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Antwort auf Alice Schwarzer:Warum wir gegen Buchhalter-Feminismus sind

Alice Schwarzer bekam den Ludwig-Börne-Preis - und warf in ihrer Dankesrede den "Neue deutsche Mädchen"-Autorinnen "Wellness-Feminismus" vor. Auf sueddeutsche.de antworten die Attackierten.

Als am Sonntag die Autorin Alice Schwarzer den Ludwig-Börne-Preis bekam, stichelte sie gegen eine "zweite, medial lancierte Girlie-Welle" auf dem Buchmarkt. Die "Emma"-Gründerin spottete über die "späten Mädchen und Propagandistinnen eines Wellness-Feminismus". Sie meinte damit auch Jana Hensel und Elisabeth Raether, die gerade ihr Buch "Neue deutsche Mädchen" veröffentlicht haben. Auf sueddeutsche.de antworten die beiden angegriffenen Autorinnen.

Alt-Feministin Alice Schwarzer bekam den Ludwig-Börne-Preis - und dankte mit einer Schelte an die "Neuen deutschen Mädchen".

(Foto: Foto: ddp)

Harald Schmidt hat uns einen Satz geschenkt. Wir hätten es nie so schön sagen können wie er, und deshalb wiederholen wir diesen Satz hier noch einmal. In seiner Laudatio auf die Börne-Preisträgerin Alice Schwarzer vergleicht Harald Schmidt sie mit Franz Beckenbauer.

Wir haben ja nicht viel Ahnung von Fußball, aber Schmidt meint, mit Schwarzer sei es so ähnlich wie mit Kaiser Franz: "Wir werden nie vergessen, dass sie den Feminismus nach Deutschland geholt hat, aber aus dem Tagesgeschäft soll sie sich bitte raushalten."

Alice Schwarzer wiederum schenkt uns nichts. In ihrer Dankesrede greift sie uns an. Sie nennt uns "Girlies", die "zur Verluderung des Feminismus beitragen". Wir sind "Propagandistinnen eines Wellness-Feminismus", und kümmern uns ausschließlich um "Karriere und Männer".

Will sagen: Hensel, Raether, Thema verfehlt, setzen, sechs!

Offenbar interessiert es Alice Schwarzer so wenig wie den Rest der Welt, was junge Frauen zu sagen haben. Junge Frauen kommen heute öffentlich meistens als Körper vor oder als Gesichter, die einem aus dem Fernsehen, von der Kinoleinwand und von Plakaten stumm entgegenlächeln. Dieses Image werden Frauen auch nicht los, wenn sie doch mal etwas sagen wollen.

Alice Schwarzer erkennt nicht, dass sie dieses Klischee bedient, wenn sie uns Autorinnen mit den sogenannten Girlies der 90er Jahre vergleicht, jenen lächelnden Fernsehgesichtern Heike Makatsch und Enie van de Mejklokles, deren Job damals darin bestand, Musikvideos anzusagen. Wie selbstgerecht und autoritär tut Alice Schwarzer als "nichtssagend" ab, was Frauen zu sagen haben, die nicht leben wie sie.

Kompliziert, komplizierter

Unser Buch "Neue deutsche Mädchen" beschreibt in autobiographischen Essays das Lebensgefühl einer Generation junger Frauen. Einer Generation von Frauen, die so gut ausgebildet und selbstbewusst ist wie keine vor ihr - und die deshalb keine hauptberuflichen Feministinnen mehr braucht, die ihnen diktiert, wo es lang geht.

Die Wirklichkeit ist komplizierter, wir sind komplizierter, unser Buch ist komplizierter.

Als Alice Schwarzer so alt war wie wir heute, war die Gleichheit zwischen Mann und Frau noch ein fernes Ziel. Für uns ist sie längst selbstverständlicher Anspruch. Unser Buch handelt von Liebesaffären, weil für uns offene Formen des Zusammenlebens und unverbindliche Beziehungen normal sind.

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