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Architektur:Sehnsucht nach dem Abriss

Früher wurden Häuser auf rund 100 Jahre abgeschrieben. Dies entsprach ihrer durchschnittlichen Lebensdauer. Heute hingegen hat man es zunehmend mit Baulichkeiten zu tun, die kaum länger halten als ein etwas anspruchsvollerer Toaster.

In fast jeder Stadt ist ein Bürogebäude, ein Schulhaus, Geschäft oder auch Museum bekannt, das nach kürzester Zeit so müde und ramponiert aussieht, als sehnte es sich nach seinem eigenen Abriss. In München gibt es zum Beispiel einen kaum dem Teenageralter entwachsenen Kirchengemeinde-Komplex (in der Messestadt Riem), dessen einst weiß erstrahlende Fassade nun so dunkle Striemen aufweist, als befände man sich direkt neben einer Ölraffinerie, wenn nicht im Fegefeuer. Ganz in der Nähe kündet ein Schulneubau aus Holz - von der Architekturkritik vor Jahren noch hymnisch gefeiert - von der offensichtlichen Unmöglichkeit, konstruktive Holzanschlüsse wetterfest auszuführen.

Während die Automobilindustrie, die am Band und millionenfach produziert, immer langlebigere Güter herstellt, geht die Baubranche, die ja eigentlich auf nachhaltige Unikate zielt, den umgekehrten Weg: Ihre Hervorbringungen weisen immer kürzere Lebenszeiten auf. Vitruv, der lange Zeit maßgebliche römische Architekt, wäre entsetzt. Er forderte in der Antike von der Baukunst dreierlei: Firmitas, Utilitas, Venustas - Standfestigkeit, Funktionalität und Schönheit.

Der Beruf des Bauschadensgutachters ist ein Beruf mit viel Perspektive

Und genau das erwarten bis heute auch die Bauherren. Undichte Decken schon nach kurzer Zeit: Das entspricht kaum den Prinzipien von Standfestigkeit und Funktionalität. Schön erscheint es einem auch nicht. Es ist einfach nur Pfusch, wobei dieser in der Planung, aber auch in der Ausführung liegen kann. Der Beruf des Bauschadensgutachters ist ein Beruf mit viel Perspektive.

Noch vor dem Wochenende wurde bekannt, dass das Bahnhofsprojekt "Stuttgart 21" voraussichtlich abermals deutlich verspätet vollendet wird. Währenddessen hat man den Berliner Großflughafen schon fast vergessen und hört von der in einigen Tagen anstehenden Übergabe der Elbphilharmonie, die nun zwar fertig ist - allerdings zum zehnfachen Preis gegenüber früheren Kostenangaben. Man hat schon längst das Gefühl: Deutschland hat das Bauen verlernt.

Es gibt für jedes Beispiel Dutzende Begründungen für das jeweilige Scheitern. Man hat es immer mit Einzelfällen zu tun. Aus Hunderten Gutachten weiß man allerdings mittlerweile, dass drei Fehler immer im Spiel sind. Erstens werden die (Vor-)Planungs- und Bauzeiten aus rein ökonomischem Kalkül viel zu niedrig angesetzt. Zweitens werden die Kosten frisiert, damit man der Öffentlichkeit oder dem Aufsichtsrat das Vorhaben "besser verkaufen" kann. Und drittens werden immer die billigsten Anbieter von Bauleistungen und Materialien beauftragt.

Allerdings weiß man doch, dass sich die billigsten Lösungen nicht selten als die am Ende teuersten Probleme erweisen. Die schwäbische Hausfrau weiß das - und Angela Merkel weiß das in ihrem maroden Kanzleramt jetzt auch.

© SZ vom 11.10.2016/doer

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