bedeckt München 15°

Architektur:In Schräglage

Daniel Libeskind hat das neue Zentralgebäude der Leuphana-Universität entworfen. In Lüneburg wird die Spektakel-Architektur am Samstag eröffnet: teurer und später als geplant - was sonst.

Von Till Briegleb

Grauhaarige Dozenten, die sich im Zwiegespräch mit ihren Studenten befinden, schlendern rauchend zwischen roten Zeilenbauten der NS-Zeit zu ihrer Fakultät. Blau uniformierte Arbeiter schaben Aufkleber von Straßenschildern und Laternen ab. Mädchen und Jungs mit Mützen auf dem Kopf sitzen in den ausgebauten Dachstühlen der ehemaligen Scharnhorst-Kaserne und vertiefen sich in ihre Laptops. Und in der Mensa gibt es veganes "Gulasch" aus Sauerkraut und Tofu. Es könnte ein völlig normaler Tag sein an dieser kleinen Universität in Lüneburg, stünde man an der Ecke des ehemaligen Militärgeländes nicht plötzlich vor einem rätselhaften Ungetüm. Rund vierzig Meter hoch ragt hinter der Pfütze eines kleinen Uni-Biotops ein Konstrukt in den Himmel, das aussieht, als habe man es aus den Resten eines ehemaligen Kriegsschiffes zusammengesetzt.

Das neue Zentralgebäude der Leuphana-Universität, das vor allem infolge der Verdoppelung der Baukosten auf 105 Millionen Euro und durch diverse Skandale bekannt wurde, ist drei Jahre zu spät endlich fertig. Gestern wurde hier noch die Auffahrt asphaltiert, am Samstag eröffnet Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil die zerknautschte Bildungs-Fregatte feierlich.

Libeskind wurde einfach direkt mit dem Bau beauftragt. Ohne Wettbewerb. Nanu?

Der Kontrast des grau verzinkten Gebäudes zur universitär genutzten Wehrmachtskaserne, die nebenan quasi stramm steht, könnte größer kaum sein. Und genau darin liegt das Motiv für Daniel Libeskinds Dekonstruktions-Theater. Die 1471 von Kaiser Friedrich III. genehmigte Unigründung in Lüneburg, die 1946 durch die englischen Besatzer zur demokratischen Volkserziehung der Deutschen auch endlich umgesetzt wurde, arbeitet seit zehn Jahren energisch daran, die Kluft zwischen Anspruch und Ambiente zu überwinden. Denn dass Lüneburg, dieses Ausflugsziel für Backsteinromantiker, mit seinen 70 000 Einwohnern überhaupt eine eigene Uni braucht, das war um die Jahrtausendwende keineswegs mehr sicher.

Deshalb wird seit 2006, als der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Sascha Spoun das damals von der Abwicklung bedrohte Unilein am Ortsrand als Präsident übernahm, internationalisiert, was das Zeug hält. Zunächst ersann eine Werbeagentur den ganz und gar unwissenschaftlichen Marken-Namen Leuphana, der sich in einem Atlas aus dem Jahr 150 fand, aber ziemlich sicher nicht Lüneburg meinte. Klingt aber halt besser als Universität Kleinkleckersdorf. Und auch die neuen Studiengänge und Vokabeln, die Spoun für seine "Modelluniversität zur Umsetzung des Bologna-Prozesses" einführte - wie etwa die "Innovations-Inkubatoren" -, befeuern eher die Fantasie als das Denken. Hat nicht auch Princeton nur 30 000 Einwohner? Trotzdem zeugen Millionen Uni-Sweater von der Existenz des Städtchens.

