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Spanische Literatur:Der Attentäter und ich

Spielplatz der Zeitgeschichte, den Molina einarbeitet: Der Balkon des Lorraine Motels in Memphis, auf dem Martin Luther King Jr. erschossen wurde.

(Foto: Jack Thornell/AP)

Antonio Muñoz Molina bringt in seinem Roman "Schwindende Schatten" die Geschichte seines Alter Ego mit der des Mörders von Martin Luther King in Verbindung. Das gelingt auf hinreißende Art - bis zur Seite 330.

Lesen - und dabei sacht verschwinden. Abtauchen für Stunden oder Tage in den Lebensgeschichten anderer, anderen Zeiten, Orten, und dies bei hellwachem Verstand. Wann hat man zuletzt so gelesen? Als Kind auf jeden Fall. Bei Erwachsenen kommen Leseglückserlebnisse dieser Art seltener vor. Schlägt man Antonio Muñoz Molinas jüngsten Roman "Schwindende Schatten" auf, stellt es sich aber mit den ersten Sätzen wieder ein. Sie erzählen, was geschieht, wenn ein Mensch zu intensiv liest: "Die Angst hat mich im Innern des Bewusstseins eines anderen aufgeweckt; die Angst und die Vergiftungen der Lektüre und der Suche. Es ist, als hätte ich die Augen in einem Zimmer aufgeschlagen, welches nicht dasselbe ist wie das, in dem ich eingeschlafen bin. Noch beim Aufwachen hielt die Panik des Traums an. Ich hatte eine Straftat begangen oder wurde zumindest verfolgt und war verurteilt worden, obwohl ich unschuldig war."

Um Verbrechen wird es im Folgenden gehen, um Schuld, und die Identifikation eines Menschen mit einem anderen, von dem er nur gelesen hat. Das erzählende "Ich" ist ein spanischer Schriftsteller, der über sich selbst in zwei entscheidenden Phasen seines Erwachsenseins nachdenkt. Aus den Daten ist zu erschließen, dass es sich um Antonio Muñoz Molinas literarisches Alter Ego handelt. Über lange Passagen verklammert er seine Autorenexistenz mit der eines anderen Mannes: James Earl Ray, in desolateste Verhältnisse hineingeboren am 10. März 1928 in einem kleinen Kaff in Illinois, erschoss vierzig Jahre später in Memphis, Tennessee, den schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King. Nach Wochen auf der Flucht wurde Ray auf dem Flughafen Heathrow gefasst, gestand die Tat, widerrief sein Geständnis kurz darauf, versuchte zu fliehen und starb schließlich 30 Jahre später im Gefängnis in Nashville, Tennessee, an Nierenversagen.

Diesem Kriminellen in seinen tragischen und, dies vor allem, bizarren Zügen forscht Molinas Schriftstellerfigur nach. Er tut es - außer in Archiven und Büchern - überwiegend in Lissabon, der Stadt, in der Ray sich nach dem Attentat zehn Tage lang versteckt hielt, mit der vagen Absicht, sich nach Rhodesien, Biafra oder dem Kongo einzuschiffen, um für die vermeintlichen Besitzrechte weißer Männer auf dem afrikanischen Kontinent zu kämpfen.

"An der Eisentreppe, auf dem Balkon vor Zimmer 306, arbeiteten still ein paar Männer."

Lissabon ist aber auch für den Erzähler ein zentraler Ort: Hierher reiste er zuerst 1987, mit Anfang dreißig, um sich für seinen zweiten Roman inspirieren zu lassen, der dann seinen Durchbruch bedeutete. 2013 kehrt er als preisgekrönter Schriftsteller zurück, um über James Earl Reys Lissabon-Aufenthalt im Jahr 1968 zu recherchieren. Er wird ihm bis nach Memphis folgen, an den Tatort, und kurz die Geschichte des Mordopfers erzählen und von dessen Geliebter: "Sie ging auf den Parkplatz hinaus, auf dem kein einziges Auto mehr stand und der nur vom blinkenden Neonlicht der Motelreklame erhellt war, rot und gelb, rot und blau. Oben an der Eisentreppe, auf dem Balkon vor Zimmer 306, arbeiteten still ein paar Männer, rieben mit Schwämmen und Lappen die Wand und die Tür ab, gossen einen Eimer Wasser darüber, kratzten den Zement ab, um die Blutspuren zu verwischen." So endet der Roman.

Und so ist Molinas Ton, immer ruhig, nie forciert, mal poetisch, mal mit einem Hauch Ironie versehen und stets gewiss, die diametral unterschiedlichen Biografien von Autor und Verbrecher mit der Anmut eines Jongleurs balancieren zu können. Sein Blick erfasst den Schriftsteller mit seiner zweiten Frau, Sohn und Schwiegertochter in Lissabon, und in seiner Vorgeschichte als ambitiösen jungen Mann, der in Granada eine öde Beamtentätigkeit ausübt, ein auf sich selbst bezogener Familienvater ist und sich als enthusiastischer Jazz- und Kino-Fan mit ausgiebigem Nachtleben entpuppt. Dazwischen eingelassen sind Episoden aus dem Leben des späteren Attentäters, die zumeist in den Südstaaten der USA spielen, am Ende des Zweiten Weltkriegs, aber auch während zweier Jahre, die er als US-Soldat in Bremerhaven verbringt, später dann in Mexiko und Kanada. Auf der Flucht besteigt Ray 1968 zum ersten Mal in seinem Leben, bebend vor Angst, ein Flugzeug und fliegt erst nach London, dann nach Lissabon.

