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Architektur:Hohes Gut

"Freespace" heißt das Motto der Architekturbiennale in Venedig. Die Briten haben ihren Pavillon einfach komplett freigeräumt und eine Dachterrasse aus Holz daraufgesetzt. Wer will, kann hier Tee trinken.

(Foto: Italo Rondinella)

Auf der Biennale in Venedig besinnen sich die Architekten auf Grundfragen ihrer Zunft: Was brauchen Räume, damit man sich in ihnen wohlfühlt?

Der Star dieser Biennale ist ein bodentiefes Fenster. Es befindet sich am hinteren Rand des Zentralpavillons und besitzt einen auffallenden Rahmen aus Holz. Dieser formt das Sichtfeld zu zwei Kreisen, die sich überschneiden. Aber es liegt nicht an diesem Ornament, dass das Fenster schon zu Beginn der weltweit wichtigsten Architekturausstellung all den lebenden Stars und ihren gerne auch mal haushohen Modellen den Rang abgelaufen hat. Es ist die Tatsache, wie dieses Fenster den Raum verändert.

Denn was früher die Rumpelkammer der gesamten Biennale war, erstrahlt auf einmal in hellem Licht. Der Blick kann schweifen, hinaus auf einen Kanal, der direkt hinter dem Gebäude fließt und den man nie bemerkt hat, und hinüber zum Grün der Giardini. Dank dem Fenster weiß der Besucher plötzlich, wo er ist, er sieht das Glitzern des Wassers und die Wolken am Himmel, spürt den Wind hinter der dünnen Glasscheibe und kann am einfallenden Licht die Tageszeit ablesen. Sehr häufig zückt er da das Handy und macht ein Selfie, heute der ultimative Beweis, dass man etwas wirklich schön findet.

Yvonne Farrell und Shelley McNamara, die beiden Kuratorinnen der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig, haben dieses Fenster freigelegt. Carlo Scarpa, der große italienische Raumkünstler, hat es entworfen, zusammen mit einem Lamellenfenster schräg gegenüber, doch dann verschwanden beide hinter Wänden. Der Zeitgeist verlangte die White Cube, um hier ungestört von Tageslicht Ausstellungen machen zu können, und irgendwann gerieten die Fenster in Vergessenheit - bis die beiden Irinnen auf sie stießen, weil sie in der Vorbereitung zur Biennale alte Pläne des Pavillons studierten.

Für die Kuratorinnen ist Scarpas Fenster ein Beispiel für "Freespace", der Titel ihrer Ausstellung, aber auch ihres Manifestes, das sie vorher verfasst haben. Darin erklären Farrell und McNamara, was sie unter Freiräumen verstehen. Wer dabei an Freiflächen oder Zwischenräume denkt, die sich vielleicht sogar ohne Regeln und Vorgaben bespielen lassen, liegt falsch und wird auf dieser Biennale bitterlich enttäuscht. Die Kuratorinnen, beide Architektinnen und Gründerinnen des preisgekrönten Büros Grafton in Dublin, verstehen unter Freiräumen nämlich so etwas wie den architektonischen Mehrwert, das, was Architektur den Menschen jenseits eines Daches über dem Kopf bieten kann. Also Orte, die durch einen klugen Umgang mit Licht und Raum, mit Material und Proportionen zum Genuss werden.

Darf man das? Auf der wichtigsten Schau für Architektur, die ja immer auch ein Gradmesser dafür ist, wo die Branche gerade steht, die reine Baukunst feiern? In einer Zeit, wo die tatsächlichen Freiräume so radikal eingeschränkt werden, weil der Immobilienmarkt unersättlich ist. Wo die Wohnungsnot weltweit immer gravierendere Folgen hat und die Flüchtlingskrise zu einer städtebaulichen Katastrophe gerät, weil unsere Städte verlernt haben, Ankommende willkommen zu heißen. Wo die Gesellschaft dringend Antworten auf die Frage braucht, wie wir in Zukunft leben können, gemeinsam, friedlich, vielleicht sogar noch ein paar Jahrhunderte trotz steigender Meeresspiegel.

Und wo nicht zuletzt die Architekturbranche selbst einer überfälligen Gleichstellungsdebatte entgegensieht, vor der sie sich bislang so erfolgreich gedrückt hat.