Das gemütsschwere Gelände mit seiner Wehrdienst-Atmosphäre benötigte also einen architektonischen Stimmungsaufheller. Einen Neubau, der Leuphana auf Bildstrecken so wirken lässt, als sei die zugige Heide ein Bildungs-Utopia, das nicht nur kauzige deutsche Schriftsteller wie Arno Schmidt glücklich machen kann. Deswegen erhielt Libeskind 2007 von Sascha Spouns Vize-Präsident Holm Keller - mit dem der Architekt eine Vermarktungsfirma für seine Fertighaus-Serie "Proportion" führte - eine Professur, die ihn berechtigte, ohne Ausschreibung das neue Uni-Hauptgebäude zu entwerfen. Ob das nur Geschmäckle hat oder handfester Nepotismus ist, darüber wurde dann gestritten.

Zehn Jahre später sind die meisten Beteiligten zu müde, um über die Skandal-Biografie des Gebäudes inklusive Korruptionsuntersuchungen und Studentenprotesten noch Kritisches zu sagen. So war das auch bei der Elbphilharmonie in Hamburg. Das Land hat die Rechnung bezahlt, obwohl zwischen Preisansage und Endsumme ein Unterschied wie im Strip-Lokal lag. Jetzt beseelt die Eröffnung die freudige Hoffnung, dass Kritisches verstummen möge angesichts der poetischen Exzentrik des Multifunktionsgebäudes.

Dabei ist der mittlerweile 70-jährige Daniel Libeskind keineswegs der unumstrittene Stararchitekt, der zukünftige Wahrzeichen garantiert, wie man es in Niedersachsen als Begründung für die Sonderausgaben immer anführte. Von seiner Generation der Dekonstruktivisten, die in den Achtzigern die Bauskulptur als Markenware etablierten, ist Libeskind der Masche am nächsten. Während Rem Koolhaas oder Zaha Hadid ihr Vokabular veränderten oder zumindest in Vielfalt ausreizten, kennt die graue Winkel-Polka von Daniel Libeskind mit ihren Splittern und Zufallslinien eigentlich nur unterschiedliche Knüll-Stadien.

Zwischen seinem ersten Gebäude, dem 1989 entworfenen Jüdischen Museum Berlin, mit dem er den Durchbruch zum It-Architekten schaffte, und dem Bildungsschiff in Lüneburg scheinen nicht Design-Jahrzehnte, sondern eher nur wenige Wochen zu liegen: Da gibt es den gleichen Titan-Zink als Hülle, die typischen Winkel und Spitzen - nur nicht in Blitzform am Boden, sondern zum kleinen Hochhaus getürmt -, die Fenster als Vielecke frei von den Geschosslinien platziert. Selbst ein "Void", jenes symbolisch aufgeladene Element der Leere, das im Berliner Museum die Abwesenheit der Juden spürbar machen sollte, findet sich in diesem Profanbau - als profanes Element. Womöglich gibt es in Libeskinds Design-Software einen Bauform-Shaker, der ein Museum ruckzuck in ein Lehrgebäude umformt. So wirkt der Uni-Bau jedenfalls.

Doch es gibt tatsächlich einen wesentlichen Unterschied, und der betrifft die Diktatur der Form. War das architektonische Konzept beim Jüdischen Museum derartig in seiner Symbolik und dem Zwang zum Kunstbeweis gefangen, dass Kuratoren später nicht wussten, wie sie an den schrägen Wänden Bilder befestigen sollten, und die Angestellten in den Büros Tageslicht nur durch bodennahe Schlitze sehen konnten, weil es die gedankliche Linienführung der Fassade nicht anders zuließ, so muss man dem Zink-Origami in der Heide den Titel "Funktionsbau" vollumfänglich zugestehen. In diesem Teil der Uni könnte Lernen echt Spaß machen.

Das übliche faltenreiche Antlitz, mit dem Libeskind Shopping Malls wie Apartmenthäuser umhüllt, verjüngt sich hier im Inneren zu einem erquickenden Repertoire an hellen Räumen, von dem keiner dem anderen gleicht. Um am besten Platz zu beginnen: Dort, wo streng hierarchisch der Präsident säße, können nun die Studenten die Aussicht, hm, genießen. In den oberen Geschossen des Turms liegen Arbeitssäle mit Fernblick auf die Altstadt, Wälder und hässliche Stadtrandsiedlungen mit Heizkraftwerk. Und hier befindet sich auch eine spektakuläre Loggia unter einer kreuzförmigen Verstrebung, die das Stigma des Rauchens vor der Tür ausnahmsweise zum Vorteil macht.

