Antisemitismus und die Kritik an Israel Erlaubnis für Hass

Antisemitismus ist manchmal Hass um seiner selbst willen, doch oft versteckt er sich hinter so genannter Kritik an Israel - welch Scheinheiligkeit. Allerdings geht auch die israelische Gesellschaft nicht immer ausreichend achtsam mit dem Hass um, der gegen andere gerichtet ist.

Ein Gastbeitrag von Avrum Burg

Avrum Burg ist Autor und Politiker der Israelischen Arbeitspartei Awoda. Von 1988 bis 1995 war er Abgeordneter der Knesset, von 1999 bis 2003 ihr Präsident. Übersetzung aus dem Englischen: Kevin Knitterscheidt

Es gibt Antisemitismus. Es gibt Menschen, die Juden als Individuen hassen, und solche, die "die Juden" als Kollektiv hassen. Und es gibt Juden, die Nichtjuden hassen - als Individuen oder als Kollektiv. Und es ist wahr: Es gibt viele Arten von Hass in der Welt, aber der Judenhass trifft den wohl sensibelsten Nerv der westlichen Welt. Berührt man ihn nur sanft, aktiviert er Jahrhunderte voller Pein.

Ein sich oftmals wiederholendes Szenario ist das folgende: Jemand sagt etwas Unangenehmes und wird sogleich angefallen von jenen, die man vielleicht als "antisemitistische Krieger" bezeichnen könnte, jene, die daraufhin wiederholt den totalen Krieg erklären. Der ewige Komet des Antisemitismus ist deshalb ein immer wiederkehrender, und jeder ist glücklich, wenn er sich zu den couragierten Partisanen der Presse zählen darf. Der letzte von ihnen war Günter Grass. Dieses Mal ist es Augstein. Der nächste ist noch unbekannt, aber wir liegen in Wartestellung.

Obwohl ich es persönlich ablehne, Antisemitismus zu ignorieren, lehne ich es auch ab, ihn als prägendes Element meiner Identität und meines Wesens anzuerkennen. Wenn es Antisemiten in der Welt gibt, werde ich sie bekämpfen, und gleichzeitig werde ich keinem von ihnen erlauben, meine Stimmung oder mein Dasein zu bestimmen.

Auf der anderen Seite bin ich auch nicht gewillt, die Forderung vieler Juden zu akzeptieren, nämlich: ein Monopol auf Hass einzufordern. Die Annahme, derzufolge der Hass auf Juden in irgendeiner Weise anders ist als der Hass auf andere Menschen auf der Welt, ist ein Gräuel für mich.

In unserer Generation ist die Front des Hasses eine deutlich breitere als die früherer Generationen. Einst waren Juden das Primärziel des westlichen Hasses. Leider gibt es heute eine enorme Vielfalt des Hasses. Der moderne Judenhass wurde von einer Flutwelle des Hasses verwässert, die viele westliche Gesellschaften durchspült, zu denen auch Juden gehören: Hass auf Immigranten und "die anderen", Hass auf den Islam und Muslime, Hass auf uralte National- und Territorialfeinde.

Das Wissen, was zu tun ist

Dieser Hass drückt sich manchmal in gemeiner krimineller Gewalt aus, doch man kann heute nicht sagen, dass eine Gruppe stärker darunter leidet als eine andere - niemand hat ein Monopol darauf, gehasst zu werden.

Mir ist klar, dass viele Juden - mit einer Art historischem Recht auf ihrer Seite - mit einem instinktiven Reflex antworten, der aus den traumatischen Erfahrungen vieler Generationen resultiert. Jeder Ausdruck von Antisemitismus bringt für sie alles wieder zum Vorschein. Gleichzeitig finden es manche Juden schwer, ein gewisses Gefühl von Erleichterung zu verbergen. Wenn wir wissen, dass die Welt gegen uns ist, dann wissen wir auch schon, was zu tun ist, wie wir zu antworten und zu reagieren haben.

Oftmals habe ich in den inneren, geheiligten Zionistenkreisen Freude vernommen, wenn ein Anstieg des Antisemitismus dazu führt, dass wieder mehr Juden nach Israel emigrieren. Diesen Zionismus der Katastrophe lehne ich vehement ab.

Es lohnt sich, Augsteins Kritik näher zu betrachten

Ich lese Augstein nicht regelmäßig. Auf manche seiner Beschreibungen könnte ich verzichten. Aber es lohnt sich, einen Teil seiner Kritik näher zu betrachten, ohne die zu erwartende, sterile Kritik von Institutionen, die ihr tägliches Brot damit verdienen, auf antisemitistische Äußerungen zu reagieren.