Süddeutsche Zeitung

Architektur:Herz aus Glas, Haus aus Stein

Mit Rechten bauen: Die Zeitschrift "Arch+" sucht nach Indizien für einen nationalkonservativen und völkischen Rollback gegen die Moderne. Doch dabei geht sie selbst ideologisch vor.

In der Mitte des Pflasters, das den Walter-Benjamin-Platz in Berlin bildet, ist ein Stein mit einer Aufschrift eingelassen: "Bei usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein. Die Quadern wohlbehauen, fugengerecht, dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert." Bei "usura", dem lateinischen Wort für "Wucher", mag der Fußgänger stutzen, mangelnder Sprachkenntnisse wegen. Ansonsten aber ist der Satz leicht verständlich: Gutes Bauen, sagt er, und forcierte Finanzwirtschaft gehen schlecht zusammen.

Wer daran zweifelt, dass es mit diesem Satz seine Richtigkeit hat, mag sich an das Ku'damm-Karree ein paar Schritte weiter erinnern, das jetzt zwar neu gestaltet wird, bis vor Kurzem jedoch ein Prachtexemplar der Berliner Spekulationsarchitektur war. Und überhaupt: Bevor man sich den Kopf über einen Sinnspruch im grauen Granit des Pflasters zerbricht - wäre es nicht sinnvoller, darüber nachzudenken, warum der Walter-Benjamin-Platz ein so kaltes, unfreundliches Gelände ist? Die Passanten meiden ihn. Seine Leere ist ein architektonisches und kein moralisches Problem.

Vor einigen Tagen erschien die jüngste Ausgabe des Architektur-Magazins Arch+ . Es ist "rechten Räumen" gewidmet, Räumen also, die im Sinne einer völkischen, reaktionären oder nationalkonservativen Ideologie gestaltet sind oder es sein sollen. Das Register ist weitgespannt: Es erstreckt sich von Benito Mussolinis Geburtsort Predappio bis zur neuen Frankfurter Altstadt, vom nationalsozialistischen Umbau des Königsplatzes in München bis zu den Plänen, das Burgviertel in Budapest in seinem Zustand im frühen 20. Jahrhundert zu rekonstruieren.

Europa, so die These, sei erfasst von einem Rollback gegen die Errungenschaften der Moderne

Die über ganz Europa verteilten Orte sollen als Glieder einer Indizienkette gelten. Der ganze Kontinent, so die These, sei von einer reaktionären Bewegung der Architektur ergriffen, die in einem "Rollback" (Stephan Trüby) die Errungenschaften der Moderne zunichte machen und ein scheinbar älteres, irgendwie "identitäres" Bauen an ihre Stelle setzen wolle.

Der Satz auf dem Pflaster des im Jahr 2000 vollendeten Walter-Benjamin-Platzes dient als Beweisstück, dass dabei systematisch und vorausschauend gehandelt werde: Er stammt von Ezra Pound, dem amerikanischen Lyriker, der aus seiner Sympathie für den italienischen Faschismus und seiner Verachtung für die Juden zuzeiten keinen Hehl machte, wobei man bei ihm allerdings, wie bei Dichtern nicht unüblich, selten weiß, woran man tatsächlich ist.

Die Idee vom "Rollback" setzt voraus, dass es eine zweifellose Errungenschaft des modernen Bauens tatsächlich gäbe, so wie auch eine patriotische oder völkische Architektur eine unzweifelhafte Angelegenheit wäre. Das ist aber nicht so. Und es stimmt auch nicht, dass, wie Arch+ schreibt, Ezra Pound schlicht ein "faschistischer Dichter" gewesen sei. Die Zeitschrift und ihr für diese Ausgabe herbeigerufener Gastredakteur Stephan Trüby machen es sich einfach, indem sie die Welt in akzeptable und "rechte" Räume teilen.

Dabei könnte einem schon bei Ezra Pound auffallen, dass der Dichter der Moderne näherstand, als einer Zuordnung zu "nationalkonservativen" Bewegungen zuträglich wäre: nicht nur, weil Ezra Pound eine Zentralfigur der literarischen Avantgarde war, ohne den weder T. S. Eliot noch James Joyce noch Ernest Hemingway zu ihrem jeweiligen Stil gefunden hätten, sondern auch, weil sein eigenes Werk rigoros modern ist - ganz abgesehen davon, dass die von Ezra Pound gelegentlich gebauten Möbel eine große Ähnlichkeit mit den puristischen Entwürfen Gerrit Rietvelds aufweisen.

Trüby, Professor für die Grundlagen moderner Architektur an der Universität Stuttgart, stellt dem Heft einen programmatischen Essay voran. Darin teilt er die Welt der Gestaltung in den Universalismus der Moderne und ein Denken in "Differenzen", das "die Unterschiede zwischen Menschen und Menschengruppen absolut setzt". Zu einer "Weltkarte" der "Architekturideologien" verfeinert, stellt sich ihm diese Entgegensetzung als Parallelogramm einander widerstrebender Kräfte dar: auf der einen Seite eine "universalistische Linke", auf der anderen eine "patriotisch-völkische Rechte", auf der dritten Seite eine "Anti-Globalisierungs-Linke", ihr gegenüber ein "globaler multikultureller Kapitalismus".

Die Grafik soll sich auch ins praktische Architektenleben übersetzen lassen: oben links die klassischen Funktionalisten, oben rechts der "Anarchokapitalist" Patrik Schumacher, der Chef von Zaha Hadid Architects, unten links der ehemalige Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann und das Projekt einer "Berlinischen Architektur", unten rechts das Rittergut Schnellroda oder das Fortleben eines deutschen "Heimatstils". Trübys Aufmerksamkeit richtet sich selbstverständlich besonders auf die untere rechte Ecke - sowie, mit zuweilen verschwörungstheoretischen Zügen, auf die teils systematisch eingegangenen, teils aus Opportunismus entstandenen Verbindungen, die sich zwischen den anderen drei Ecken und dem Herzen der Finsternis ergeben.

