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Architektur:Das Bauhaus-Mausoleum

Weimar stellt der berühmten Kunstschule einen düsteren Klotz als Museum hin. Und die Ausstellung wirkt fast ahistorisch: Vor allem Bauhaus-Frauen fehlen, dafür zeigt man vieles, was nicht in Weimar entstand.

Das neue Bauhaus-Museum in Weimar ist ein Monolith. Ein gewaltiger Betonkasten, der sich von der Außenwelt abschirmt. Es gibt kaum Fenster nach draußen. Die hohe Eingangstür ist zwar aus Glas, aber wie alle Öffnungen ist sie mit einer massiven Betonlaibung eingefasst. So als hätte man sogar vor dem bisschen Offenheit Angst, das man notgedrungen gewähren muss, und sie deswegen lieber noch einmal eingegrenzt.

Um da eine Beklemmung zu spüren, braucht man sich gar nicht das ehemalige Gauforum vergegenwärtigen, das in seiner tumben Größe schräg gegenüber dem neuen Museum liegt. Man muss auch nicht die funktionale Lieblosigkeit der Nachwende-Bauten gleich daneben in den Blick nehmen, um von einer tiefen Traurigkeit erfasst zu werden. Denn just in der Stadt, wo alles begann, wo Walter Gropius vor 100 Jahren zur Gestaltungsrevolution aufrief, wird das Bauhaus eingesargt. Deutschlands Avantgarde bekommt in Weimar einen Sarkophag. Als hätten wir das Erbe heute nicht bitter nötig.

An dieser Fassade würde sogar ein Aufruf von Gropius einfach abperlen

Wer sich gefragt hat, warum sich auch nach vier Monaten Bauhaus-Jubiläum noch kein Feuerwerk an neuen Ideen für dieses Land entzündet hat, der weiß es jetzt. Die große Masse an Veranstaltungen und Vielzahl neuer Publikationen über das Bauhaus bleiben so uninspirierend, weil es ihnen nicht gelingt aufzuzeigen, welche Relevanz die Ideen der Bauhäusler heute immer noch haben. Der Brückenschlag zur Gegenwart, er wird zwar immer betont, aber er klappt so gut wie nie. Mehr noch, die Begeisterung, die Gropius mit seinem Bauhaus erzeugte und die junge Menschen in die Provinz nach Weimar aufbrechen ließ, sie fehlt 100 Jahre später fast völlig. Wo ist die Lust, etwas radikal Neues, und zwar fürs 21. Jahrhundert auszuprobieren? Wo der Mut, Experimente zu wagen?

Das alles war das Bauhaus. Es war auch immer mehr als ein Stil und vor allem mehr als die Handvoll Design-Entwürfe, die es in die Produktion geschafft haben, sonst hätte seine Kraft gar nicht so lange überdauert. Es war eine Vision für die Zukunft. "Verlangen wir einfach das scheinbar Unmögliche", forderte Walter Gropius 1919 und war vom Gelingen überzeugt. Heute würde selbst der Enthusiasmus dieses Groß-Motivators an der geschlossenen Betonfassade in Weimar abperlen.

Weimar zum Auftakt des Bauhaus-Jahres

Versucht vor allem, der Monumentalität der benachbarten NS-Architektur zu trotzen: Das neue Bauhaus-Museum in Weimar.

(Foto: dpa)

"Natürlich wünscht man sich Fenster als Architekt", sagt Heike Hanada. Die Berlinerin hat das Bauhaus-Museum entworfen. Erstaunlich lang ist ihre Liste an Wünschen, die sich alle bei dem 27 Millionen Euro teuren Bau nicht realisieren ließen. So wollte sie ursprünglich eine Glas- statt eine Betonfassade, ein Wasserbecken auf dem Vorplatz und im Museum Oberlichter und einen Lehmputz. Vermutlich hätten Hanadas Wünsche den Monolithen etwas zugänglicher gemacht, innen wie außen. Doch Kasten bleibt Kasten. Das Argument, nur so könne man sich gegen die Monumentalität des Gauforums "selbstbewusst behaupten", überzeugt nicht, denn es bedeutet, die Spielregeln der nationalsozialistischen Architektur einzuhalten. Es gibt genügend Museumsneubauten, die selbstbewusst mit ihrer Größe spielen, ohne dafür monumentale Betonfassaden zu brauchen. Das Blox in Kopenhagen von OMA etwa, der Louvre in Lens von Sanaa oder auch Jean Nouvels Louvre in Abu Dhabi.

Man sollte überlegen, warum die Avantgarde hier nicht mehr zu Hause ist

Es ist kein Zufall, dass diese Bauten alle nicht in Deutschland stehen. Das neue Museum in Weimar ist auch der traurige Beweis dafür, dass hierzulande aufregende, ja visionäre Architektur kaum mehr eine Chance hat. Weil die Auflagen, Normen und Vorgaben so absurd hoch sind. Weil aber auch das deutsche Wettbewerbswesen selten etwas anderes hervorbringt als einen schalen Kompromiss. Das Bauhaus-Jubiläum wäre der richtige Anlass, darüber nachzudenken, warum die Architektur-Avantgarde in Deutschland kein Zuhause mehr hat - auch wenn solche Gedanken keinen Grund zum Feiern bieten.

