Architektur-Biennale in Venedig Bewegung im Raum

Bei einer gewöhnlichen Sicherheitskontrolle am Flughafen ist das heute anders. Der Parcours aus Röntgenapparaten und Metalldetektoren behandelt spätestens seit dem 11. September 2001 jeden Passagier als potenziellen Terroristen. Eine solche Durchsuchungszeremonie, gerne mit ausgezogenen Schuhen, weckt Zweifel am Heilsversprechen der Technik, und man beginnt sich zu fragen, was wohl zuerst da war: die Industrie des Sicherheitsapparats oder der Wunsch nach Sicherheit. Auch Detektoren brauchen Abnehmer - genauso wie Dämmmaterial und dreifachverglaste Fenster. Die Baustofflobby ist der größte Unterstützer der energetischen Sanierung im vermeintlichen Dienste der Klimarettung. Eine von vielen Gedankenketten, die diese Biennale in Gang setzt.

Es ist kein Zufall, dass dabei die Kapitel die spannendsten sind, die sich mit Bewegung im Raum auseinandersetzen. Ist doch das 20. Jahrhundert eines des ständigen Schneller, Weiter, Höher. Im Vorwärts zeigt sich der Charakter, etwa durch die Geschichte des Korridors, die auf Forschungen des Architekturhistorikers Stephan Trüby zurückgeht und die zeigt, wie aus einem Herrschaftszeichen eine kafkaeske Angstmachmaschine wurde.

Früher konnte die Architektur weder sprechen noch zuhören, heute kann sie es

Oder die Genese der Rampe, die anhand von zwei ihrer leidenschaftlichsten Befürworter erzählt wird, dem französischen Architekten Claude Parent, der ein Leben im horizontalen Raum als Zeitverschwendung bezeichnete und sein eigenes Haus komplett aus auf- und absteigenden Rampen zusammensetzte. Und dem Amerikaner Tim Nugent, der sich zum Ziel gemacht hat, die Welt rollstuhlgerecht zu machen.

Etwas, was Friedrich Mielke nicht unterstützen würde, obwohl er im Krieg ein Bein verloren hat und selbst im Rollstuhl sitzt. Das hindert den Gründer des Instituts für Treppenforschung nicht, die Bedeutung zu analysieren, die zwischen zwei Stufen steckt, und herauszufiltern, was der Treppenabstand über den Status des Benutzers aussagt, und das Tempo, mit dem man diese nimmt, über die jeweilige Zeit.

Bewegung verräumlicht Architektur; erst sie macht diese lebendig und in gewisser Weise dreidimensional. Genau das ist es, was auch den zweiten Teil der Hauptausstellung, "Monditalia" im Arsenale, so vitalisiert. Eigentlich wollte Koolhaas dieses Gelände für seine Biennale schließen, doch er durfte nicht. Zum Glück. Denn hier wird an das Versprechen der Architektur als Gesamtkunstwerk erinnert: Filme erzeugen ein Echo zu den ausgestellten Arbeiten; mehrere Bühnen sind aufgebaut, die Tänzern, Musikern und Schauspielern ein Podium bieten - und dem Arsenale gleich mit. Denn durch all die Treppen, Tribünen und Arenen, die für die Bühnen hier entstanden sind, nimmt man die Halle der ehemaligen Seilfabrik plötzlich bewusst wahr.

Dem Kurator Ippolito Pestellini Laparelli, Mitarbeiter in Koolhaas' Forschungsteam AMO, ist aber auch der perfekte Gegenpart zu "Fundamentals" gelungen. Konzentriert sich Koolhaas auf die Elemente, fokussiert Laparelli auf das Land Italien. Wie im Scanner wird es Schicht für Schicht in 41 Forschungsprojekten durchleuchtet, von Süden nach Norden, von der ehemaligen Kolonie Libyen und dem Flüchtlingsdrama auf Lampedusa bis nach Südtirol, wo die Klimaerwärmung zum Abschmelzen der Gletscher führt.

In dieser Ausstellung wirkt Italien tatsächlich wie das interessanteste Land der Welt: Monditalia. Gleichzeitig macht der Fokus aber auch Parallelen sichtbar, die eine immer globaler werdende Welt hervorbringt. Assisis Versuch etwa, mit jährlich sechs Millionen Touristen und Pilgern zurechtzukommen - bei 28 000 Einwohnern. Oder die moderne Ruine auf La Magdalena, wo die Natur sich ein Hightech-Kongresszentrum zurückerobert, weil Berlusconi über Nacht entschied, den G8-Gipfel nicht hier, sondern im erdbebenzerstörten L'Aquila tagen zu lassen.

Das internationale Netz, das sich immer dichter um die Welt knüpft, spannt denn auch den Bogen wieder zurück zu Rem Koolhaas' "Fundamentals". Denn diese Ausstellung zeigt eben auch, welcher kulturellen Vielfalt sich die Menschheit auf ihrem Weg in die Moderne, sprich in die globale Welt, entledigt hat. Der anfangs weit verzweigte Stammbaum jedes einzelnen Elements - egal ob Fenster, Dach oder Bodenbelag - mündet ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheinbar zwangsläufig in einen uniformen breiten Strang. Die Glasfassade eines Hochhauses in Dubai unterscheidet sich heute nicht mehr von einer in London City. Als Melanie und Mitch bei Hitchcock Bodega Bay verließen, konnten sie vielleicht den Vögeln dort entfliehen, doch andernorts warteten andere auf sie - und die sahen genau so aus.