Doch ist Trübys Diagramm wenig geeignet, Klarheit in verworrene Verhältnisse zu bringen. Es verzerrt die Geschichte der Architektur zugunsten einer Erzählung, die selbst ideologisch ist. William Morris zum Beispiel, Universalist, Marxist und enger Freund des Anarchisten Pjotr Kropotkin, hatte wesentlichen Anteil an der Herausbildung einer englischen Nationalromantik in der Architektur wie im Design.

Walter Gropius, der Direktor des 1932 geschlossenen Bauhauses, suchte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Berlin ihnen den radikalen Funktionalismus als Nationalstil nahezubringen. Umgekehrt setzte sich das monumentale Bauen, das als Eigenheit der faschistischen Architektur in Italien (und bedingt auch in Deutschland) gilt, auch in anderen Ländern durch, in den Vereinigten Staaten (das Justizministerium in Washington, die Arlington Memorial Bridge) oder in Schweden (das Kunstmuseum in Göteborg).

Historismus in der Architektur lässt sich mit reaktionärer Gesinnung nicht gleichsetzen

Und war der Faschismus, zumindest in seinen großen Bauwerken, nicht ohnehin eher römisch als heimatlich gesonnen? Das berühmteste Gebäude, das Hans Kollhoff je errichten ließ, das mittlerweile nach ihm benannte Hochhaus am Potsdamer Platz in Berlin, zitiert jedenfalls, wenn überhaupt etwas, eher amerikanische als deutsche oder italienische Vorbilder.

Für die Verwirrung, die Trüby mit seinen Entgegensetzungen und Diagrammen erzeugt, gibt es zwei Gründe. Der eine Grund besteht darin, dass die Belege für seine Thesen nicht der Architektur, sondern dem Reden über Architektur entstammen. Die Fantasien der Reinheit, die sich aus der Berufung auf das "Volk", die "Heimat" oder die "Natur" ergeben, lassen sich indes nur unter größeren Schwierigkeiten in Vorgaben für Traufhöhen, Fenstersimse oder Raummaße übersetzen.

Der andere Grund besteht in der Gleichsetzung eines neuen Historismus in der Architektur mit politisch oder moralisch reaktionären Gesinnungen. Aber auch diese Verbindung geht nicht auf. Denn aus dem Umstand, dass es mittlerweile einen weitverbreiteten Überdruss an funktionalistischer Architektur, an Bauten aus Glas, Beton und Stahl, an undichten Flachdächern und fensterlosen Korridoren gibt, folgt ja keineswegs, dass man mit der AfD oder dem Heimatschutzbund sympathisieren muss.

Er bedeutet lediglich, dass der Funktionalismus in seinen vielen Variationen der bislang letzte architektonische Stil ist, der sich allgemein durchsetzen konnte. Diesen Funktionalismus gibt es nun seit mehr als hundert Jahren, und es sieht nicht so aus, als könnte, von einigen Ausflügen in die Postmoderne oder in den architektonischen Expressionismus abgesehen, noch einmal etwas Neues und gleichermaßen Allgemeines an seine Stelle treten.

Vor einem solchen Dilemma stand die Architektur schon einmal, im 19. Jahrhundert. Auch damals wandte man sich der Vergangenheit zu, in Gestalt der Neoklassik (für die Schulen), der Neugotik (für die Kirchen), der Neorenaissance (für die Post) und des Neobarocks (für die Gerichtsgebäude), mit durchaus gemischten Resultaten, zu deren angenehmsten die große Berliner Altbauwohnung gehört.

Selbstverständlich lässt sich diese Hinwendung zum historischen Bauen wiederholen, auch wenn eine historistische Wiederkehr des Historismus eine eher alberne Idee sein dürfte, der sich Züge von Disneyland nicht absprechen ließen. Die grundsätzliche Verlegenheit aber, wie man zu bauen habe, wenn man nichts Altes wiederholen will, es zugleich aber keine neuen Verbindlichkeiten gibt, bleibt bestehen.

Dass man in einer solchen Situation auch die Architektur des frühen 20. Jahrhunderts, also die Bauweise, die dem Funktionalismus unmittelbar voranging, neu befragt, liegt auf der Hand - auch wenn Hans Poelzig, Paul Bonatz und Paul Schmitthenner politisch kompromittierte Gestalten sein mögen. Und was die von Trüby selbst offengelegte ideologische Herkunft der neuen Frankfurter Altstadt aus dem Rechtsradikalismus betrifft: So recht er hat, wenn er darlegt, wie viele reaktionäre Gesinnung sich an dieses Ensemble knüpft, so wenig ist damit über eine funktionale und ansehnliche Gestaltung der Gesimse gesagt.

Und so handelt die nun von Arch+ initiierte Debatte letztlich von einer doppelten Überforderung. Sie besteht zum einen im Schamanismus einer neuen Rechten, die Heil und Heilung wahlweise im Fachwerk, in der Kolonnade oder (für Götz Kubitschek) in der Landwurst sucht. Sie besteht zum anderen im Exorzismus einer Kritik, die einen Prozess gegen die "neuen Rechten" eröffnen will und die Architektur zu diesem Zweck in ein Reservoir von Indizien verwandelt. Bauen lässt sich aber mit "wohlbehauenen Quadern" besser als mit Erlösungsfantasien.

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Quelle:
SZ vom 07.06.2019
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