Das Argument etwa gegen Fensteröffnungen in den Ausstellungsräumen war die Empfindlichkeit der ausgestellten Objekte. Tatsächlich besitzt Weimar die älteste Bauhaus-Sammlung überhaupt. Schon im Jahr 1925, als rechte Kräfte das Bauhaus aus Weimar endgültig nach Dessau vertrieben, wählte Gropius 168 Werkstattarbeiten dafür aus. Sie bilden den Grundstock der auf mittlerweile 13 000 Objekte angewachsenen Sammlung. Doch der Preis der perfekten Schutzhülle ist zu hoch. Ohne Blick nach draußen verliert man schnell die Orientierung, auch weil die Räume seltsam verschnitten sind und die Wegeführung unklar ist. Und weil da nichts an der Architektur ist, an dem sich das Auge festhalten kann. Kein Detail, kein raffinierter Übergang, ja nicht mal eine aufmerksame Ausführung ist zu sehen, stattdessen fühlt man sich so trostlos verloren wie in einer Industriehalle. Dass bei den Papierarbeiten ausschließlich Faksimiles gezeigt werden, wirkt da schon folgerichtig. Offenbar braucht die heutige Sicherheitsgesellschaft nicht mal Gründe für ihre Ängste.

Die Vorratsgefäße entwarf Theodor Bogler im Jahr 1923. Weimar hat eine der umfangreichsten Sammlungen zum Bauhaus überhaupt.

(Foto: Klassik Stiftung Weimar; Vereinigung der Benediktiner zu Maria Laach e.V.)

Was für ein Kontrast zu dem, was vor 100 Jahren in Weimar stattgefunden haben muss! Man betrachte nur mal die kleine Federzeichnung "Georg Muche in Bauhaus-Tracht im Milieu der Zimmerwirtin" von 1921. Muche sieht aus, als würde er den Neo aus dem Film Matrix geben. Mit rasiertem Schädel und langer Kutte steht er zwischen Blümchensofa und gedrechseltem Beistelltisch. Kein Wunder, dass die Weimarer Muches späteren Entwurf vom "Haus am Horn", diesem Musterhaus des neuen Wohnens, in das die Bauhäusler 1923 fieberhaft alles reinpackten, was ihnen zur Zukunft einfiel, als "Haus für Marsbewohner" bezeichneten - die Bauhäusler müssen den Menschen hier selbst wie Außerirdische vorgekommen sein. Mit ihren Kutten und ihren fantasievollen Festen, aber vor allem mit ihren Ideen, dem Ausbruch aus den Normen.

Allen voran Johannes Itten, am Bauhaus in den Anfangsjahren das "Rückgrat der Ausbildung" wie Magdalena Droste in ihrem Standardwerk zum Bauhaus schreibt. Man kann sich Itten als charismatischen Guru mit düsterer Schlagseite vorstellen. Dass der Schweizer Maler nicht nur Vegetarier und Fan von Darmreinigung war, sondern auch Rassist, kommt im neuen Bauhaus-Museum nicht vor. Wie so vieles, was es bräuchte, um dieses Schulexperiment, das einfach loslegte, bevor es wusste, was es da tat, und sich fortwährend neu erfand, zu verstehen. Wo bitte schön sind die Frauen, die damals hoffnungsfroh ans Bauhaus strömten, weil sie sich hier Gleichberechtigung erhofften (und sie nicht bekamen). Von der berühmten Metalldesignerin Marianne Brandt gibt es nicht mehr zu sehen als eine Teekanne, zur Innenarchitektin und Spielzeugentwicklerin Alma Siedhoff-Buscher viel zu wenig, und alle anderen kommen so gut wie gar nicht vor. Sämtliche Texte sind so knapp gehalten, dass nur Bauhaus-Fans das Ausgestellte zu würdigen wissen. Offenbar gab es die panische Angst zu überfordern. So aber lässt man die Besucher allein, und zwar in einer derart nüchternen Ausstellungsarchitektur, dass noch das letzte Rest Leben unter Vitrinen verschwindet.

Das Bauhaus wurde in Weimar 1919 geboren. Drei Jahre später entwarf Peter Keler die Kinderwiege aus den Grundforme Kreis, Dreieck und Quadrat.

(Foto: Klassik Stiftung Weimar, Jan Keler)

Gerade weil man so vieles vermisst, versteht man nicht, dass auf den 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche einiges seinen Platz findet, was gar nicht nach Weimar gehört. Im Modell vom Haus am Horn steht eine Frankfurter Küche, und auch die Stahlrohrstühle dürfen hier glänzen, obwohl ihre Zeit erst in Dessau begann. Ludwig Mies van der Rohe, der dritte Bauhaus-Direktor, darf sich mit seinen Möbelentwürfen für Haus Tugendhat und Haus Esters feiern lassen, doch keiner der Entwürfe ist am Bauhaus entstanden, weder in Weimar noch in Dessau oder Berlin.

"Was bleibt?", steht im dritten Obergeschoss, und man muss konstatieren: die Heroisierung des Immergleichen und als Link zur Gegenwart einige dürre Sätze und eine Videoinstallation. Das aber ist zu wenig, um das Bauhaus in Weimar wieder zum Leben zu erwecken.