Antisemitismus Nichts als tödliche Klischees

Das Jüdische Museum London wagt sich mit der Ausstellung "Jews, Money, Myth" an das heiße Thema Judentum und Geld. Die kluge Schau arbeitet sich dabei durch zwei Jahrtausende.

Von Cathrin Kahlweit

Ursprünglich hätte die Ausstellung im Jüdischen Museum London "Loaded" heißen sollen. Im Englischen ist das doppeldeutig, es kann "belastet, beladen" heißen oder "stinkreich". Nach langem Ringen aber haben sich die Ausstellungsmacher um Direktorin Abigail Morris dagegen entschieden: Das Thema, befanden sie, sei belastet - und belastend - genug.

Der Antisemitismus grassiert wieder in Europa, in Großbritannien befindet sich die Labour Party seit Monaten in einem weitgehend erfolglosen Abwehrkampf gegen antisemitische Mitglieder. In Ungarn betreibt Viktor Orbán antisemitische Regierungspropaganda mit der Verteufelung des jüdischen Philanthropen George Soros. Und immer schwingt da der scheinbar unausrottbare Topos mit vom reichen Juden, der die Weltherrschaft will und das Geld der Welt gleich dazu.

Das Jüdische Museum London, in einer Seitenstraße im quirligen Stadtteil Camden gelegen, hat sich dennoch an diese Ausstellung getraut. Ohnehin sei sie seit sechs Jahren in Arbeit, sagt Morris, und keineswegs nur eine Antwort auf die aktuelle, bedrückende Entwicklung. Man wolle negative Stereotype dekonstruieren, erklärt sie, und überhaupt: "Dinge werden nicht besser, wenn man nicht darüber spricht."

Nun heißt die Ausstellung "Jews, Money, Myth" (Juden, Geld, Mythos). Der Titel war nicht der einzige Streitpunkt im Team: Soll man dieses Thema überhaupt angehen? Bedient man nicht genau die Vorurteile, die man bekämpft? Und wie zeigt man besonders ekelhafte Exponate? Da ist zum Beispiel diese vielleicht 40 Zentimeter hohe Skulptur; sie zeigt den aus Deutschland stammenden Bankier Nathan Meyer Rothschild, der 1798 nach England gekommen war, um die erste Niederlassung der Rothschild-Bank in London zu gründen. Die Skulptur stammt aus dem Jahr 1833 und sie zeigt den Bankier als grotesk entmenschlichte, dicke, sabbernde Figur, eine Mischung aus Gollum und Dagobert Duck, mit fauligen Zähnen, wulstigen Lippen, Glupschaugen und Säcken voller Geld, die er umklammert wie ein Ertrinkender ein Stück Holz.

Das Christentum vom frühen Mittelalter an brauchte und nutzte das Bild vom geldgierigen Juden als "negatives role model", von dem sich Christen distanzieren sollten.

Kann man so etwas, fragt Abigail Morris, weitgehend unkommentiert zeigen? Sie hatte die Idee, das Machwerk vor einen Spiegel zu stellen, sodass sich die Ausstellungsbesucher quasi im Spiegel mit Rothschild sehen - entfremdet, und zugleich erwischt. Ein Kollege widersprach: Damit überhöhe man die Bedeutung; das Erschrecken über die Unmenschlichkeit, die in der Darstellung stecke, sei groß genug. Schließlich entschieden sich die Kuratoren, ihre Zweifel und ihre Fragen zu dokumentieren: An sechs Stellen haben sie ihre Debatte zusammengefasst und zu einem Teil der Ausstellung gemacht.

Das war eine kluge Entscheidung, wie die Ausstellung auch sonst klug gemacht ist. So ist die einem einzigen Ziel - der ultimativen Ausrottung - untergeordnete Thematisierung des Kontextes von Judentum und Geld durch die Nazis in diesem Konzept nur einer von vielen Schwerpunkten; das Konzept arbeitet sich vielmehr durch zwei Jahrtausende, zeigt Manuskripte, Ritualobjekte, Kostüme und Figurinen, Münzen und Plakate - und sogar einen selten ausgestellten Rembrandt, "Judas bringt die 30 Silberlinge zurück".

Sie erläutert die Bedeutung von Mammon und Tsedaqah, von Geld und Charity, einer eminent wichtigen Komponente in der jüdischen Tradition. Und konzentriert sich doch im Wesentlichen auf das Reale und das Imaginierte in der Darstellung von Juden über zwei Jahrtausende.