Was soll man sagen? Vielleicht das: Selten hat man eine Architekturbiennale so aufgeräumt, ja geradezu poetisch erlebt wie diese. Es gibt so gut wie keine Wandtexte, dafür leuchten Türstöcke in azurblau, mintgrün und altrosa, was die Räume optisch miteinander verbindet. Tageslicht fällt im Hauptpavillon durchs Dach, weil auch die Dachlichter wieder freigelegt wurden. Nachdem der Niederländer Rem Koolhaas vor vier Jahren auf seiner Biennale das Gebaute akribisch in seine Einzelteile zerlegte, wobei ein düsteres Bild der Gegenwart entstand, und zwei Jahre später der Chilene Alejandro Aravena die Architektur zum politischen Botschafter erklärt hat, was bei manchem Luxusprojekt etwas schräg wirkte, soll man sich nun einfach auf die eigene Disziplin konzentrieren: Wie fällt das Licht? Welche Proportionen hat ein Raum? Wie entsteht ein Dialog zwischen Innen und Außen?

Weil diese Gestaltungsfragen über Jahrzehnte die gleichen geblieben sind, haben die Kuratorinnen auch die Vergangenheit in die Ausstellung miteinbezogen, zum Beispiel, indem sie junge irische Architekten Projekte verstorbener Großmeister haben nachbauen lassen. Durch die zeitgenössische Anmutung der Modelle wirken nun die Arbeiten von Eileen Gray oder Jean Prouvé plötzlich wieder aktuell, und sie sind es ja auch. Für überzeugende Ideen gibt es kein Verfallsdatum.

Gute Architektur ist die Voraussetzung dafür, dass sich jemand an einem Ort wohlfühlt. Besonders deutlich wird das im Wohnungsbau, wo genormte Langeweile das Bild unserer Städte prägt. Was für ein Kontrast liefert da Michael Maltzans Wohnblock in Los Angeles! Die gut 100 Appartements für ehemals Obdachlose hat der amerikanische Architekt so kräftig in die Höhe gehoben, dass eine Vielzahl von unterschiedlichen öffentlichen Funktionen darunter Platz haben.

Maltzan liefert damit die praktische Antwort darauf, was Architekten zu der so wichtigen Bodenfrage beitragen können, nämlich mehr öffentlichen Raum für die Gesellschaft herausholen. Oder Alison Brooks Wohnquartier in London, wo die Architektin die Verbindungen zwischen den Häusern so einladend gestaltet hat, dass sie sich wie ein lebendiges Netz um die Gebäude legen. "Wir alle müssen mehr vom Wohnungsbau erwarten - und einfordern", sagt Brooks und meint damit auch die Bewohner. Das klingt einfacher, als es ist. Um sich irgendwo wohl oder unwohl zu fühlen, dafür reicht das eigene Bauchgefühl. Um zu verstehen, welche Rolle die Architektur dabei spielt, braucht es mehr.

Das Erfahren von ganz unterschiedlichen Räumen etwa. Und das ermöglichen zum Teil grandios die Länderpavillons in den Giardini. So haben viele das Motto "Freespace" zum Anlass genommen, ihren eigenen Pavillon nach Freiräumen abzuklopfen. Den Briten reicht es, ihren leerzuräumen, eine Dachterrasse aus Holz darauf zu setzen und dort oben Tee zu servieren. Die Japaner sind anspruchsvoller, die Fläche unter ihrem aufgeständerten Pavillon, die sonst den Charme eines Parkplatzes besitzt, verlegen sie mit hellem Holz und verteilen Sitzbänke darauf. Die Österreicher dagegen schieben in ihren Bau ein formschönes begehbares Holzgerüst, das den Besucher bis fast an die Decke bringt.

So unterschiedlich die Rauminterventionen sind, so ähnlich ist das Ergebnis: Man setzt sich, entspannt und fängt an, das Gebäude aus einem anderen Blickwinkel zu studieren. So bekommt man ein Gefühl für den Raum und nicht selten Lust, sich mit dem Gegenüber genau darüber auszutauschen. Architektur als Einladung, miteinander ins Gespräch zu kommen, das ist schon ein hohes Gut. Es sind dann eben doch die Menschen, die entscheiden, ob ein Ort lebt oder nicht.

Wenn die Architekten sich zu sehr darauf konzentrieren, eine Nabelschau zu betreiben, wird sich die Gesellschaft ihre eigenen Räume selbst entwerfen. Dann braucht es sie irgendwann nicht mehr, diese öffentlichste Spielart der Künste, um die großen Fragen der Zukunft zu beantworten.

© SZ vom 26.05.2018

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