Für Bewegung in und zwischen diesen drei zentralen Erzählkomplexen ist gesorgt, Abwechslung ist das formgebende Prinzip des Romans: zwischen autobiografischer Erinnerung und der Rekonstruktion einer Verbrecherbiografie, zwischen Reflexion, Recherche und Reportage, zwischen Belegbarem und Vorgestelltem.

Da schwirrt dem glücklichen Leser schon mal der Kopf von all den Personen, Orten, Farben, Bildern und Stimmen, mit denen er es zu tun bekommt. Obwohl Molina seiner autobiografischen Erzählung die größere Aufmerksamkeit widmet, bleibt das Schritt für Schritt klarer hervortretende Porträt des James Earl Ray der interessantere Part: Das eigentümlich berührende Zickzack zwischen einem womöglich doch noch gelingenden und dann wie zwangsläufig ins Kriminelle driftenden Leben, voller Phantasmen eines umtriebigen jungen Mannes ohne familiären Rückhalt, Ausbildung und Geld, voller seltsamer, intensiv verfolgter Interessen und bedenkenlos verübter krimineller Taten.

Kann man jemandem raten, einen Roman nur bis Seite 330 zu lesen?

Ray, ältestes von neun Kindern eines kleinkriminellen, gewalttätigen Säuferpaars, erscheint als ein von Lektüren beherrschtes Wesen. Zeitungen studiert er von der ersten bis zur letzten Seite. Nach dem Attentat dann vor allem, um herauszufinden, ob er sein Ziel, auf Platz eins der zehn meistgesuchten Verbrecher zu stehen, erreicht hat. Besonders die Kleinanzeigen haben es ihm angetan, er nutzt sie zur Bestellung von Spionageromanen, Pornos, einer Filmkamera, einer Reiseschreibmaschine, einer Polaroidkamera und eines Projektors, aber auch von Lehrbüchern über Hypnose und "Psychokinese" - Ray möchte Macht über andere gewinnen.

Nach einem Raubüberfall leistet er sich einen maßgeschneiderten Anzug und Krokodillederschuhe, kauft einen weißen Ford Mustang (und macht den Führerschein danach), plant eine Karriere als Pornoproduzent, lernt Barkeeper, bucht einen Fernkurs in Schlosserei und absolviert, hoffnungslos unbegabt, einen Tanzkurs. Er firmiert unter zahlreichen Pseudonymen und sieht sich in der Rolle eines James Bond. In Hollywood lässt er sich Nase und Kinn verschönern. Menschen, denen er begegnet - gut gekleidet, ein bisschen zerstreut und schüchtern -, halten ihn für einen Professor, Versicherungsvertreter oder Leichenbestatter. Dass er ein guter Schütze ist, weiß er seit seiner Armeezeit.

Keineswegs wirkt dieser James Earl Ray bei Molina wie ein besessener Rassist, mit seiner ausgeprägten Abneigung gegen Schwarze erscheint er eher wie der durchschnittliche weiße Südstaatler der Fünfziger- und Sechzigerjahre.

Auch von präzisen Planungen des Attentats ist keine Rede: Ray kauft sich ein Gewehr (und tauscht es um, weil es ihm zu wenig Durchschlagskraft zu haben scheint), ein Zielfernrohr und ein Fernglas. Er mietet sich in Memphis ein Zimmer in einem billigen Motel. Er weiß aus der Zeitung, dass Martin Luther King nicht weit davon im "Lorraine Motel" wohnt, betritt gegen Abend ein heruntergekommenes Gästehaus, aus dessen Badfenster er einen freien Blick auf das gegenüberliegende Apartment mit der Nummer 306 hat. Als der Bürgerrechtler auf die Galerie davor tritt, legt Ray an, zielt, trifft. Und macht sich davon, hinterlässt seinen Koffer mit dem Gewehr. In seinem Ford Mustang verlässt er unbehelligt die Stadt.

Auf jeden Fall hätte diese Geschichte auch für sich allein einen Roman ausmachen können. Doch folgt man Antonio Muñoz Molina, eben weil er ein so fabelhafter Autor ist, bereitwillig auch in seine Autobiografie mit ihren Reminiszenzen, Lektürevorlieben und Begegnungen mit berühmten Autoren; nur kurzzeitig blitzt im Leser die Frage auf, ob er sich für den Schriftsteller so brennend interessiert wie dieser für sich selbst. Und dann, nach zwei Dritteln des Buches, geschieht das bis dahin Unausdenkbare: Ausführlich beginnt der Erzähler über die Schwierigkeiten von Romanschlüssen zu räsonieren, zieht sich in seine Privatgeschichten zurück - und aller Zauber verfliegt. Erst wenn das Ich mitsamt Gattin in Memphis eintrifft, um den Ort des Attentats zu besichtigen und die Geschichte Martin Luther Kings nachzutragen, nimmt der Roman, noch leicht schlingernd, wieder Fahrt auf und findet zu einem nicht-egozentrischen Ende.

Kann man jemandem raten, einen Roman nur bis etwa Seite 330 zu lesen und dann 80 Seiten zu überspringen, um am Schluss doch wieder einigermaßen einverstanden zu sein? Im Falle von "Schwindende Schatten" wäre es das Vernünftigste. Denn abgesehen vom Ausbruch des Knausgård-Syndroms zwischendurch, ist dies ein wirklich hinreißendes Buch.

Antonio Muñoz Molina: Schwindende Schatten. Roman. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Penguin, München 2019. 512 Seiten, 26 Euro.