bedeckt München 24°

Architektur:Floridas Florenz

Einer der vielen spektakulären Neuzugänge in der Stadt: das Perez Art Museum, entworfen von Herzog und de Meuron, eröffnete 2013.

(Foto: Lynne Sladky/AP)

Paradies für Star-Architekten: Wie Miami versucht, sich über avancierte Ästhetik zu verkaufen.

Von Peter Richter

Es ist fast einfacher zu sagen, wer von den sogenannten Star-Architekten dieser Welt noch nichts gebaut hat oder baut in Miami, aber auch da lautet das entscheidende Wörtchen: noch. Im Süden Floridas ist in den letzten Jahren ein Freiluftmuseum mit lauter Beispielen für das entstanden, was man "Starchitecture" nennt, und es ist kein Ende abzusehen.

Herzog und de Meuron haben als gefeierte Neudefinition des "Tropical Modernism" ein Parkhaus mit Restaurant auf der Dachterrasse geschaffen - Zaha Hadid baut auch eins. Frank Gehry hat dem New World Symphony Orchestra ein Festspielhaus gebaut - Rem Koolhaas baut ein Veranstaltungszentrum für Alan Faena, den Gatsby aus Argentinien, ehemals Modemacher, jetzt Hotelier und Kunst-Philanthrop. Dass Faena ein "Latin Gatsby" sei, ist ein Zitat von dem PR-Agenten Pablo de Ritis, der den Gästen von Faenas regelmäßigen Massenverköstigungen am Strand die Bauprojekte erläutert, die schon dieses Jahr zur Art Basel Miami Beach fertig sein sollen: Das Theater von Rem Koolhaas, der Hotelturm von Norman Foster. Unterdessen errichtet Bjarke Ingels eine Reihe in sich verdrehter Wohntürme, die noch bei vielen Lego-Wettbewerben in der Region nachgebaut werden dürften, so als neue Wahrzeichen, während das Luxus-Wohnhochhaus, das wiederum Zaha Hadid für Downtown Miami entworfen hat, wie ein vom Blumenhändler scharf angeschnittener Bambus in die Höhe wachsen soll.

Die schiere Anzahl der immer noch neu hinzukommenden Luxus-Apartment-Häuser kann einen schwindelig machen, gerade mit Blick auf den Wert der bereits bestehenden. Aber dann ist es wiederum auch so, dass man bei der Kunstmesse hier von den wohlhabenden Brasilianern immer wieder hört, wie unglaublich viel günstiger es für sie sei, hier in Miami eine Wohnung zum Hineinhängen der hier erworbenen Kunstwerke zu kaufen, statt die brutalen - geklagt wird über 70 Prozent und mehr - Einfuhrsteuern zu Hause zu bezahlen.

Mit Kultur, Kunst, Museen und dergleichen hat der Bauboom jedenfalls auch irgendwie zu tun. Der Neubau für das Frost Museum of Science (ein großer Ball mit einer Art fünfstöckiger Gelenkkapsel dahinter) von Nicholas Grimshaw wird nächstes Jahr eröffnet, das Gleiche gilt für das Institute of Contemporary Art, das, finanziert von dem Autohändler Norman Braman und seiner Gattin Irma, durch das Madrider Büro Aranguren & Gallegos im sogenannten Design District errichtet wird.

Das hatte sich nicht erst mit der Eröffnung des Perez Art Museums von Herzog & de Meuron 2013 angedeutet: Die internationale Kunstmeute, die sich jeden Dezember auf der Halbinsel Miami Beach zur dortigen Ausgabe der Messe Art Basel einfindet, wird sich künftig immer öfter auch über die Brücke auf das Festland bemühen müssen. (Zumal der eigentliche Ort der Messe, das Convention Center von Miami Beach, nach einem dramatischen Design-Wettkampf zwischen Rem Koolhaas und Bjarke Ingels nun doch nicht radikal umgebaut, sondern von der Firma Arquitectonica nur sanft angefasst werden wird.)