Umlagert ist die siebengeschossige "Brücke" dieses Lernkreuzers von drei weiteren Schiffsteilen in Bruchästhetik: einem Seminarzentrum, in dessen weit auskragender Schnute sich der höhlenartige Haupteingang befindet, während in der Spitze dieses Hecks ein "Raum der Stille" für interkonfessionelle Andachten zuständig ist; ein Auditorium für rund 1200 Zuhörer, dessen Wandverkleidung aus Holzfaserzementplatten besteht (statt Vollholz, denn irgendwo musste ja auch gespart werden) und von den typischen vertikalen "Regenrinnen" überzogen ist, die man von fast allen Libeskindbauten kennt; und schließlich ein großer Verköstigungssaal mit Panoramascheiben, die hinaufreichen in die nächste Ebene zu weiteren Seminarräumen im Bug des Ensembles.

Der Bau ist auch innen so verwirrend organisiert, dass sich das Personal darin verläuft

Natürlich ist auch innen viel schräg, vor allem die Fenster, die in kindlicher Freiheit, wie ausgeschnitten mit der Nagelschere, die Wände durchlöchern, aber eben diesmal doch mit soviel Plan, dass große wie kleine Räume reichlich Tageslicht erhalten. Und einschläfernde Vorträge können hier von den Studenten mit dem abschweifenden Blick über den Campus bestraft werden.

Ob diese regelhaften Regelverstöße gegen den deutschen Rechteck-Zwang wirklich inspirierende Wirkung auf die Studenten-Kreativität haben werden (wie es sich die Bauherren erhoffen): Das lässt sich vermutlich nicht zweifelsfrei wissenschaftlich nachweisen. Der Orientierung ist die permanente Abweichung vom Raster allerdings kaum förderlich. Selbst der Pressesprecher der Leuphana ist sich beim Rundgang durch das Knick-Labyrinth gelegentlich im Unklaren, wo er sich gerade befindet.

Die allgegenwärtige Neigung der Wände hat Zuneigung allerdings dringend nötig, vor allem im Foyer. Denn mit diesem komplexen Raumgebilde der hundert Linien und wechselnden Ansichten, in dem sich Daniel Libeskinds Mikado-Philosophie des schrägen Bauens am besten erfahren lässt, sollen die bösen Subventionsverschwender der Leuphana ein Zubrot verdienen. Zwei offene Hallen mit Industrieparkett und weißen Akustikdecken, die sich direkt mit dem Audimax verbinden lassen, möchten als vermietbare Fläche Minimessen, Konzerte, Ausstellungen und Betriebsversammlungen anlocken - von denen zur Eröffnung allerdings noch kaum welche feststehen.

Hier, im Herz des Knitterdampfers, wo alle Architekturelemente aufeinandertreffen, von den wilden Fenstern über zerklüftete Sichtbetonschluchten mit weißen Brücken und dem Tomatenrot der Wandfarben, ist die Seele wie die Hybris des Unterfangens konzentriert präsent. In dem Miteinander von verständlicher Ambition und deutlich spürbarer Eitelkeit erfährt man sowohl die Erleichterung, von der Banalität deutscher Zweckbauten erlöst zu sein, wie auch eine gewisse Belästigung durch auftrumpfenden Stil. In keinem Winkel des Gebäudes lässt die Architektur es zu, dass man sie zufrieden vergisst. Alles ist hier Absicht, nichts einfach Hintergrund. Doch für die jungen Ablenkungsprofis des digitalen Daumenkinos ist das sicherlich kein Schiffbruch.

© SZ vom 10.03.2017
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema