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Baukultur:Ein Autor fordert in seiner Streitschrift: "Verbietet das Bauen!"

Schon wird in Zeiten fallender Zinsen, günstiger Darlehen und delirierend überschäumender Immobilienmärkte der Beton als knapper Rohstoff gewertet - wie auch der Sand, der zur Betonherstellung gehört. Das Neubauen wird zu einer Ressourcenfrage. Daher ist es eine Schreckensmeldung, wenn 86 Prozent der deutschlandweit befragten Kommunen angeben, dass in den letzten Jahren Gebäude aufgrund "schlechter Bausubstanz" abgerissen wurden. Oder weil man den gestiegenen Energieeffizienz-Normen Rechnung tragen muss. Doch die zuständige Verordnung EnEV, die Energieeinsparverordnung, berücksichtigt närrischerweise nicht die viel gewichtigere "graue Energie", die bereits im Gebäude steckt. Das ist jene Energie, die aufzuwenden ist, um ein Gebäude zu erbauen - vom Material über den Transport bis zur Konstruktion. Häuser verbrauchen die Energie hauptsächlich nicht durch Wärmeabgabe beim Bewohnen - sondern schon durch das Erbautwerden. Mit Blick auf das Drauflosneubauen nach EnEV-Standards, um der Wohnungsmisere beizukommen: Es ist irre, was gerade in einem Land passiert, das eigentlich schon längst zu Ende gebaut ist. Die Abrissbirne müsste man mittlerweile zu jenen Waffen rechnen, die zu ächten sind.

Der Zeitpunkt für ein Umdenken ist günstig. Der Architekt und Denkmalexperte Andreas Hild fordert: "Wir brauchen nicht nur ein Denkmalrecht, sondern ein Umbaurecht!" Daniel Fuhrhop schließlich meint sogar in seiner beachtenswerten Streitschrift: "Verbietet das Bauen!" Und schon längst wurde der Begriff der "Heimat", den man nicht dem rechten Politgeschwätz überlassen darf, rehabilitiert. Heimat aber hat viel mit räumlicher Identität und architektonischer Kontinuität zu tun.

Vielleicht ist das, was wie Retrospektive aussieht, der eigentliche Futurismus

Das Bewahren und der Bestand, das baukulturelle Erbe: Nie zuvor stand das bauliche Gestern so hoch im gesellschaftlichen Kurs wie heute. Der drohende Abriss des Münchner Arabellahauses fällt in sensibilisierte Zeiten. Die zunächst modisch erscheinende, aber letztlich nachhaltige "Kultur der Reparatur" müsste in eben diesem Sinn auch auf Häuser und Städte angewandt werden. Es darf nicht weiter blindwütig abgerissen werden. Das "neue" Bauen muss sich vom Dogma des Neubaus lösen, um aus dem Altbau formale, materielle und konstruktive Inspiration zu ziehen.

Das bauende Selbstverständnis steht im Bauboom vor einer Zeitenwende. Vielleicht markiert das, was vorgeblich retrospektiv erscheint, tatsächlich den wahren Futurismus. Zu allen Zeiten waren das neue Rathaus, das neue Schloss, die neue Kirche und das neue Museum Orte der Selbstbehauptung und Selbstvergewisserung. Der barocke Kirchenpfeiler, den man früher einfach um gotische Bestände herumgebaut hat (wie man das noch heute beim Dom in Passau besichtigen kann), war Ausdruck eines Glaubens an die Überlegenheit der jeweiligen Zeitgenossenschaft. Gleiches gilt für die mitunter an Insektizidsiedereien erinnernde Flachware der Moderne. Manches Gründerzeit-Haus wurde davon zermalmt. Die identifikatorische Sehnsucht nach formaler und materieller Erneuerung: Das ist seit jeher der Antriebsriemen der Baugeschichte.

Das gilt noch immer, doch jetzt steht das Neue im Dienst des Alten - der Zukunft zuliebe. Das Um- und Anders- oder auch Garnicht-Bauen: Das entspricht unserer Epoche. Weniger ist mehr: Noch nie war diese antiquitätenhafte Sentenz der Moderne so utopisch wie heute.

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