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Architekten im Rosenkrieg:Man sieht sich vor Gericht

matzig

Elbphilharmonie, Flughafen BER, Pinakothek der Moderne: Immer öfter gibt es Streit, auch vor Gericht, zwischen Bauherren und Architekten. Ein Risiko für die Baukultur.

Von Gerhard Matzig

Allein im letzten Jahr gab es in Deutschland 127 683 Insolvenzen. Allerdings wurden davon nur vier Verfahren von Architekten angestrengt. Das heißt: Lediglich bei 0,003 Prozent der Pleiten waren Planer betroffen. Das spricht nicht für ein besonders hohes Berufsrisiko. Tatsächlich befindet sich der Berufsstand aber in einer Krise, die zwar bislang nur wenige Konkursverfahren hervorbringt, aber das könnte sich erstens schnell ändern; und zweitens droht nun auch der Baukultur-Bankrott.

Der Fall Koch + Partner ist ein aktueller Fingerzeig darauf. Das seit Jahrzehnten erfolgreiche Münchner Architekturbüro, dem Entwurf und Planung des neuen Terminals am Flughafen Franz Josef Strauß zu verdanken sind, hat soeben Insolvenz angemeldet. Norbert Koch beklagt, dass Lufthansa und Flughafen als Betreiber des kürzlich auf grotesk bombastische Weise eröffneten Terminals Honorare von mindestens 900 000 Euro schuldig sind. Die Betreiber verweigern die Zahlung und verweisen im Gegenzug auf eine Liste mit echten oder angeblichen Planungsfehlern der Architekten. Es geht um millionenschwere Nachforderungen. Man sieht sich vor Gericht.

Symptomatisch ist dieser Fall, weil die Konflikte zwischen Architekten und Bauherren zunehmen. Der Münchner Architekt Andreas Meck erzählt, früher habe man sich hauptsächlich ums Entwerfen und Bauen gekümmert - heute diskutiere man vor allem mit Anwälten. Oder Meinhard von Gerkan vom Hamburger Büro gmp: Der lieferte sich im Streit um den Berliner Hauptbahnhof einen spektakulären Prozess mit der Bahn als Bauherrin. Heftige Konflikte gab es auch zwischen der Stadt Hamburg und den Architekten der Elbphilharmonie, Herzog & de Meuron (Basel).

Diesen prominenten Fällen entsprechen jene, die kaum je publik werden, die aber - zumal für kleinere Büros - oft fatal enden. Am Bau herrscht inzwischen ein Rosenkrieg: Bauherren gegen Architekten. Die Stimmung ist gereizt, das Vertrauen dahin. Die Baukultur erodiert.

Zu tun hat der Konflikt mit den jüngeren Bauskandalen und der immer hysterischeren Rezeption des Bauens: Elbphilharmonie, Flughafen Berlin, Pinakothek der Moderne . . . Darunter leidet zunächst einmal die Reputation von allen, die am Bau beteiligt sind. Das schwächste Glied in der Kette der Schuldzuschreibungen ist jedoch der Architekt. Dessen Haftungspflichten werden immer weiter ausgedehnt, während sein durch die HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) definierter Schutzbereich sowie seine Kontrollmöglichkeiten immer mehr beschnitten werden.

Hinzu kommt: Die Bauherren sind selten baukulturell interessierte Partner, sondern oft Manager mit temporärer Zuständigkeit. In der Aufarbeitung der Streitigkeiten zeigt sich: Mehr Bauherren als Architekten verursachen Planungsfehler. Wenn Bauten glücklich zustande kommen, rühmen sich jedenfalls meist die Bauherren. Wenn sie aber scheitern, scheitern die Architekten.

© SZ vom 13.08.2016
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