Das von dieser Klientel lange nur auf dem Weg zum Flughafen mit verriegelter Taxitür durchquerte Miami auf dem Festland, das Miami, aus dem die üblen Geschichten stammen, die von den falsch genommen Abfahrten, die im Ghetto, in Überfällen und im Tod enden, dieses Miami also hat sich entschlossen, ebenfalls das Geld zu locken. Um genau zu sein, hat Craig Robins das beschlossen, und Craig Robins, geboren und aufgewachsen in einer Immobilienhändlerfamilie in Miami Beach, hatte schon wesentlich mit dazu beigetragen, dass die Gegenden am Strand der Touristen- und Kunstbetriebs-freundliche Amüsier-Strip wurden, der sie heute sind. Nachdem es dort in den Sechzigern so glamourös aussah wie in der Fernsehserie "Magic City", kamen auch dort ja lange Jahre des Niedergangs, bevor es ziemlich genau mit dem Einsetzen der Fernsehserie "Miami Vice" wieder aufwärts ging.

Craig Robins, Jahrgang 1963, athletisch, Glatze, Brille, Kunstsammler, hat nun mit seiner Entwicklungsfirma Dacra die Gegenden südlich des in einem ewigen 1959 hängen gebliebenen Little Havana zu einer Art Open-Air-Mall umgemodelt - auch durch das Engagement international so gefragter Avantgarde-Architekten wie Sou Fujimoto. Jetzt reihen sich da über Straßenzüge hinweg Boutiquen von Louis Vuitton und Cartier, und dazwischen kann man gelegentlich eine Kunstsammlung anschauen. Es sei, sagt er, ein klares Signal, aus den Vorstädten mit ihren festungsartigen Shoppingcentern zurückzukehren ins Zentrum. Die Kriminalität, von der man immer gedacht hat, dass sie das breite und vor allem das betuchtere Publikum aus dem Zentrum fernhalte, solle ihrerseits exakt durch die Anwesenheit von mehr Publikum ferngehalten werden: "Mehr Augen überall; und die Leute ersetzen die Kriminalität." Weil diese Hoffnung alleine aber ein wenig optimistisch wäre, gibt es auch eine Armee von privaten Sicherheitskräften und überall Kameras.

Die eigentlichen Designer, die hier bis vor Kurzem noch ihre vergleichsweise günstigen Ateliers und Werkstätten hatten, sind jetzt auf dem Rückzug, mutmaßlich weiter nach Süden, nach Wynwood, was im Moment noch als so etwas wie das Williamsburg von Miami gilt. Aber wenn man sich mit Craig Robins unterhält, dann wird deutlich, dass er durchaus gewillt ist, seine vergoldenden Finger auch an dieses Viertel zu legen. Er hat, sagt er, eine Vision für Miami. Es habe sich selbst als Stadt der Kultur neu definiert. Die Art Basel Miami Beach ist bei den Sammlern auch deshalb so beliebt, weil sie hier im grimmigen Dezember der Mythos von Sonne, Strand und weit aufgeknöpften Oberhemden erwartet. Für Miami sei es umgekehrt die Gelegenheit gewesen, seine Seriosität als Kunst- und Kulturstandort zu beteuern.

Es sieht ganz so aus, als könnte man den Architekturboom von Miami als Verlängerung des Prinzips Art Basel in den Immobiliensektor begreifen: Wer hier "einen X" kauft, interessiert sich auf jenem Feld vielleicht auch für "einen Y" (Künstler und Architekt je nach Geschmack bitte selbst eintragen). Es lässt fast an einen Hof denken, an dem die berühmten Namen der Zeit versammelt und in ästhetische Überbietungswettkämpfe verstrickt werden. Craig Robins ist keiner, der den Marketingeffekt dieser Kulturanstrengungen für die Geschäfte, die auch seine sind, verleugnen würde. Er sehe in Miami, sagt er, starke Parallelen zum Florenz der Renaissance. Angesichts der exaltierten Entwürfe wäre die Epoche des Manierismus vielleicht die korrektere Referenz. Aber wer für ihn hier die Medici sind, muss er wirklich nicht extra dazusagen.

© SZ vom 13.04.2015
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB