Arbeitskräfte heute Wer hat Angst vor dem polnischen Klempner?

Er war - vor dem Fall aller Kaltkriegs-Mauern - das Symbol kommunistischer Hoffnungslosigkeit. Nun verwandelt er sich plötzlich in das Symbol freier Marktwirtschaft - und das globalisierte Europa zittert vor ihm. Von Andrzej Stasiuk

Im kommunistischen Polen war der Klempner eine symbolische Figur. In Witzen kam er vor und im Kabarett. Er symbolisierte die Schizophrenie jener Zeit. Unter der Woche arbeitete er in einer staatlichen Institution, einer Fabrik oder Baufirma, und nach seinen regulären Stunden arbeitete er schwarz, das heißt, er nahm private Aufträge an. Diese Aufträge waren natürlich illegal, aber sie wurden von der Gesellschaft akzeptiert und von den Behörden insgeheim geduldet. Einen privaten Dienstleistungsbereich gab es damals de facto nicht, und die Wohnungen, die von den staatlichen Firmen zur Benutzung übergeben wurden, bedurften meist sofortiger Reparatur.

Nein, unserc Super-Mario hier ist KEIN Pole, aber er ist Klempner.

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In dieser Situation war der Klempner eine Art Märchenprinz. Die Bürger, die sich mit tropfenden Wasserhähnen, undichten Rohren, verstopften Toiletten herumschlagen mussten, oder damit, dass aus den Hähnen nur heißes oder aber gar kein Wasser kam, waren bereit, dem Klempner die Füße zu küssen. Und das wusste der Klempner sehr wohl. Er nahm einen Vorschuss, verabredete sich, erschien aber nicht zum vereinbarten Termin. Er kam, wann es ihm passte. Zum Beispiel nach einer Woche. Die schmutzigen, nach einem Bad lechzenden Mieter begrüßten ihn auch so als Retter. Sie bewirteten ihn mit Kaffee, Alkohol, luden ihn zum Mittagessen ein und behandelten ihn mit großer Hochachtung. Der Klempner aß, trank, hörte sich Komplimente an und machte sich dann langsam und würdevoll an die Arbeit. Er drehte irgendwas auf, montierte irgendwas ab, machte fürchterliche Unordnung in Küche oder Bad, und dann verlor er plötzlich die Lust, redete sich mit fehlenden Ersatzteilen heraus, ließ den ganzen Saustall liegen, versprach, am nächsten Tag zu kommen und tauchte eine Woche später wieder auf, wenn man ihn mit einem weiteren Vorschuss lockte. Manchmal sah man ihn auch gar nicht wieder, dann musste man einen anderen suchen. In einer Situation von kolossaler Nachfrage und verschwindendem Angebot brachte diese Aufgabe Menschen an ihre Grenzen.

Das war der polnische Klempner noch vor fünfzehn Jahren. Keinem anderen Handwerker wurde die Ehre zuteil, sich in ein Symbol zu verwandeln.

Heute, gut fünfzehn Jahre später, raubt diese Allegorie der Pfuscherei, das Symbol der Unredlichkeit und Arroganz, die Verkörperung der Gewissenlosigkeit und Unprofessionalität unserem Kontinent den Schlaf. Holland zittert vor ihm, Österreich fürchtet ihn. La douce France erstarrt bei dem Gedanken, dass er mit seinen Zangen, Rohren und Schraubenziehern anrückt, als wären die englischen Bogenschützen von Crécy im Anmarsch.

Kurzum, schlagartig hat sich alles geändert: Der polnische Handwerker, der in seiner Heimat vor einigen Jahren noch ein Symbol der Stümperei war, zieht in den Westen und kommt ganz gut zurecht. Er gründet Einmannbetriebe, lernt Französisch, bietet seine Dienste im Internet an, schlägt seine westlichen Fachkollegen durch die Qualität seiner Arbeit und die Konkurrenz der Preise. In anderen Worten, das Symbol kommunistischer Hoffnungslosigkeit verwandelt sich plötzlich in das Symbol freier Marktwirtschaft - Expansion, Initiative, Elastizität. Plötzlich verlässt er den sicheren Hafen und will ferne Länder erobern - der Installateur als Conquistador. Und statt sich zu freuen, dass der Schüler so gelehrig ist, verfällt Europa, vor allem Frankreich, in Wehklagen, dass jemand es wagt, in seinem Hinterhof das zu tun, was man bisher immer selbst getan hat. Nur billiger, schneller und besser. Kann Frankreich etwa dem polnischen Klempner nicht das Wasser reichen? Einer Witzfigur? Ach - nicht ausgeschlossen, dass es hier um mehr geht als um Wirtschaft, dass es um das tiefste Unterbewusstsein geht. Schließlich ist das Wasser Symbol des Ursprünglichsten in der Natur. Und es ist schwer, sich damit abzufinden, dass der Herr des Wassers ein Fremder ist, womöglich aus dem wilden Osten. Das ist fast so, als würde ein Pole in den tiefsten Winkeln der delikaten französischen Seele herumstochern.

Um es auf eine weniger symbolische Ebene zu bringen, kann man anführen, dass der Installateur meistens dann kommt, wenn der Hausherr oder Ehemann gerade in der Arbeit ist.

Aber lassen wir die Psychologie. Dann sehen wir, dass die Sache im Grunde genommen ganz gut läuft. Alle Schauspieler dieses Stücks spielen ihre Rolle. Zum Beispiel produziert die - noch - französische Firma Danone in Polen Jogurt und macht alle kleineren Konkurrenten platt. Der polnische Klempner macht in Frankreich seine trägen Kollegen platt. Ersteres nennt sich Erweiterung des Marktes, letzteres Zerstörung des Arbeitsmarktes. Aber in Wirklichkeit haben wir es mit freiem Energiefluss zu tun, mit einem Kräftespiel, das sowohl die "alten" wie auch die "neuen" Europäer zu einer Anstrengung zwingt. Natürlich sind die "neuen" expansiver als Individuen, und die "alten" haben größere Möglichkeiten als Institutionen, Firmen oder Konzerne. Der Zusammenstoß von Neuem und Altem, die Verbindung von Vitalität und ökonomischem Potential kann Energie freisetzen, die Europa das Überleben ermöglichen oder jedenfalls seinen schönen Untergang hinauszögern wird.

So oder so - die Angst vor dem polnischen Klempner ist nur eine Übung. Stellen Sie sich nur die Panik vor, die entsteht, wenn die Botschaft vom "chinesischen Klempner" eintrifft. Und der wird kommen.

Deutsch von Renate Schmidgall

Von dem polnischen Schriftsteller Andrzej Stasiuk erschienen zuletzt auf Deutsch der Essayband "Das Flugzeug aus Karton" und die Erzählungen "Über den Fluß" (beide im Suhrkamp Verlag, 2004). Im August kommt sein neues Europabuch "Unterwegs nach Babadag" heraus.