Süddeutsche Zeitung

Antisemitismus im Rap:"Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen"

Lesezeit: 6 min

Die Rapper Kollegah und Farid Bang und die Frage, ob man wie ein Antisemit reden kann - und trotzdem keiner sein.

Von Jens-Christian Rabe

Der Ethikrat des Bundesverbandes der deutschen Musikindustrie hat gesprochen: Die deutschen Gangster-Rapper Felix Blume alias Kollegah und Farid Hamed El Abdellaoui alias Farid Bang werden mit ihrem Album "Jung Brutal Gutaussehend 3" doch nicht vom größten deutschen Popmusikpreis Echo ausgeschlossen, der am kommenden Donnerstag in Berlin vergeben wird. Insbesondere wegen der Zeile "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" aus dem Song "0815" hatten die Bild-Zeitung und RTL in den vergangenen Tagen die Nominierung von "Jung Brutal Gutaussehend 3" als Album des Jahres 2017 heftig kritisiert.

Eine eindrucksvolle Doku im WDR über den Antisemitismus im deutschen Rap tat ihr Übriges. Kollegah, der in der Vergangenheit wegen Textstellen, Videos und einer selbstgedrehten Palästina-Doku schon mehrfach einschlägig im Gespräch war, ist darin einer der zentralen Angeklagten. Der Ethikrat vermied nun einen Eklat und versuchte die Quadratur des Kreises: Man sehe die "künstlerische Freiheit nicht so wesentlich übertreten, dass ein Ausschluss gerechtfertigt wäre", das Album sei aber ein "Grenzfall": "Die Wortwahl einiger Texte als Stilmittel des Battle-Raps zu verharmlosen, lehnen wir ab und möchten unsere deutliche Missbilligung gegenüber der Sprache und den getroffenen Aussagen unterstreichen."

Die Frage, ob der deutsche Gangster-Rap ein Antisemitismus-Problem hat, ist damit aber natürlich überhaupt nicht abschließend beantwortet. Wie Farid Bang und Kollegah in den vergangenen Tagen mit der Situation umgingen, ist deshalb einen genaueren Blick wert. Farid Bang bat via Facebook für die Zeile "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" immerhin umgehend bei der 93-jährigen Musikerin und Auschwitzüberlebenden Esther Bejarano persönlich um Verzeihung: "Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass meine Zeile (. . .) Sie persönlich verletzt hat. Es lag nicht in meiner Absicht, Sie zu kränken. Sehen Sie mir meine Unreflektiertheit nach." Esther Bejarano hatte sich zuvor an der Seite von Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee in der Bild entsetzt gezeigt: "Die Überlebenden empfinden besonders die Textzeile ,Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen' nicht nur als roh und würdelos, sondern als verachtend ihnen und ihren ermordeten Angehörigen gegenüber."

Im Ganzen passt der Facebook-Post des Rappers allerdings trotzdem gut ins Bild. Er ist - genau genommen - nicht einfach eine Entschuldigung, sondern eher ein bittersüßes Statement. Es beginnt nämlich unvergleichlich sensibel mit dem Hinweis, dass die Rapper "tausende Nachrichten" von Hörern "jeglicher Religion und Herkunft" erreicht hätte, "die uns bestätigten, dass sie unsere Zeilen nicht als rassistisch oder hetzend" empfänden.

Das ist schräg - in der populistischen Logik des ultramaterialistischen Gangster-Rap, nach der der erfolgreichste Rapper immer auch der beste Rapper ist, allerdings vollkommen konsequent. Es wird mit einer Art emotionaler Schwarmintelligenz argumentiert nach dem Motto: Was von einer (behaupteten) hinreichend großen Menge an Menschen als unbedenklich betrachtet wird, ist damit erwiesenermaßen auch automatisch unbedenklich. Ein klassischer populistischer Fehlschluss. Wobei Farid Bang zugestanden sein mag, dass der Post andererseits auch beweist, dass er davon selbst doch nicht mehr ganz so überzeugt zu sein scheint. Er verkneift sich den Hinweis auf die Fans aber eben auch nicht.

Darüber hinaus blüht in dieser bitteren Affäre das Spiel mit der Evidenz des Einzelfalls - wenn sie Kollegah und Co in den Kram passt. Auf seinem Instagram-Account, der 1,4 Millionen Abonnenten hat, teilte Kollegah triumphierend eine Nachricht eines jüdischen Fans, der schrieb: "Ich finde als Jude es nur peinlich und falsch wie Bild und RTL sich ausdrücken. Besungene ,Jüdische Zinssätze' und ,jüdische Rechtsanwälte' sind von dir so real wie die ,muslimischen Frauen' die nie rausgehen oder das Geld, das so ,schwarz wie Mortel' (kongolesischstämmiger deutscher Rapper) ist. Mann, was stimmt nicht mit denen? Ihre Zeit ist vorbei. In diesem Sinne Mashalla, Shalom, Cüs, Hallo, Adieu. Danke für ,Du bist Boss' - Hat mir bei meiner Chemo geholfen!"

