Architektur Blumen für die Bienen

Das "Haus der Statistik"steht seit Jahren leer. Nun gibt es neue Pläne. Und statistisch wahrscheinlich ist: Das Ganze bleibt umstritten.

(Foto: Victoria Tomaschko)

Am Alexanderplatz in Berlin steht das nachkriegsmoderne "Haus der Statistik" seit Jahren leer. Jetzt soll es auch den Bienen dienen. Oder so.

Von Peter Richter

"Bitte! nicht frontal zusammenfahren" steht in zackiger Schrift noch an der Markise vom alten Autoscooter, dem längst die Autos fehlen, mit denen man, bitte!, nicht frontal zusammenfahren sollte. Weiter hinten, im Innersten des Geländes, wächst schon ein lichtes Wäldchen von der Sorte, durch die damals in den sowjetischen Kinderfilmen die Hexe Baba Jaga spukte. Und wenn man fest genug die Augen zusammenkneift, funkeln die zerborstenen Scheiben aus der Kantine dahinter im Prinzip wie Edelsteine im hüfthohen Gras.

Das sogenannte Haus der Statistik am Alexanderplatz ist ein verblüffend märchenhafter, alle mögliche Fantasien anregender Ort, ein ganzer Straßenblock Leerstand, Verwilderung, Möglichkeiten. So etwas ist selbst in der zerpflückten Hauptstadt selten geworden, jedenfalls in einer dermaßen zentralen Lage. Bis vor rund zehn Jahren gab es noch deutlich mehr davon, dann fraß Berlins Bauboom die Brachen; nur diesen Ort gibt es erstaunlicherweise so erst seitdem.

Gebaut wurde das Haus der Statistik zu einer Zeit, als man hier eben Häuser so nannte. Das Haus des Reisens steht nebenan, das Haus des Lehrers steht schräg gegenüber. Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger war der Glaube an die Macht der Daten schon einmal mindestens so groß wie heute: Überall in der sozialistischen Welt ergriffen Frauen wie Männer stolz den Beruf des Kybernetikers, in Chile ließ sich Allende einen vernetzten Kommandoraum ausbauen, um den ihn jeder zeitgenössische Bond-Bösewicht beneidet hätte, und am Ostberliner Alexanderplatz bauten sie eben ein zentrales Rechenzentrum zur Bevölkerungserfassung - mit allen Konnotationen, die das noch in heutigen Ohren haben mag.

Es war insofern wahrscheinlich folgerichtig, dass erst das statistische Bundesamt die Immobilie übernahm und dann die Stasiunterlagen-Behörde. Die zog 2008 aus, Flora und Fauna zogen ein. Das Gebäudeensemble wurde als "nicht vermarktbar" eingestuft, und eigentlich war es nur noch eine Frage der Zeit, bis es unter einem der Manhattan spielenden Hochhaustürme verschwinden würde, die dem Alexanderplatz schon in den frühen Neunzigerjahren verordnet wurden, aber bis heute auf sich warten lassen, was durchaus nicht jeder in der Stadt als ein besonders großes Unglück erlebt.

Erste Lebenszeichen im toten Stein: eine Chorprobe im "Haus der Statistik".

(Foto: Victoria Tomaschko)

Vor vier Jahren übernahm dann eine "Allianz bedrohter Atelierhäuser" die Initiative und hängte ein Banner auf, das im Stil einer offiziellen Bautafel die Errichtung eines Zentrums für soziokulturelle Zwecke ankündigte. Der rot-rot-grüne Berliner Senat war gerne bereit, der Behauptung zum Status einer Tatsache zu verhelfen, kaufte die 32 Hektar vom Bund und lobte einen Wettbewerb aus, der das Gelände zu einem Musterbeispiel basisdemokratischer Mitbestimmung adeln sollte. Eine Anzahl von Initiativen war unterzubringen, dazu 300 mietbegünstigte Wohnungen, Räume für "experimentelles Wohnen", Räume für Asylbewerber, Räume für Kultur, für Soziales, auch solche für Obdachlose, und am Ende auch noch ein neues Rathaus für den Bezirk Mitte mitsamt Politikerduschen, damit die Amtsträger möglichst mit dem Fahrrad anreisen.

Als die drei Finalisten unter den Entwürfen diesen Winter öffentlich zur Diskussion gestellt wurden, zeigte sich allerdings schon, dass diese neue Berliner Beteiligungsromantik da ihren Haken hat, wo immer wieder auch Leute vehement ein Mitspracherecht fordern, denen utopische Potenziale deutlich ferner zu liegen scheinen als die praktischen Erwägungen zu ihrer Nachtruhe. Alle drei Entwürfe fanden eine entschiedene Gegnerschaft in dem Typus der resoluten und langjährigen Anwohner aus den DDR-Plattenbauten nebenan. Die ganze schöne Partizipationsrhetorik läuft auf Grund, wo jemand den Finger hartnäckig auf die Massierung der Baumassen richtet, von prosaischen Ärgernissen wie Anlieferverkehr redet und von viel zu engen Anwohnerstraßen. Denn direkt hinter dem Alexanderplatz herrscht immer noch auch die Vorstadtruhe der Wohnkomplexe aus den Tagen der DDR.

