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Architektur-Ausstellung im MoMA:Häuser für alle

Wider den Ikonenkult: Eine New Yorker Ausstellung zeigt, wie Architektur Sozialarbeit leisten kann. Die Weltprobleme kann sie nicht lösen - aber viel bewegen.

Jörg Häntzschel

Seit sie für ihre reformerische Großprojekten aus den Nachkriegsjahrzehnten teils zu Recht, teils zu Unrecht mit Häme und Polemik überzogen wurden, haben die Architekten das Interesse am fortschrittlichen sozialen Bauen weitgehend verloren. Seit dem Beginn der Postmoderne, spätestens aber mit dem Aufstieg der "Stararchitekten" lebte sich die Branche lieber in elaborierten Kulturbauten oder Monumenten für globale Konzernen aus. Wenn es in den letzten zehn Jahren engagierte Architektur gab, dann eher mit ökologischem denn sozialem Anliegen.

Metrocable cabins are seen as they travel in Caracas

Die Gondelbahn über den Slums von Caracas ist das ungewöhnlichste Projekt der Architekturausstellung im New Yorker Museum of Modern Art. Zehn weitere Projekte widmen sich dem Themenkomplex soziales Bauen.

(Foto: REUTERS)

Abseits vom Mainstream jedoch sind überall auf der Welt Projekte in Arbeit, mit denen Architekten - oft auf eigene Initiative - helfen, die Lebensbedingungen lokaler Bevölkerungsgruppen zu verbessern. Die Dimensionen sind bescheiden, die Mittel simpel. Dennoch stehen hinter diesen Projekten oft erstaunlich komplexe Überlegungen. Elf von ihnen stellt der früher an der Berliner Kunstbibliothek und der Neuen Nationalgalerie tätige Kurator Andres Lepik nun in seiner Ausstellung "Small Scale Big Change" im New Yorker Museum of Modern Art vor.

Siedlung aus halben Häusern

Da ist etwa das Projekt "Quinta Monroy Housing" im chilenischen Iquique. Der Architekt Alejandro Aravena suchte nach einer Lösung, die Wohnverhältnisse in einem kleinen Slum zu verbessern, ohne die Bewohner von ihrem Stück Land zu vertreiben und ohne auf staatliche Unterstützung zurückzugreifen. Die Lösung war eine Siedlung aus "halben Häusern". Der Preis von 7500 Dollar für die 30-Quadratmeter-Häuser war niedrig genug, um von den Bewohnern mit Krediten bewältigt zu werden. Neben jeder der spartanisch ausgestatteten Hälften, war Platz für spätere Erweiterungen vorgesehen. Sobald sie genug Geld hatten, konnten die Bewohner die Lücke mit einem eigenen Anbau füllen.

Das Büro Rural Studio folgte mit seinem "$20K House" ähnlichen Überlegungen. In Alabama, wie im Rest der USA, leben viele Arme in Trailern, jenen paradoxen stationären Wohnwagen. Sie sind schnell aufgestellt und innen mit dem Nötigsten ausgestattet. Aber sie haben zwei entscheidende Nachteile: Zum einen verlieren sie wie Autos rapide an Wert. Zum anderen werden sie irgendwo weit weg in einer Fabrik hergestellt. Rural Studio suchte nach einer Alternative, deren Bau der armen und schlecht ausgebildeten örtlichen Bevölkerung, und nicht irgendeinem Konzern zugutekommen würde. Die Lösung war ein robustes, radikal vereinfachtes Holzhaus, das sich ohne aufwendiges Werkzeug und mit lokalen Materialien in drei Wochen und für nur 20000 Dollar bauen lässt.