Die zentrale These: Das Christentum vom frühen Mittelalter an brauchte und nutzte das Bild vom geldgierigen Juden als "negatives Role Model", von dem sich Christen distanzieren sollten. Im Zuge des Rufs zahlreicher Kirchenmodernisierer nach apostolischer Erneuerung, nach Armut und Reinigung, habe sich, schreibt etwa Sara Lipton von der Stony Brook University im Katalog, in der Kunst auch die Darstellung von Juden gewandelt: Ab dem 12. Jahrhundert, mit der Zunahme des überregionalen Handels, der Nutzung von Geld als Zahlungsmittel, der Verweltlichung und Ökonomisierung des Alltags und dem zunehmenden Reichtum der katholischen Kirche, wurden aus altmodisch gekleideten, bärtigen, freundlichen alten Juden wahre Monstren.

Brettspiele mit Juden, die auf Geldbergen hocken: Wer eine Sieben würfelt, muss Geld an den Juden abgeben, nur wer eine Zwölft wirft, bekommt alles zurück.

"Kleriker fürchteten", so Lipton, "das Christentum entwickle sich zu weltlich und zu wenig spirituell." In Predigten seien die Gläubigen aufgefordert worden, dem Materiellen abzuschwören. Bilder von spitzhütigen, langbärtigen Israeliten kamen auf, die um das goldene Kalb tanzten, jene Israeliten, die als Feindbilder umso besser funktionierten, wenn sie als Barbaren gezeigt wurden, die den gekreuzigten Christus verhöhnt und gequält hatten. Der neue Standard in Darstellungen: Juden als Raben und Krähen, die auf Goldbergen sitzen, als Kröten, aufgebläht vor Gier, als Hyänen, die auf Aas hocken, als Eulen im Dunklen. Die physiognomischen Stereotype - Hakennase, Wulstlippen - waren damit unausrottbar verbunden. Die Belege dafür ziehen sich durch die Jahrhunderte: Figurinen von Juden mit Geldbeuteln, absurde Karikaturen von Bankern, Brettspiele mit Juden, die auf Geldbergen hocken: Wer eine Sieben würfelt, muss Geld an den Juden abgeben, nur wer eine Zwölft wirft, bekommt alles zurück.

Die Ausstellung räumt mit dem Mythos auf, dieses Vorurteil rühre, scheinbar rational, aus der Tatsache, dass "die meisten Geldverleiher Juden waren, und die meisten Juden Geldverleiher. Das ist falsch." Im mittelalterlichen England etwa habe es nur eine Handvoll jüdischer Familien gegeben, die mit Kreditvergaben zu Wohlstand kamen. Gleichwohl prägte diese Figur nicht nur Politik und Propaganda, sondern mit ihr auch die Kunst.

Erstaunlich eigentlich, dass Shakespeare und Christopher Marlowe, im "Kaufmann von Venedig" wie im "Juden von Malta", den Topos vom reichen Juden aufgreifen. Obwohl sie doch, wie "Juden, Geld, Mythos" erklärt, im Zweifel nicht einen einzigen Juden gekannt haben dürften. 1290, lange vor der Vertreibung der Juden aus Spanien, waren alle jüdischen Einwohner Englands deportiert worden; es war ihnen bei Todesstrafe verboten, auf die Insel zurückzukehren. Als die beiden großen Theaterautoren ihre Werke verfassten, gab es seit 300 Jahren keine Juden mehr in England. Nur das Klischee war geblieben: Juden als Geldverleiher, die international die Strippen ziehen.

Die Schau im Londoner Jüdischen Museum endet aber nicht im Mittelalter. Sie schaut ins 20. Jahrhundert und zeigt, wie sich Bolschewisten, Nationalsozialisten, Antikapitalisten und Araber den Topos aneignen. Sie schaut weiter ins 21. Jahrhundert und zeigt, wie sich die Bilder gleichen und die Ereignisse bedingen. Ein aktuelles Exponat zeigt ein Titelblatt der New York Times: Links ein Einspalter, der sich mit Verschwörungstheorien rund um den jüdischen Milliardär George Soros befasst, neben dem Aufmacher: Elf tote Juden nach einem Massaker in der Synagoge von Pittsburgh. Zusammenschnitte aus Medien, Kunstwerke, Poster, die so bösartig sind, dass einem übel wird.

Die Ausstellungsmacher und ihre wissenschaftlichen Berater mussten sich, sagt Museumsdirektorin Abigail Morris, mehr als einmal psychologische Unterstützung holen; die Befassung mit dem Thema ging an die Substanz. "Mythen und Stereotype haben Ursachen", sagt sie, "und diese Ausstellung befasst sich mit den Wurzeln des Umgangs von Juden mit Geld. Sie zeigt aber auch, wie gefährlich, ja tödlich die Interpretationen sind, die daraus entstehen, und die bis heute kursieren." Als Museum habe man einen Platz bieten wollen, an dem man sich sicher und in Ruhe damit auseinandersetzen kann. "Das müssen wir tun, wenn wir Hass und Ignoranz bekämpfen wollen."

Jews, Money, Myth. London, Jewish Museum. Bis 7. Juli.