Architektur Der Todesstern

In Berlin versucht die nun endlich eröffnete BND-Zentrale, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Gute Idee. Aber warum wirkt das Haus dann immer noch so einladend wie der Amok einer Kreissäge?

Von Gerhard Matzig

Umzug nach Berlin

So sieht die neue Geheimdienst-Zentrale aus

Der Koloss von Berlin, also die eben eröffnete Bundesnachrichtendienst-Zentrale, hat mit dem Koloss von Rhodos etwas gemein. Erstens die Bauzeit: Für die Statue, die in der Antike zu den sieben Weltwundern gehörte, benötigte man zwölf Jahre. 13 Jahre sind es bei der in kolossaler Absicht 36 Fußballfelder besetzenden BND-Zentrale, die von den Architekten Kleihues + Kleihues für Berlin-Mitte entworfen wurde.

Ob der Entwurf dem architektonischen Vorbild von Ceaușescus Parlamentspalast in Bukarest oder dem italienischen Rationalismus der 1930er-Jahre nacheifert, ist nicht geklärt. Jedenfalls fügt sich der Bau in die bizarre Geschichte der Überwältigungsarchitektur. In Deutschland dürfte das Gebäude zu den größten Bauvorhaben zählen. Die Agentenbleibe umfasst hinter 14 000 dunkel getönten Fenstern 260 000 Quadratmeter. Die Öffnungen der Fassade könnte man, da gleichförmig schmal dimensioniert, einem delirierenden 3-D-Drucker zuschreiben. Die Fenster könnten auch Schießscharten sein.

Wer das neue Haus umrundet, fühlt sich an den vormals nahen Mauerstreifen erinnert

Zugegeben, in Bukarest sind es 105 000 Quadratmeter mehr. Auch Hitlers Reichskanzlei war länger. Fast muss man die BND-Zentrale bescheiden nennen. Halbwegs fertig war die Herberge solcher Bescheidenheit schon lange, aber ein seltsam langwieriger Umzug von Pullach nach Berlin kam hinzu. Von 100 000 Umzugskartons ist die Rede. Zweitens aber, um bei den Analogien der Kolosse zu bleiben, ist die Technik zu nennen. Die Rhodos-Gusstechnik war lange unbekannt, konnte aber rekonstruiert werden. So war das auch mit den Bauplänen des geheimsten Geheimhauses Deutschlands, die erst bewacht, dann geklaut und bald öffentlich wurden.

Drittens: Auch der Berliner Koloss sollte ursprünglich nicht ganz so teuer werden. Beim antiken Vorbild verachtfachten sich letztlich die Kosten, in Berlin stieg die Bausumme "nur" von 720 Millionen auf etwa 1,1 Milliarden Euro. Im Interview bezeichnete der Chef der Behörde, Bruno Kahl, die Kostensteigerung als "im Rahmen". Eine Überlast von knapp 400 Millionen Euro, für die jetzt die Steuerzahler aufkommen müssen, als "im Rahmen" zu bagatelisieren: Wie man das folgenlos tun kann, gehört zu jenen Staatsgeheimnissen, die von Bayern nach Berlin und vom Wald in die Stadt umgezogen sind. In ein Haus, das sich selbst offen und in der Gesellschaft angekommen nennt.

Das ist ein Ärgernis, das sogar noch größer ist als der größenwahnsinnige Bau selbst. Die BND-Zentrale steht nun schon so lange in Berlin herum, hinter ihrem elend martialischen Zaun und einem kafkaesken Fassadenkleid, dass man sich währenddessen ein Bild von ihrer Nachbarschaftsverträglichkeit machen konnte. Ergebnis: Der Bau ist ein Unfall mit Ansage.

Vormals war der BND in Pullach in hingeduckten Nazi-Bauten untergebracht, versteckt im Wald an der Isar. Dem Besucher schrie die Anlage hinter Stacheldraht und ostentativ herumschwenkenden Kameras zu: "Verschwinde! Ich bin geheim, das geht dich nichts an - und eigentlich bin ich gar nicht da." Jetzt, da sich der BND zum neuen Haus ein neues Image geben will, ruft das Haus immer noch: "Hau ab!" Aber jetzt behauptet es nicht mehr, es sei eigentlich gar nicht da, es sagt im Gegenteil: "Ich bin ja so was von fett präsent." Mit der Mitte der Gesellschaft hat das nichts zu tun. Wie soll das auch gehen: Wie soll ein Nachrichtendienst "offen" sein?

Der brachiale Bau, entstanden dort, wo einst Kasernen und ein Stadion waren, steht jetzt mitten in der Stadt und wirkt sich auf seine Umgebung aus wie der Amok einer Kreissäge: Die Anlage, die für etwa 4000 Mitarbeiter konventionelle Büros gehegeförmig stapelt, ruiniert Nachbarschaften und Sichtbeziehungen. Wer das neue Haus umrundet, fühlt sich an den vormals nahen Todesstreifen erinnert. In heterogen bebauter Umgebung ist das homogene, festungsartig ausgebaute Ensemble der neue Souverän. Undurchlässig und abweisend. Da kann einen das neue Besucherzentrum, in dem man vielleicht Kaffeetassen mit "007"-Aufdruck wird kaufen können, noch so charmant umwerben.

Es hätte aber auch nichts genutzt, wenn der Bau aus Glas wäre. Denn die Trutzburgmentalität ist keine Frage des Materials oder der Architektur, sondern der stadträumlichen Situierung, mangelnder Durchwegung und absurder Größenverhältnisse. Tatsächlich ist der BND ja auch eine Behörde, die anders als ein Kulturzentrum nicht der Offenheit, sondern dem Schutz der Sicherheit dient. Das ist eine respektable und wichtige Aufgabe in Zeiten des Terrors. Und ja, es gibt Geheimnisse in der Welt - und es muss sie geben. Alles andere ist Heuchelei. Eine nachrichtendienstliche Behörde kann nicht in der Mitte der Gesellschaft sein. Daher sollte sie dort auch nicht auftreten wie der Todesstern.