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Architektur:Aus dem "Big Apple" wird die große Ananas

Vessel, Hudson Yards, Manhattan New York USA

Am westlichen Rand von Manhattan entstehen seit 2011 die "Hudson Yards". Der Gebäudekomplex soll bis 2025 fertig sein und dann vor allem aus Büro-Wolkenkratzern bestehen. Im Zentrum des Areals ist eine 15-stöckige Treppenskulptur aus Beton und Stahl geplant (Computerentwurf).

(Foto: AP)

In New York soll eine gigantische, begehbare Skulptur aus 2500 Stufen erbaut werden. Ist das Kunst im öffentlichen Raum - oder eher ein raffiniertes neues Fitness-Programm?

Von Gerhard Matzig

Ein neuer Eiffelturm, eine gigantische Bienenwabe, ein überdimensionierter Basketballkorb, eine mehrdimensionale Himmelsleiter, die größte Musicaltreppe der Welt, ein Fitnesscenter mit nur einem Gerät . . . Es ist ja eigentlich immer ein gutes Zeichen, wenn Baulichkeiten mit Spott überzogen werden. Im Fall der soeben in New York bekannt gewordenen Pläne für eine 150 Millionen Dollar teure Treppenskulptur (134 Millionen Euro) geschieht dies sogar schon Jahre vor der Realisierung. Erst im Jahr 2018 wird man "The Vessel" - deutsch: Das Gefäß - daraufhin befragen können, ob es neben seiner Bestimmung als Zentrum eines im Entstehen befindlichen Gebäudekomplexes namens Hudson Yards auch noch zu allem anderen taugt. Die stairway to heaven, die hier entsteht, ist jedenfalls schon jetzt eine gelungene Projektionsfläche für Befürchtungen und Hoffnungen aller Art.

Die suggestiven Computersimulationen, die den Entwurf des 46-jährigen Londoner Designers Thomas Heatherwick bildhaft erläutern, zeigen übrigens auch die Struktur einer sehr großen Ananas. Big Apple wird also zum noch größeren big pineapple umgedeutet. Seit 2011 wird an dem Komplex gearbeitet. Bis 2025 sollen auf einem zur Konversion freigegebenem Areal, das bislang teilweise als Betriebsgelände der Eisenbahn dient, 15 Wolkenkratzer entstehen. "The Hudson Spire", ein Bürobau, soll 549 Meter hoch werden. Es wäre das höchste Gebäude des neuen Komplexes, New Yorks und auch der USA. Acht Meter höher als das "One World Trade Center" von Ground Zero.

Allzu große Demut sollte man sich vom Investor nicht erwarten. Es ist der 75-jährige Milliardär Stephen M. Ross, dem außer sehr vielen Immobilien auch das Footballteam Miami Dolphins gehört. Allein der zentrale Platz der Hudson Yards, den die Titanen-Ananas weithin sichtbar dominieren wird, umfasst mehr als 20 000 Quadratmeter oder fünf Fußballfelder. Für die Dolphins: vier Footballfelder.

Hier wird ein neues Zentrum für New York erfunden

Ross will sich hier verewigen, indem er ein neues Zentrum für New York erfindet. "Während der Weihnachtszeit", sagte er der New York Times, "ist das Rockefeller Center der wichtigste Ort der Stadt." Seine Treppenskulptur soll nun dafür sorgen, dass hier am westlichen Rand von Manhattan zwölf Monate im Jahr Weihnachten ist. Schon deshalb hat er sich auf einen offenen Kunstwettbewerb gar nicht erst eingelassen. Der britische Designer wurde von Ross direkt beauftragt. Das Prozedere, das mitten in der Stadt etwas hervorbringen soll, was mit "öffentlicher Raum" trotz seiner Parkanlagen nicht ganz korrekt beschrieben ist, erinnert an die Renaissance. Damals wurden die europäischen Städte von Königen und Kirchenfürsten nach Belieben, allerdings auch nach vorhandenem Kunstsinn gestaltet. Es bleibt abzuwarten, ob die Stadtbaukunst in New York nun eine Renaissance oder doch nur eine Art Rosskur erfährt. Jedenfalls: Die Manhattan-Ananas ist die Antwort auf Michelangelos David in Florenz. Größer ist sie ja.

Dabei gilt der Designer Heatherwick durchaus als Wunderkind der Zunft. Vielfach ausgezeichnet, beschäftigt er mittlerweile ein Team von 160 Architekten, Designern und Technikern in seinem Studio in London. "Öffentliches Design" nennt er seine Arbeiten, wozu auch der Entwurf für die Feuerschale der Olympischen Spiele 2012 in London zählt.

"In einer Stadt voller Sehenswürdigkeiten", so erzählt das der Brite, "wollte ich nicht nur etwas zum Anschauen schaffen - sondern zum Anfassen, zum Benutzen." Außerdem, kleiner Scherz am Rande, sei New York ja die Stadt mit dem allergrößten Fitnessfimmel. Man könne seine Skulptur, die an die in die Irre laufenden Treppen von Piranesi erinnert, daher ruhig als Gym begreifen und begehen.

Eine Skulptur als Gym - und der Zusammenhang von Architektur und Adipositas

Dazu passt, dass auch anderswo im Zusammenhang mit der Volkskrankheit Fettleibigkeit über den Zusammenhang von Architektur und Adipositas nachgedacht wird. Treppensteigen ist eine einfache und effektive Fitnessübung im Alltag. Die Deutsche Hochschule für Gesundheitsmanagement in Saarbrücken rechnet vor: "400 Treppenstufen am Tag entsprechen einer 15-minütigen Joggingeinheit." Vor einigen Jahren hat die Architectural Association School of Architecture in London ganz folgerichtig angeregt, man solle Treppen so einladend gestalten, dass niemand mehr Lust auf den Lift hat. In Santiago de Chile hat man eine Treppe an der U-Bahn- Station Quinta Normal bereits so umgebaut, dass Klavierklänge ertönen, sobald man eine Stufe betritt. Mit 2500 Stufen in dem 600 Tonnen schweren "Vessel"-Konstrukt dürfte die New Yorker Fitness-Ambition jedoch schwer zu toppen sein.

Womöglich ist es auch gar keine so schlechte Idee, dass hier eher etwas zum Herumturnen und Begehen als zum Betrachten realisiert wird. Denn vor der beeindruckenden Kulisse New Yorks droht allen Kunstwerken bisweilen das Verzwergen. Das mussten sogar Ólafur Elíassons Wasserfälle im East River erfahren.

Andererseits sind die begehbaren Kunstwerke im öffentlichen Raum auch ein fragwürdiger Trend. In Berlin wurde vor Kurzem die "Bürgerwippe" infolge einer Budgetüberschreitung gestoppt. Seither betet man, das möge das Aus bedeuten für ein Denkmal der Einheit, das in Wirklichkeit, oh wie hintergründig, eine überdimensionale Schaukel und daher ein auf ewig auszutarierendes Mir-wird-gleich-schlecht-Moment wäre. Es ist übrigens charmant, dass sich New York nun ausgerechnet das wünscht, was Tirschenreuth, Gaißach, Gelsenkirchen-Ückendorf und Pottenstein auch schon haben - eine Himmelsleiter nach nirgendwo.

© SZ vom 16.09.2016/doer

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