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Architektur-Biennale in Venedig:Architektur kann glücklich machen

Gute, zeitgemäße Architektur hängt nicht am Baubudget: Die Biennale in Venedig zeigt die Häuser der Zukunft.

Was für eine rabiate Geste. Den deutschen Pavillon hat man mit gewaltigen Durchbrüchen geöffnet. 48 Tonnen Ziegel wurden beim Umbau pulverisiert. Zu allen vier Seiten klaffen jetzt mit Stahlträgern umrahmte Öffnungen, was dazu führt, dass der Besucher den Bau, noch bevor er ihn betreten hat, mit dem Blick schon wieder verlässt. Nach links, zu den Nachbarn England und Frankreich. Oder mitten durch den Hauptraum, von wo man jetzt auf das Wasser der Lagune sehen kann. Boote fahren vorbei, Vögel zwitschern. Noch nie hat man die Position des deutschen Pavillons auf dem Giardini-Gelände so wahrnehmen können, der an der Spitze des Areals liegt, gleich am Wasser und umgeben von üppigem Grün. Noch nie war der Bau aus dem Jahr 1938 so von seiner nationalsozialistischen Schwere befreit. Es ist, als könnte er atmen.

Der deutsche Pavillon, den Peter Cachola Schmal, der Chef des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, und sein Kurator Oliver Elser dieses Jahr verantworten, greift damit kongenial das Thema dieser 15. Architekturbiennale auf. Denn der Chilene Alejandro Aravena, Kurator der Hauptausstellung, hat der bedeutendsten Architekturschau der Welt, die am Samstag dieses Wochenendes in Venedig eröffnet, den Titel "Reporting from the Front" gegeben. Einen Frontbericht also sollen die Architekten im Jahr 2016 liefern. Und was wäre wichtiger - nicht nur für Deutschland - als die Frage, wie ein Land mit seinen Flüchtlingen umgehen soll?

Städte profitieren, wenn sie Einwanderern schnell Arbeit und Eigentum ermöglichen

Schmal und Elser wollen mit Hilfe der Öffnungen über Deutschland als Einwanderungsland reden und vor allem darüber, welches Potenzial in der Fragestellung steckt. Dafür haben sie mit Doug Saunders zusammengearbeitet. Der kanadische Journalist hat aufgezeigt, wie Städte und ihre Gesellschaften davon profitieren, wenn sie Einwanderern schnell Zugang zu Arbeitsmarkt und Eigentum ermöglichen, aber auch welche gefährlichen Risiken es birgt, Neuankömmlinge abzuschotten und sich selbst zu überlassen.

So klar, brisant und überraschend wie bei den Deutschen sind nicht alle Beiträge der Welt-Architekturschau: Australien vertreibt sich die Zeit am Pool eines neuen Pavillons, Slowenien stellt eine gigantische blaue Röhre in seinen Bau. Da kann man zwar Surf-Fotos nachstellen, aber was das soll, bleibt nebulös. Und zu viele Pavillons - Brasilien, Spanien, Dänemark, die skandinavischen Länder, selbst die USA - begnügen sich mit einer Materialschlacht.

Nach klugen Gedanken muss man tatsächlich auch in der Hauptausstellung, im Arsenale und dem zentralen Pavillon auf dem Giardini-Gelände suchen. Denn Pritzker-Preisträger Aravena, der dieses Jahr einer der einflussreichsten und bekanntesten Architekten der Welt sein dürfte, lässt sich zwar im Eingang der Ausstellung offenherzig in die Karten schauen, indem er den Entstehungsprozess der Schau sichtbar macht. Aber bei der Auswahl der Arbeiten ließ er die Architekten, die er für "Reporting from the Front" ausgewählt hat, ganz offenbar im Stich. Was dazu führt, dass die Stars der Szene sich selbst huldigen: Herzog & de Meuron inszenieren sich in ihrem Film als donnergrollende Götter vor winzigen Bauarbeitern, Peter Zumthor hat seinen Entwurf für ein Museum in Los Angeles als Catwalk inszeniert und Tadao Ando feiert sich selbst für sein auch schon ein paar Jahre altes Museum Punta della Dogana in Venedig mit einem gigantischen Modell.

Was hat das mit einem Frontbericht zu tun? "Der Titel weckt bestimmte Erwartungen. Dass es eine Biennale der Armen, der Katastrophen und der Krisen wird", sagt der 48-jährige Aravena. "Doch das schließt für mich nicht aus, dass ich mich auch mit der anderen Seite beschäftige." Schade, die Konzentration auf die Schattenseiten hätte der Biennale gut getan. Denn wenn Architekten sich mit den Kämpfen dieser Welt beschäftigen, mit der Ungleichheit in Städten, mit der Armut, aber auch mit dem fehlenden Zusammenhalt in der Gesellschaft, zeigt sich, welche glücklich machende Fähigkeit in dieser Profession doch steckt. Ein Bau kann die Gräben in einem Ort überwinden, nicht nur nach einem Erdbeben. Sondern auch, weil er Menschen zusammenbringt.

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Dass es dafür vor allem wichtig ist, zu Beginn die richtigen Fragen zu stellen und zwar möglichst viele davon, hat Alejandro Aravena selbst mit seinem bekanntesten Projekt bewiesen, einer Sozialbausiedlung im Norden Chiles, deren Bewohner ihre Häuser eigenhändig fertig bauen sollten. Welche Ergebnisse eine architektonische Recherche aber noch zu Tage fördern kann, zeigt auf der Biennale Eyal Weizman mit seiner forensischen Architektur. Der britische Wissenschaftler analysiert mit seinem Team Kriegszerstörungen und untersucht, welche Art von Waffen in Kriegsgebieten eingesetzt wurden. Sie vermessen, beispielsweise auf Fotografien, Bombentrichter und die Löcher, die in Fassaden zurückbleiben. "Architekten können Sachen entdecken, die anderen verborgen bleiben", sagt Weizman.