Architektur Berliner Landeplatz für Jason Bourne

Charlotte Frank und Axel Schultes stellen Pläne für eine Erweiterung des Bundeskanzleramts vor.

Von Jens Bisky

Muss man für 400 Arbeitsplätze und ein paar Serviceeinrichtungen etwa 500 Millionen Euro ausgeben? Nun, die Not ist groß. Dem Bundeskanzleramt fehlen Räume, es ist überbelegt. 460 Arbeitsplätze lassen sich im Hauptgebäude - entworfen von Axel Schultes und Charlotte Frank, bestellt von Helmut Kohl, 2001 bezogen von Gerhard Schröder - unterbringen. Es arbeiten aber inzwischen rund 750 Menschen in der Regierungsschaltstelle, gut 200 an anderen Berliner Behördenstandorten.

Um sie alle wieder zusammenzubringen, wird ein Erweiterungsbau für das Bundeskanzleramt geplant. Am Dienstag stellten Charlotte Frank und Axel Schultes erste Entwürfe und ein bezauberndes Modell vor. Im Westen, auf dem Moabiter Werder soll ein bogenförmiges Bürogebäude erstehen, mit sechs Geschossen, den vielen, dringend benötigten Arbeitsplätzen, einem Multifunktionssaal. Der halbrunde Bau auf der Grenze des Kanzlerparks würde das "Band des Bundes" im Westen hübsch abschließen. In einem zweigeschossigen Bauteil wären Serviceeinrichtungen und eine Kantine untergebracht. Auf einem angrenzenden Grundstück kann ein Post- und Logistikbereich errichtet werden. Höhepunkte der Anlage wären eine neue Fußgängerbrücke über die Spree und ein Hubschrauberlandeplatz auf Berliner Traufhöhe, einer Kragplattform. Sie hat etwas Keckes, als wäre sie für James Bond geplant oder Jason Bourne, wenn er auf der Suche nach seiner Identität mal wieder in der Hauptstadt vorbeischaut. Die derzeitige Landestelle im Kanzlerpark entspricht den heutigen Anforderungen kaum noch.

Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) hat andere Möglichkeiten geprüft, die Campuslösung schien die beste zu sein, zumal sie im Entwurf schon angelegt war, mit dem Schultes und Frank den 1992 ausgelobten Ideenwettbewerb zur Neugestaltung des Spreebogens gewannen. Damals wurde viel über das Selbstverständnis der Berliner Republik und den architektonischen Ausdruck ihrer neuen Identität geredet. Das Kanzleramtshauptgebäude fiel entsprechend spielerisch aus, großzügig im Umgang mit Raum und Masse. Auf diese Weise, so Schultes, habe er auf das Wunder des Mauerfalls reagiert. An Büroräumen mag es fehlen, Foyers, Freiflächen finden sich im Kanzleramt reichlich. "Eine Nummer kleiner hätte es auch getan", meinte damals Gerhard Schröder.

Der Erweiterungsbau verzichtet auf Extravaganzen, nüchtern und funktional soll er nach dem Willen der Architekten werden. Kein Zaun soll das Halbrund auf der Parkgrenze im Westen vor den Großstädtern schützen, daher sind Erdgeschoss und erstes Obergeschoss festungsartig geschlossen. Charlotte Frank weiß schon genau, wie dennoch "Korridortrübsinn" vermieden, Tageslicht auf vielen Wegen gesichert werden kann. Dabei haben die Detailplanungen noch gar nicht recht begonnen. Erst 2023 werden sie abgeschlossen sein. Das BBR rechnet mit vier Jahren Bauzeit, sodass 2027 alles vollendet sein könnte.

Die Gesamtkosten lassen sich "zum jetzigen Zeitpunkt nicht belastbar beziffern". Geschätzt werden, Stand November 2018, 460 Millionen Euro. Am Ende muss sehr viel mehr gezahlt werden, da Baupreise normalerweise steigen. Unerwartete Ereignisse kann niemand ausschließen, Großbaustellen und vor allem Berliner Baustellen sind immer für Überraschungen gut. Egal, wie hoch dieses Berliner Großbaustellenrisiko zu veranschlagen wäre, der nüchterne, funktionale Erweiterungsbau wird viel mehr kosten als das luxurierende Kanzleramt selbst.

Ist es das wirklich wert? Der Kanzleramtsminister Helge Braun sprach in der Pressekonferenz von den "zusätzlichen Herausforderungen für Arbeitsabläufe", wenn nicht alle Beschäftigten an einem Ort vereint seien. Lang sind die Wege für Akten und Mitarbeiter. Muss man, um das zu ändern, eine halbe Milliarde ausgeben? Und wie verhält sich dieses Projekt zur häufig geäußerten Behauptung, wir lebten im Zeitalter der Digitalisierung? Andere Ministerien sind unterdessen auf mehrere, weit entfernte Standorte an Rhein und Spree verteilt. Höchstens dreihundert Meter lägen zwischen Hauptgebäude und Erweiterungsrund. Im Umkreis von einem Kilometer ließe sich gewiss Platz für eine kostengünstigere Kanzleramtsnebenresidenz finden.

Das größte Ärgernis im Regierungsviertel am Spreebogen würde durch den Erweiterungsbau ohnehin nicht behoben: die Ödnis zwischen Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus. Dort wehen Winde, fahren Autos, trauern Bäume, irren Touristen, verendet kläglich die Symbolik des Ost-West-"Brückenschlags". Ein Bürgerforum war einst vorgesehen. Schultes warb, darauf angesprochen, auf der Pressekonferenz für eine neue Ausstellung "Fragen an die deutsche Geschichte" an dieser Stelle.

Der Entwurf für den Erweiterungsbau hat manche Vorzüge, das gesamte Vorhaben aber ist irrwitzig. Es sei denn, Jason Bourne wird Kanzler.