause an? Was ist eine fröhliche Online-Bibliothek? Wie dekodiert man Belarus? Und wer braucht Gitarren?

Kathleen Hildrand, Peter Richter, Sonja Zekri, Nicolas Freund und Lina Wölfel

Planet City

Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung auf zehn Milliarden Menschen angewachsen sein. Hinzu kommt der Klimawandel. Verständlich, dass auch den berufsoptimistischen Stand der Architekten mitunter ein Gefühl des Apokalyptischen beschleicht. Bjarke Ingels, dessen Kopenhagener Planungsbüro nicht grundlos BIG heißt, hat daher in einem Interview mit dem Time-Magazine neulich schon einen Masterplan für den kompletten Planeten angekündigt. Botschaft: Wenn die Beplanung der Erde künftig "holistisch", aus einem Guss - nämlich: meinem - ist, dann kriegen wir die Problemchen schon gelöst. Auftritt des amerikanischen Architekten Liam Young, der Ingels' Haltung auf dezeen.com als "kolonialistisch" brandmarkte und stattdessen in einem kleinen Film folgendes vorschlug: Alle zehn Milliarden Menschen auf der Erde sollten 2050 in einer einzigen Stadt wohnen, welche dann nur 0,02 Prozent der Erdoberfläche einnehmen würde. Sie wäre damit dann zwar immer noch so groß wie ein durchschnittlicher Bundesstaat in den USA. Aber im Rest der Welt könnten dann die Pflanzen und die Tiere für immer ungestört unter sich sein. Youngs radikaler kleiner Film heißt "Planet City", kann unter diesem Titel zum Beispiel auf Youtube angeschaut werden und sieht so betörend aus, als ob Young ein japanisches Trickfilmstudio gebeten hätte, ein melancholisches Wong-Kar-Wai-Drama zu persiflieren, das sowohl in den Hochhausgebirgen von Hongkong als auch in den Favelas von Rio spielt - und zwar gleichzeitig in der Zukunft und der Vergangenheit. In den Fenstern kleben jedenfalls auch 2050 noch altertümliche Klimaanlagen, und dauernd regnet es Asche. Normalerweise wollen Architektenrenderings aufmunternder wirken. Aber einerseits sehen wir ja, wohin es die Welt damit gebracht hat. Und andererseits gibt es dafür eben immer noch Bjarke Ingels, der schon für dieses Jahr die Vorstellung konkreter Baupläne für seine Rettung der Welt in Aussicht gestellt hat.

Peter Richter

Kitchen Disco

Sophie Ellis-Bextor trägt Paillette in der Kitchen-Disco.

(Foto: Screenshot: Youtube)

Die Sängerin Sophie Ellis-Bextor verhalf dem Disco-Pop Anfang der Nullerjahre mit "Murder on the Dancefloor" zu einer herrlich britisch distinguiert klingenden Blüte. Jetzt, während der Pandemie, veröffentlicht sie auf ihrem Youtube-Kanal regelmäßig Karaoke-Auftritte aus der Küche ihres Hauses, singt in Pailletten-Minikleidern Songs von Abba, Madonna oder aus Disneyfilmen, während ihre fünf rothaarigen Söhne je nach Alter rumgammeln, mittanzen oder auf dem Boden einem Ball hinterherkrabbeln. Das ist nicht nur eine Frischekur für Körper (mittanzen!) und Geist (abendliche Eintönigkeit ist nicht zwingend!), sondern auch sehr lustig, weil Ellis-Bextor jeden Song auf die reale Lockdown-Situation dreht. In Madonnas "Like a Prayer" bleibt sie an der Zeile "Feels like Home" hängen: "Es fühlt sich immer wie zu Hause an. Denn man ist, immer, zu Hause."

Kathleen Hildebrand

Eurograph.art

Eurograph.

