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Architektur:Die Pinakothek der Moderne in München war Braunfels' Durchbruch

Um das zu entscheiden, lohnt ein Blick aus der Bistro-"Eins" an der Wilhelmstraße auf Vergangenheit und Zukunft jenes Stephan Braunfels, der einmal das hochtalentierte Wunderkind der jüngeren deutschen Baugeschichte war. Aber seit einigen Jahren dabei ist, "der schon wieder" zu werden.

"Der schon wieder", sagte beispielsweise Jacques Herzog vom Büro Herzog & de Meuron (HdM), als er in Basel vor einigen Wochen davon hörte, dass Braunfels den gefeierten HdM-Siegerentwurf zum Museumsneubau am Kulturforum als "Aldi" beziehungsweise als eine Art "Oktoberfestzelt" beschimpfte. An diesem Mittwoch will Braunfels deshalb, weil er (und dies nicht als Einziger) den geradezu stadtraumfreien HdM-Entwurf für einen antiurbanistischen Skandal hält, Alternativen für etwas aufzeigen, was er als "städtebaulichen Totalunfall mit Ansage" betrachtet.

Unterwegs im Dienste der Schönheit und als Versprechen auf ein besseres Leben

"Der schon wieder": Das sagte aber auch ein Münchner Architekt, als er vor einiger Zeit erfuhr, dass Braunfels sich so überraschend wie erfolgreich in den aktuellen Wettbewerb um eine neue Philharmonie an der Isar eingeklagt hat. Wobei er jetzt dessen zeitlichen Ablauf sprengen dürfte. Braunfels, eine Art Staatsfeind Nummer eins im Reich der Baustellen, ist in Deutschland der ultimative Sand im Getriebe.

Wo Architekten zusammenstehen, blickt man in ehrlich ratlose, bisweilen unschön belustigte Gesichter, sobald die Rede auf Braunfels kommt. Einer sagt: "Das ist eine Tragödie." Ein anderer meint: "Was da für ein Talent vor die Hunde geht."

An den Gerichten kennt man ihn jedenfalls bald besser als auf den Baustellen. Im etablierten "Büroranking" des Online-Dienstes "Baunetz", in dem die wichtigsten Büros Deutschland gelistet sind (knapp 1000), ist das Büro Braunfels gar nicht mehr zu finden. Die Suchanfrage wird so beantwortet: "Das Büro ist zur Zeit in keiner Rangliste platziert." Denn Braunfels baut nicht oder kaum, er klagt vor allem - und plant mehr Pressekonferenzen als Häuser oder Stadtviertel. Löbe- und Lüders-Haus wurden 2002 beziehungsweise 2003 fertig. Die Pinakothek der Moderne, die Braunfels' Durchbruch war, wurde in München vor 15 Jahren eröffnet.

Bei den Architektenkammern sind 131 300 Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner eingetragen. Manche davon haben Streit mit ihren Bauherren. Manche davon haben Anwälte. Und manche davon denken, dass man sich auch als Dienstleister, angewiesen auf Aufträge der öffentlichen Hand, von eben dieser Hand nicht jede Demütigung gefallen lassen darf. Man darf nicht zum Bittsteller werden. Man ist doch unterwegs im Dienste der Schönheit und als Versprechen auf ein besseres Leben. Manch einer kann Braunfels also gut verstehen.

Aber keiner ist von einem ähnlich anklägerischen Furor getrieben wie Braunfels.

Manchmal bekommt man mitten in der Nacht lange E-Mails von ihm, nachtschwarzwütende Tiraden, die beinahe nur aus Ausrufezeichen bestehen. Darin ist dann meist zu lesen, dass Braunfels von Feinden umstellt ist. Dass der Soundso-Wettbewerb ein Skandal ist. Und dass der Soundso-Plan ein Desaster ist. Man muss sich Stephan Braunfels, wenn nicht als unglücklichen Menschen, so doch jedenfalls als abgrundtief unglücklichen Architekten vorstellen. Fast siebentausend Ergebnisse hält die Suchmaschine Google bereit, sobald man dort den Textbaustein "Braunfels klagt ..." eingibt.

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