Toplage sagen die Immobilienhaie zu sowas: Blick vom "Haus der Statistik" über Alexanderplatz und Mitte.

(Foto: Victoria Tomaschko)

Da am Ende mit dem Entwurf des Berliner Büros "Teleinternetcafé" vielleicht sogar der Plan den Zuschlag erhielt, der die größte Dichte aufweist, dürfte das Konfliktpotenzial wohl erhalten bleiben und den Fortgang der Sache unter Umständen auch verzögern.

Aber mindestens so interessant wie das, was kommt, ist in Berlin ohnehin immer auch das, was bis dahin passiert, die kulturelle Zwischennutzung. Was das nun betrifft, so fand am Montag eine aufschlussreiche Informationsveranstaltung statt. Unter der Überschrift "STATISTA - Staatskunst, Pioniernutzung, Repräsentation" haben sich Mitarbeiter des öffentlich geförderten Zentrums für Kunst und Urbanistik (ZK/U) und solche des ebenfalls öffentlich geförderten KW Institute for Contemporary Art (hieß früher mal Kunst-Werke) zusammengetan, um mit Förderung von der Berliner Senatsverwaltung mit dem schönsten Namen von allen, nämlich der für Kultur und Europa, bis Ende des Jahres das Haus in einer Weise zwischenzunutzen, welche die finale Nutzung möglichst schon prädestinieren möge. Es war davon die Rede, dass die Kunst aus der unfreiwilligen Rolle des Gentrifizierers nur herausfinde, wenn sie im Kollektiv gemacht werde und jenseits der Rhythmen des Kunstbetriebs, wenn sie also mit anderen Worten erst einmal als genauso "nicht vermarktbar" gilt wie einst das Haus der Statistik selber. Von der Notwendigkeit war außerdem die Rede, verschiedene "Bedarfsgruppen" unter einen Hut zu bekommen. Dazu zählt auch die Bedarfsgruppe der Bienen.

Eine Gruppe von Statistikern wolle ein Bienenvolk erst wiegen, dann mit moderner Datenerfassung das Wohlergehen der zuletzt so dramatisch bedrohten Bienen messen und daraufhin über eine Blockchain eine Kryptowährung mit dem Namen Beecoin generieren. Urbanistische Vordenker argumentierten für eine Architektur, die nicht nur den Menschen als Nutzer im Blick hat, sondern auch die Tiere. Wie man von dem Biologen Cord Riechelmann vor Jahren schon lernen konnte, leben ja auf dem Alexanderplatz heute vermutlich mehr Tierarten als in beiden Berliner Zoos zusammen. Die Initiative Statista macht jedenfalls kompromisslos Ernst mit der Denkschule des Anti-Speziezismus und argumentiert nicht nur gegen die Trennung zwischen Mensch und Tier, sie argumentiert auch gegen die Trennung zwischen geschützten und ungeschützten Arten. Von einem Bleiberecht für die Tauben ist deswegen zu hören, die den Bau in der Zwischenzeit wesentlich bezogen haben. Ein Vordenker der Gruppe imaginierte ein Bauen, bei dem in der Zukunft auch Tiere beteiligt sind, er sprach von "einer großen Vielfalt von Unbekannten, die ein und aus gehen soll".

Wie sich solche Vorstellungen in ein Rathaus für den Bezirk Berlin-Mitte übersetzen lassen, wird auf jeden Fall interessant. Ankündigungen von partizipativer Nutzung der Flächen, einschließlich des leeren Autoscooters, für Tanztees, Dinners, Parties und Ähnliches mussten demgegenüber fast konventionell wirken. Jedoch dann: Auftritt des Phänotyps resolute Dame mit DDR-Erfahrung, die sich von klangvollen Worten nichts vormachen lassen will.

"Staatskunst?", ruft sie in den Raum, und "Pioniernutzung?" - was in die jungen Leute gefahren sei, solche "Betonbegriffe" zu benutzen, ausgerechnet hier, ob das womöglich ironisch gemeint sein soll. "Aber das ist für viele Leute in dieser Stadt kein Spiel." Dreißig Jahre nach den Wende-Demonstrationen auf dem Alexanderplatz ungeniert wieder mit den Pionieren anzukommen und vor allem mit Staatskunst ... erbittertes Kopfschütteln.

Die Statista-Leute versuchen daraufhin noch eine Weile, den Gebrauch der Begriffe zu retten. Gemeinsame etymologische Wurzeln mit der Statistik werden bemüht, die Staaten der Bienen, schließlich erwähnt ein Mann "die öffentliche Hand", und eine Frau wendet ein, dass Staaten das Nationale implizierten, da wo sie versagen, etwa in der Flüchtlingspolitik, ohnehin die Städte einzuspringen hätten, ob also nicht "Stadtkunst" angemessener sei. Am Ende wird versprochen, noch einmal über alles gut nachzudenken. Und wenn das schon so losgeht, kann das im Haus der Statistik noch unterhaltsamer werden, als der büroklammerartige Klang des Namens das vielleicht vermuten lässt.