Architektur:Märklin-Moderne

Märklin-Moderne
(Foto: DAM Frankfurt)

Der Modellbausatz B-71 "Villa im Tessin" wurde zum Klassiker einer Moderne "en miniature" und hat sich als Bestseller der Firma rund eine halbe Million mal verkauft.

Von Volker Breidecker

"Do-re-mi-fa-so-la-si-re-do-re-mi-fa-si-do!" Im Wirtschaftswunderjahr 1958, als die Deutschen den Schlager "Wir kaufen uns ein Häuschen / ein Casetta in Canada" tirilierten, rollte der schwäbische Spielzeugfabrikant Hermann Faller nach seinem Ferienhaus am Lago Maggiore. Hinter dem Gotthardtunnel traf es ihn wie ein Blitz, als er im Flecken Ambri den Neubau einer von den Architekten Alberto und Aldo Guscetti erbauten Villa à la Hollywood erblickte. Er trat auf die Bremse und hieß seine Kinder aussteigen und den Solitär, der wie ein Ufo in alpiner Landschaft stand, mittels Bindfäden ausmessen. Zurück am Firmensitz in Gütenbach im Schwarzwald beauftragte er seinen Hausarchitekten Leopold Messmer mit dem Bau eines dem Original nahekommenden Abbilds - im Großen, an einem Hang errichtet, und zeitgleich auch im Kleinen, als Modellhaus für die Serienproduktion von Bausätzen für Hobbykeller und Kinderzimmer: Der Modellbausatz B-71 "Villa im Tessin" wurde zum Klassiker einer Moderne "en miniature" und hat sich als Bestseller der Firma rund ein halbes Million mal verkauft: Geboren war die "Märklin Moderne", wie sie im steten Wechsel vom Bau zum Bausatz und wieder zurück führt. In der mit zwei Modelleisenbahnanlagen von enormer urbaner Verdichtung ("Crow City") bestückten Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums (DAM) dürften gerade erwachsenen Maniacs die Augen ganz so übergehen wie Hermann Faller einst zu Füßen des Gotthards. Wer es nicht nach Frankfurt (bis. 9. Sept.) schafft, kann sich mit einem auch im Buchhandel (hrsg. v. Karin Berkemann und Daniel Bartetzko. Jovis Verlag Berlin, 28 Euro) käuflichen Begleitbuch im verkleinerten Bungalowformat trösten. Hinwegtrösten muss sich der Besucher aber auch über das Verschwinden einer hier noch mit vielen innovativen Modellen im plastisch-anschaulichen H0-Format 1:87 präsenten zweiten Moderne nicht allein von den Modellbauplatten, sondern auch aus unseren Städten: Bei Faller & Co. wurde die Architekturmoderne im Zuge eines übergreifenden Geschmackswandels zu neuen heimat- wie innerlichkeitsverbundenen Werten seit den 1970er Jahren allmählich wieder durch Fachwerkbauten ersetzt. Ein rechter Schalk, wer da behaupten würde, die nagelneue Frankfurter Altstadt sei aus solchen Modellbaustoffen zusammengepappt.

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