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Architektur:Daniel Libeskind, Expression und Ecke

Daniel Libeskind wird 70

Daniel Libeskind, geboren 1946 in Łódź, galt vor seiner Karriere als Architekt als Akkordeon-Wunderkind und studierte zunächst in Israel und New York Musik.

(Foto: Walter Bieri/dpa)

Sieht so der röhrende Hirsch des Bauens aus? Jedenfalls hat es keiner so verstanden, echte Expression in eine Marke zu verwandeln. Nun feiert der große Architekt 70. Geburtstag.

Von Gerhard Matzig

Es gibt Menschen wie Ulrich Raulff, den Leiter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, für die sind die expressiven Bauten des amerikanischen Architekten Daniel Libeskind "in der Baukunst das, was der röhrende Hirsch in der Kunst ist": Kitsch. Es gibt aber auch Menschen, oft sind es Bürgermeister oder Unternehmer, die genau deshalb nun auch "einen", ja "ihren Libeskind" haben wollen, weshalb es jetzt beispielsweise auch im westfälischen Datteln einen echten Libeskind gibt.

Libeskind polarisiert, weshalb er früher, als er noch ein schillerndes Talent und kein internationaler Star-Architekt war, als Enfant terrible am Bau beschrieben wurde. Das ist falsch. Libeskind, als Sohn eines Druckers sowie einer Fabrikarbeiterin 1946 in Łódź, Polen, geboren, musste im Schatten des Holocaust und des Exils zu hart arbeiten, um ein schreckliches Kind sein zu dürfen. Und er musste etwas aus den Talenten machen, die er besitzt. Als Kind glänzte er in Talentwettbewerben als Akkordeonist und Pianist. Sein grafisches Werk ist imposant. Im Buch "Fishing From The Pavement" versucht er sich, großartig scheiternd zwar, als Lyriker. Seine erste Opernregie gelang ihm 2002. Man kennt ihn als Szenografen und Kostümbildner.

Berühmt wurde er mit dem Bau des Jüdischen Museums in Berlin (1999). Es ist ein wunderbares, inspirierendes und versöhnliches Haus, große Baukunst. Und, nein, kein Kitsch. Kitsch wurde erst daraus, als Libeskind begann, die einmal gefundene Formel des Erfolgs chiffrenhaft in den Dienst der Signature Buildings zu stellen, weshalb jetzt auch ein Edelkaufhaus an der Kö in Düsseldorf an die Rhetorik des Jüdischen Museums erinnert. Es ist der Fluch des Erfolgs: Libeskind muss immer aussehen wie Libeskind. Man freut sich auf das Spätwerk.

© SZ vom 12.05.2016
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