Ein ganz anderes Projekt haben Frédéric Druot, Anne Lacaton und Jean Philippe Vassal für einen jener Sozialbauten in der Pariser Banlieue entwickelt, die gerne für die dortigen Konflikte verantwortlich gemacht werden. Statt Bauten wie diese abzureißen, wie nach den Krawallen von 2005 von vielen französischen Politikern gefordert, und ein Experiment durch ein weiteres zu ersetzen, schlagen sie vor, den Bau zu recyclen und zu erweitern. Mit einem System entlang der Fassaden aufgestapelter Module, erhält jede Wohnung einen Balkon und zusätzlichen Wohnraum. Wie bei den anderen Projekten bleibt die Konfiguration den Bewohnern selbst überlassen. Sie gewinnen nicht nur Platz, sondern auch ein Gefühl von Zugehörigkeit, das ihnen in der alten Vormundschaftsarchitektur fehlte.

Schule aus Lehm

Zwei andere Projekte aus der Ausstellung gehen in diesem Punkt noch sehr viel weiter. Beides sind Schulen, eine in Bangladesch, eine in Burkina Faso, die - mit einem wichtigen Ausbildungseffekt - zum größten Teil von ihren zukünftigen Benutzern selbst gebaut wurden. Möglich war das, weil die Architekten statt der vermeintlich modernen Baumethoden traditionelle Verfahren wiederbelebten, die billiger, einfacher und besser an die Klimaverhältnisse angepasst sind. In Bangladesch, dem am dichtesten besiedelten Land der Erde, dezimieren Ziegelfabriken ganze Landstriche, die für die Landwirtschaft dringend benötigt würden. Die Deutsche Anna Heringer baute dort eine Schule in der heute zu Unrecht als primitiv geltenden Lehmbauweise, die dort jahrhundertelang üblich war.

Diébédo Francis Kéré, der aus Burkina Faso stammt und heute als Architekt in Berlin arbeitet, ging einen ähnlichen Weg. Statt mit aufwendig in der Fabrik hergestellten Betonblöcken, baute er in seinem Heimatort Gando eine Schule mit den dort früher gängigen ungebrannten Adobe-Ziegeln, deren Produktion er mit Hilfe einer manuellen Presse leicht modernisierte. Am Ende hatte die Dorfgemeinschaften genau wie die in Bangladesch sehr viel mehr als nur eine dringend benötigte Schule.

Das ungewöhnlichste der elf Projekte stammt aus dem Slum San Agustín in Caracas. 40000 Menschen leben dort an einer Bergflanke über der "offiziellen" Stadt, in der viele von ihnen täglich arbeiten. Um dort hinzugelangen mussten sie einen mühsamen Fußweg über unendliche Treppen, entlang einer Autobahn und über den Fluss zurücklegen. Statt Straßen durch das dichte Viertel zu schlagen und dafür 20 Prozent der Häuser abzureißen, schlug das Büro Urban Think Tank vor, eine Gondelbahn zu bauen. Von den Stationen abgesehen, blieb das Quartier so unangetastet.

Die Weltprobleme, die verantwortlich sind für die Slums in Caracas und die fehlenden Schulen in Burkina Faso, können diese Projekte nicht lösen. Aber sie demonstrieren, dass Architektur das Leben ihrer Bewohner sehr wohl verändern kann, sofern sie wirklich deren Bedürfnissen dient und mehr bietet als nur etwas Komfort. Alle elf Projekte - auch ein Apartheid-Museum in Südafrika und eine Kunstschule in Los Angeles sind darunter - wirken wie Motoren, die, einmal in Gang gebracht, auch lange nach der Fertigstellung noch ökonomische, ökologische und soziale Verbesserungen produzieren. Der Architekt ist damit auch Anthropologe, Sozialarbeiter, Entwicklungshelfer, Ökonom und Teamleiter. Das dürfte reichen, um ihn darüber hinwegzutrösten, dass am Ende kein ikonisches Bauwerk von ihm dasteht.

"Small Scale Big Chance", bis 3. Januar, Museum of Modern Art, New York. Infos unter www.moma.org. Der Katalog kostet 37,50 Dollar.

© SZ vom 22.10.2010/ls

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