(Foto: Screenshot: Youtube/Screenshot: Youtube)

Seit einem Jahr ist unser Wortschatz von wissenschaftlichen, auch beängstigenden Begriffen wie R-Wert, Infektionszahlen, Inzidenz, Mutation und Quarantäne bestimmt. Das Projekt Eurograph setzt dem Pandemie-ABC eine von Fröhlichkeit und Energie dominierte Online-Bibliothek gegenüber. Mit 52 Künstlerinnen und Künstlern aus Deutschland und Frankreich hat das Centre Français de Berlin ein zweisprachiges Alphabet des positiven Denkens entwickelt. Die Spielregeln: Man gibt ein beliebiges Wort in das Suchfeld ein, etwa das düsterste Wort des Jahres: Corona - und erhält eine auf den Buchstaben des Wortes basierende Video-Playlist. Corona besteht dann aus "Caracter", "Comme Oui", "Reisen", "Optimismus", "Comme Naissance" und "Comme Autre". Die jeweiligen Begriffe wurden von den Künstlern und Kollektiven in eineinhalb bis zweiminütige Videos aus allen Sparten der Künste umgesetzt. Da beweist eine Schauspielerin vom Berliner Theaterensemble "Nico and the Navigators" Charakter, indem sie den Pixies-Hit "Where is my mind" performt. Gemeinsam mit geflüchteten Jugendlichen lernt man französische Vokabeln in einem Projekt der Pariser Nationaloper, geleitet von der Tänzerin Régine Chopinot und dem Videografen Jean-Baptiste Warluzel. Und Optimismus ist endgültig zurückgewonnen mit einem Ausschnitt aus Isabell Sprenglers Film "Osmosis of the Unicorn", in dem die Filmemacherin einen Tagtraum zwischen einer jungen Frau und zwei Einhörnern zu sphärischen Klängen bebildert. So folgt in den Playlists des Eurograph, je nach eingegebenem Wort, Hard-Rock auf Synthie-Pop, Performance-Theater auf klassisches Cellokonzert, Stadtimpression auf Naturdokumentation und fast in jedem Fall ein großer Name aus der deutschen oder französischen Kunst- und Kulturszene auf den nächsten. She She Pop ist dabei, Gob Squad, Rimini Protokoll, die Cellistin Sonia Wieder-Atherton und auch der Filmmusikkomponist Marc Chouarain. Das Programm hat Suchtpotenzial - hat man einmal damit angefangen, will man alle Videos gesehen haben.

Lina Wölfel

Belarus-Dossier von Dekoder

Russischer Stier, belarussischer Torero.

(Foto: Animatarka)

Die schlimmste Kränkung für die Protestierenden in Belarus liegt darin, dass sich das Wissen der Nicht-Belarussen über ihr Land auf einen Namen beschränkt: Lukaschenko. Aber sonst? Wer wüsste Substanzielles zu berichten über Janka Kupala, immerhin der Nationaldichter? Wer wüsste, dass er 1942 in einem Moskauer Hotel zu Tode stürzte - vielleicht ermordet? Der Dekoder weiß es, jene so kenntnisreiche wie zugängliche und deutschsprachige Online-Zeitschrift über Russland, neuerdings mit einem Belarus-Dossier. Die Dechiffrierer bieten Übersetzungen von Essays, Reportagen, auch Investigatives, etwa einen Audiomitschnitt, in dem vermutlich der Vize-Innenminister über das Vorgehen gegen einen aggressiven Demonstranten spricht: "Verstümmelt ihn, verkrüppelt ihn, tötet ihn." Nicht jede Entschlüsselung macht Freude. Jede weitet den Blick.

Sonja Zekri

God Is An Astronaut

Platten-Cover von "God Is An Astronaut".

(Foto: Label)

Die Gitarre war bis vor Kurzem noch totgesagt, manche der großen Hersteller sollen vor dem Bankrott gestanden haben. Gerettet wurde sie nun ausgerechnet von Corona: Seit vergangenem Jahr gehen die Verkaufszahlen nach oben, der Absatz von Instrumenten der Marke Fender soll sich zu Beginn des Lockdowns verdoppelt haben, die Lern-App dazu wurde fast eine Million Mal heruntergeladen. Das passende Album ("Ghost Tapes #10", Napalm Records) zum Gitarren-Hype kommt nun von der Art-Rock-Band God Is An Astronaut aus dem beschaulichen Wicklow, südlich von Dublin. Seit fast 20 Jahren und zehn Alben holen die Burschen aus elektrisch verstärkten Gitarren von zartem Gezirpe am Rande der Übersteuerung bis zu brachialen Metalriffs alles heraus. Zwischen Radiohead und Metallica haben die Iren zu Pink Floyd zurückgefunden. Und das ganz ohne so etwas Gefälliges wie Gesang. Bestes Album zur Flucht aus dem Lockdown, egal ob zum Wegträumen oder Abreagieren.

Nicolas Freund

© SZ/beg
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