Antwort auf Alice Schwarzer "Kein böses Patriarchat"

Neuer Feminismus: Nach den "neuen deutschen Mädchen" antworten nun auch die "Alphamädchen" auf die Vorwürfe von Alice Schwarzer.

Von Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl

Am Sonntag erhielt Alice Schwarzer den Ludwig-Börne-Preis für kritischen Journalismus. In ihrer deutschlandweit beachteten Dankesrede bezeichnete sie die gerade entstehende junge feministische Szene als "Propagandistinnen eines Wellness-Feminismus".

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Schluss mit Porno!

Diese blickten nur auf ihre eigenen Belange, Karriere und Männer - eine erbärmliche "Geschichtslosigkeit" und "Kaltherzigkeit, für die sie sich nicht einmal schämen". Diese "Post-Girlies" wolle Schwarzer nicht vertreten, und auch nicht "Führerin der Frauenbewegung" sein. Sie spreche für sich selbst und nicht als Stellvertreterin des Feminismus - deshalb sei an ihr kein Vorbeikommen: "Ich bin, mit Verlaub, liebe späte Mädchen, auch nicht abzusetzen."

Vorneweg: Niemand will Alice Schwarzer absetzen. Mit ihr fühlt sich wohl jede Feministin in Deutschland in gewisser Weise verbunden.

Anders

Doch es muss möglich sein, dass junge Frauen wie wir feministische Ideen für unser Leben und unsere Bedürfnisse weiterentwickeln und in Teilen auch anders praktizieren, als das unsere Vorgängerinnen getan haben.

Dabei setzen wir uns natürlich auch mit Alice Schwarzer auseinander - manchmal kritisch, manchmal bewundernd. Wer hier von Absetzungsversuchen spricht, hat etwas falsch verstanden. Es geht darum, ein großes, wichtiges Projekt durch das nächste Jahrhundert zu bringen.

Wenn "Wellness-Feminismus" bedeuten soll, dass wir uns eine Gesellschaft wünschen, in der wir uns wohlfühlen, dann trifft diese Bezeichnung durchaus zu.

Wir brauchen den Feminismus

Ja, unsere Generation geht nicht auf die Straße, um für Frauenrechte zu kämpfen, wie es Alice Schwarzer und Hunderte Frauen ihrer Generation taten. Aber dass wir unsere Unzufriedenheit nicht mit Plakaten demonstrieren, bedeutet nicht, dass es keinen Anlass zur Unzufriedenheit gibt. Denn eben weil wir uns nicht immer wohlfühlen in dieser Gesellschaft, brauchen wir den Feminismus.

Er ist nach wie vor notwendig, genau wie jede andere Form sozialer Kritik und gesellschaftlichen Engagements. Um effektiv - und ja: populär - zu sein, muss sich eine politische Denkrichtung aber weiterentwickeln, eine Sprache sprechen, die die junge Generation kennt, und Handlungsformen finden, die der aktuellen Situation entsprechen.

In unserer Generation gilt es als gesetzt, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Findet sich eine Frau plötzlich trotzdem in einer Rolle wieder, die sie sich so nie gewünscht hatte, dann ist sie eben selbst schuld, hat sich nicht genügend angestrengt. Wer meckert, gibt sich als Versagerin zu erkennen in einer Gesellschaft, in der doch angeblich alles möglich ist.

Wir haben uns entschlossen, Frauen das generationenübergreifende Gefühl des Scheiterns zu nehmen, indem wir wieder und überall darüber sprechen, dass es noch immer Ungerechtigkeiten gibt in dieser Gesellschaft; Strukturen, die Frauen das Leben ein bisschen schwerer machen als Männern.

Kämpfen

Indem wir daran erinnern, dass Gleichberechtigung etwas ist, was man nicht einfach von den Eltern erbt, sondern für das man immer und immer wieder kämpfen muss.

Es sind vor allem Rollenklischees und Rollenerwartungen, die junge Frauen nicht das Leben führen lassen, das sie sich ausmalen. Sie starten mit tollen Schul- und Berufsabschlüssen, haben von ihren Eltern gehört, dass ihnen die Welt offensteht. Und dann begegnen sie dem sexistischen Chef, dem überforderten Ehemann, den ehrgeizigen Freundinnen, den traditionsbewussten Bekannten.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie der Feminismus schlagkräftig bleiben kann.