Architektur Der neue Flughafen wird keine Sensation sein - nur eine Erleichterung

Der Versuch, das Textilviertel um den Hausvogteiplatz wiederzubeleben ist auch gescheitert. Dort wohnen immer noch Gespenster der Vergangenheit.

Außerdem werden spannende Projekte totgespart. Der Hauptbahnhof war einer der mutigsten Architekturwürfe Berlins. Wie Gerhard Schröder sagte, ist aber diese "Wurst" wegen Sparmaßnahmen "abgebissen" worden. Der größte Kreuzungsbahnhof Europas verschwindet Jahr für Jahr hinter billigen Gebäuden, die an Autobahnhotels erinnern. Es wird hier kein spannendes Viertel mehr entstehen können.

Der Berliner Politik ist es noch nicht mal gelungen, die Schätze der Neunzigerjahre zu nutzen. Die sogenannte "Romantik der Ruine" war kein sinnloser Begriff. Sie hat Millionen Menschen angezogen und fasziniert. Lebendig ist nichts mehr geblieben.

Das Viertel um die Oranienburger Straße (Mitte) mit der Neuen Synagoge, Galerien, Hackesche- und Heckmann-Höfe, hätte ein Künstlerviertel werden können. Trotzdem ist es nicht gelungen, das Kunsthaus Tacheles - das Symbol der Neunzigerjahre - zu retten.

Nach dem Rausschmiss des Ausstellungshauses für Fotografie C/O Berlin im ehemaligen Postfuhramt, verwandelt sich diese Straße in einen langweiligen Strich von billigen Restaurants und Prostitution. Die Oranienburger Straße verfällt in die Bedeutungslosigkeit.

Die wiedervereinigte Stadt bleibt ratlos

Der Alexanderplatz wartet seit Jahren auf Entscheidungen. Das Kulturforum verharrt in einer Art architektonischer Wüste (hier sollen die Architekten Herzog & de Meuron mit dem Museum des 20. Jahrhunderts etwas ändern). Unter den Linden wandelt sich in eine touristische Meile mit Disneyland-Atmosphäre (Stadtschloss, Adlon Hotel, Kommandantenhaus von Bertelsmann, Schinkelplatz, künftige Bauakademie, Mittelpromenade, Touristenshops).

Schauplatz Berlin

Heiter streiten um die Kunst-Scheune

Die Architekten Herzog & de Meuron haben für das Museum der Moderne einen überwältigend unverschämten Monumentalbau entworfen. Die Berliner reagieren überraschend gelassen. Nur einer regt sich auf.   Von Jens Bisky

Der historische Flughafen Tempelhof wartet nach dem Scheitern des Volksentscheids auf ein Konzept. Das historische Herz Berlins um die 1270 gebaute Marienkirche mit ihrem wandelnden Marx-Engels-Denkmal soll noch umgestaltet werden. Die wiedervereinigte Stadt bleibt ratlos. Und im Westen? Nichts Neues.

Besucher aus London, Rom oder New York sind von der Energie und der Kreativität dieser Stadt fasziniert, aber fragen sich, wo sie diese architektonisch erleben können. Außer dem Jüdischen Museum von Daniel Libeskind, der Kuppel des Reichstags von Norman Foster und der Ausstellungshalle des Deutschen Historischen Museums von Ieoh Ming Pei, gibt es nicht viel Spannendes aus der Gegenwart zu zeigen.

Paris schafft es, die Leute zum Staunen zu bringen

Die französische Metropole hat nicht so viel Platz übrig wie Berlin. Paris schafft es aber immer noch, obwohl diese Stadt als Museumsstadt in einen Dornröschenschlaf gefallen ist, mit neuen Architekturprojekten Leute zum Staunen zu bringen. Paris, London oder Rom ticken wie Weltstädte. Ganz anders als Berlin.

Das Adrenalin und die Temperatur der Hauptstadt gehen an der Politik vorbei. Die Menschen, die hierher ziehen und leben - nicht nur Ausländer, sondern auch viele Deutsche aus anderen Bundesländern -, haben diese Stadt immer geprägt. Sie warten nicht auf die Eröffnung des Humboldt-Forums, sondern auf die des neuen Flughafens. Und dieser wird keine Sensation sein. Nur eine große Erleichterung.

Christophe Bourdoiseau, 49, ist Deutschland-Korrespondent der französischen Tageszeitung Le Parisien. Er lebt seit mehr als 20 Jahren in Berlin.

(Foto: Thomas Henkel)