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Architektur:Kreißsaal aus Lehm

Frauenmuseum Hittisau - Geburtshaus aus Lehm
(Foto: Frauenmuseum Hittisau)

Von GERHARD MATZIG

Der Kreißsaal hat nichts zu tun mit dem Kreis. In aller Regel ist er deshalb auch nicht rund. Tatsächlich hat der Raum, in dem die meisten Menschen geboren werden, die Anmutung eines funktionalen, technischen Ortes. Man befindet sich ja auch auf der Entbindungs-"Station" eines Krankenhauses. Der Kreißsaal leitet sich vom mittelhochdeutschen Verb "kreißen/krizen" ab - und beschreibt das Kreischen, Stöhnen und Schreien der Gebärenden.

Nicht dass man den Krankenhäusern, die alles tun für eine medizinisch angemessene Entbindung, zu nahe treten möchte - aber es stimmt doch nachdenklich, dass der Ort, an dem man "das Licht der Welt erblickt", nach Schmerzenslauten benannt ist. Weshalb man ja auch nicht das Licht der Welt, sondern die notwendige Ausstattung eines Krankenhauses erblickt. Es ist, auch wenn viele Krankenhäuser sich um eine alternative Architektur bemühen, eine technisch geprägte Welt, in die man hineingeboren wird. Wenn ein Mensch die Bühne des Lebens betritt, dann ist die sinnliche Architektur dieser Bühne im Normalfall von untergeordneter Bedeutung. Medizinisch kann man das gut verstehen. Andererseits: Würde man gefragt werden, was man gern sehen, hören und spüren würde von der Welt, die sich einem zum ersten Mal darbietet als Lebensraum, würde man diese Frage dann mit OP-Licht, Stromkabel, blinkenden Apparaturen und gut abwaschbaren Kacheln beantworten?

Das Frauenmuseum in Hittisau, im Osten der Region Bregenzerwald / Österreich gelegen, feiert in diesen Tagen das zwanzigjährige Jubiläum mit der Ausstellung "Geburtskultur" - und mit einem neuen "Raum für Geburt und Sinne". Dieser Raum, ein zeitgemäßes Geburtshaus (in Krankenhausnähe), basiert auf einer Konzeptidee von Anka Dür. Zusammen mit dem Team der Architektin Anna Heringer wurde ein Prototyp entwickelt, der sich in einem Garten befindet und rund und organisch geformt ist wie ein echter Kreis, also wie der Bauch der Mutter. Der Raum besteht aus Lehmschindeln. Dass man im "Raum für Geburt und Sinne" nicht nur das Licht der Welt erblickt, sondern die Welt in Form von ihrem natürlichsten, zugleich sinnlichsten Baustoff - also Erde - selbst: Das hört sich nach einem guten Anfang an.

© SZ vom 11.07.2020

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