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Architektur:Das geplante Einheitsdenkmal ist eher lustig als durchdacht

Einheitsdenkmal

Die Computergrafik zeigt den gemeinsamen Entwurf der Choreographin Sasha Waltz und der Stuttgarter Szenografen Milla & Partner für das in Berlin geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal.

(Foto: dpa)

Denn seine kantenfreie, golden glitzernde Schale zum Herumturnen verharmlost den Preis, den politisches Engagement manchmal für den Einzelnen hat.

Lange Zeit hatte Deutschland ein gebrochenes Verhältnis zu Denkmälern. Früher verherrlichten sie oft Kriege und nationalen Größenwahn. Das hat sich im wiedervereinigten Deutschland geändert. Wie wichtig es ist, einen gemeinsamen Platz für die Erinnerung zu haben, zeigt die Geschichte des Holocaustmahnmals in Berlin. Es ist zu einem Ort geworden, an dem sich die Nation ihre schreckliche Vergangenheit vergegenwärtigt. Lange war es umstritten, nun stellen nur noch Rechtsextreme seinen Sinn infrage.

Ein demokratisches Land braucht Orte, an denen es sich der eigenen Geschichte vergewissert. Sie sind nicht mehr Ausdruck eines nationalen Hegemoniestrebens, sondern Teil der kollektiven Identität. Wenn ein solcher Ort fehlt, an dem sich wichtige Ereignisse gemeinsam erinnern lassen, entsteht eine merkwürdige Lücke. Das ist gerade am Berliner Breitscheidplatz zu sehen, dem Platz des islamistischen Attentats vom Dezember. Blumen, Kerzen, Schilder liegen aus. Was noch fehlt, ist ein dauerhaftes Denkmal für die Opfer.

Über ein Denkmal für die deutsche Wiedervereinigung wird seit vielen Jahren diskutiert. Am Sonntag forderte Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Rede zur Bundespräsidentenwahl, der bereits beschlossene Entwurf von Johannes Milla solle endlich umgesetzt werden. Nun unterstützen ihn die Fraktionschefs von CDU/CSU und SPD. Politisch ist das richtig.

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Dieses Denkmal soll an etwas Positives erinnern, an die Kraft der Bürgerinnen und Bürger, ihr Land zu gestalten. Bleibt die Frage, ob dem Entwurf von Johannes Milla dies gelingt: Das Einheitsdenkmal gleicht einer überdimensionalen Wippe, die sich bewegt, wenn man sie in Gruppen betritt. Das ist eher lustig als durchdacht. Revolutionen, auch friedliche, sind kein Spielplatz. Die DDR-Bürger haben wirklich etwas riskiert für die Einheit. Eine kantenfreie, golden glitzernde Schale zum Herumturnen verharmlost ihren Einsatz und den Preis, den politisches Engagement manchmal für den Einzelnen hat.

Bei der Bauplanung kam es zu Verzögerungen

Und wen genau meint der dazugehörige Schriftzug "Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk": nur Inländer oder auch Zugezogene und jene, die noch kommen? Wer darf diese wohlig schaukelnde Schale betreten und wer schaut dem selbstgefälligen Schwingen von außen zu, zurückgeworfen auf den Boden der Tatsachen?

Das Denkmal hätte schon zum 25. Jahrestag der Einheit vor zwei Jahren eingeweiht werden sollen. Doch bei der Bauplanung kam es zu Verzögerungen. Die begehbare Skulptur soll auf dem Sockel des einstigen Kaiser-Wilhelm-Denkmals stehen, dort wurden alte Mosaike gefunden; zudem wurde über Barrierefreiheit diskutiert. Schließlich kippte der Haushaltsausschuss das Projekt wegen einer Kostensteigerung um mehrere Millionen, die sich allerdings später als Rechenfehler erwies. Derselbe Ausschuss bewilligte dann jedoch noch mehr Mittel, 18,5 Millionen Euro, um außer dem Denkmal auch die Kolonnaden des einstigen herrischen Kaiser-Wilhelm-Denkmals wiederzuerrichten, was Bundestag und Jury nicht beschlossen hatten.

Davon ist jetzt nicht mehr die Rede, und zumindest das ist ein Glück: ein Denkmal, das ausgerechnet die autoritären Traditionen des alten Deutschland rekonstruiert und zugleich die Demokratie als Kinderspiel verniedlicht, wird es wohl nicht geben.

Wenn das Thema jetzt wieder diskutiert wird, ist das eine Chance, auch noch einmal über die Form der Großskulptur zu sprechen. Millas verspielter Entwurf ist von 2009, damals war die Idee der Demokratie als großer Spielplatz vielleicht naiv. Heute aber mutet sie zynisch an. In den USA ist ein Spieler an der Macht, der in Fernsehshows populär wurde und nun Freiheitsrechte einzuschränken droht. Und gegen Politik- und Parteienverdrossenheit hilft auch kein pädagogisch wohlmeinendes Motivationsprogramm aus dem Kindergarten, sondern nur die Einsicht, dass man sich wohl oder übel ganz erwachsen einmischen muss, um nicht verschaukelt zu werden.

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