Kollegah beruft sich gerne darauf, dass seine Fans schon wissen, was er meine

Unkommentiert ließ Kollegah dagegen die Wortmeldung eines Fans namens lovexboxhatelife stehen, auf die man schon nach ein paar Sekunden in der Kommentarspalte stößt: "Es steht mir nicht zu geschichtliche Ungereimtheiten zu beurteilen ich denke es ist bezeichnend für die entwurzelte Clique der Juden das bis heute kein schriftlicher Führerbefehl zur gezielten Verfolgung jüdischen Lebens aufgetaucht ist, nicht zu vergessen daß mich der Gedanke an die letzten qualvollen Sekunden im Leben der Anne Frank kruppstahlhart machen, generell habe ich keine Vorurteile gegenüber Juden doch Europa mit Kothäuten zu fluten war zuviel des Guten." Das gehört zum ganzen Bild, weshalb es hier in all seiner Unerträglichkeit zitiert werden muss. Es fällt schwer, so etwas im Kontext von Kollegahs Kunst als Zufall zu sehen, zumal es kein Einzelfall ist. Von der Kritik an der Politik Israels zum blanken Judenhass ist es oft nicht weit. Umso größer ist die Verantwortung erfolgreicher Künstler, die in diesem Feld operieren. Kollegah möchte sich der Verantwortung offenbar lieber entziehen und weiter als vermeintlicher Underdog provozieren.

Muss man sich beim Gangster-Rap also mit dem Widerspruch abfinden, dass etwas, das aussieht wie Antisemitismus und als Antisemitismus wahrgenommen wird, eigentlich doch kein Antisemitismus ist? So wie die Gewaltverherrlichung, die Allmachtsfantasien, die Protzerei und die Frauenverachtung des Gangster-Rap ja, wenn sie kritisiert werden, immer bloß Teil des Spiels dieser notwendig mit Klischees jonglierenden Kunst sein sollen, und am Ende doch nicht so gemeint? Nein, das muss man nicht. Erst recht nicht, wenn man in direkter Nachbarschaft Kommentare wie den obigen findet.

Kollegah beruft sich gegenüber Kritikern gerne darauf, dass seine Fans schon wissen, was er meine. Blöd nur, dass der Rap sonst sehr großen Wert auf seine Realness legt und das Ansehen eines Künstlers umso größer ist, je glaubwürdiger er ist. Je wahrscheinlicher also ist, dass er wirklich erlebt hat und lebt, wovon er rappt.

Die Reime Kollegahs, der als Wortspieler durchaus clever, witzig und manchmal sogar ansatzweise selbstironisch sein kann, wirken in ihrer fast surrealen Krassheit oft wie ihre vorsätzlichen eigenen Parodien. Im Refrain von "0815" heißt es etwa: "Dieses Album kommt, weil ihr wieder Ansagen braucht / Fuck mich ab und ich stopfe dir 'ne Pumpgun ins Maul / Dreißig Kilo auf dem Rücksitz, Schlampe / JBG 3, keine 08/15-Bande".

Eine Mischung aus Gewissenlosigkeit, Kalkül und Dummheit

Angenommen also, er hat Recht und die allermeisten seiner Hörer verstehen ihn schon ganz richtig - oder wenigstens nicht falsch: Die ganze Anlage seiner aktuellen Reaktionen, diese Kombination aus gönnerhaft-staatsmännischer Vorwärtsverteidigung ("Ab jetzt auf Lebenszeit freier Eintritt auf jedes Konzert für alle unsere jüdischen Freunde! Als Zeichen des Zusammenhalts unserer Rassismusfreien Hip-hopkultur") und populistischem Gegenangriff ("Die Medien wollen aufhetzen, aber nicht mit uns") zeigt leider, dass dieser Musiker eher zur dunklen Seite der Zeit neigt. Ein Zündler und Trickser, der seine Zeit gekommen sieht. Bezeichnend ist auch, wie er reagiert, als er in der WDR-Doku mit der antisemitischen Botschaft seines Videos "Apokalypse" konfrontiert wird, in dem der Oberbösewicht, von dem Kollegah im Song die Welt befreit, an einer Stelle am Finger einen Ring mit dem Davidstern trägt. In einem Instagram-Video doziert er: "Das Pentagramm und das Hexagramm sind magische Symbole, die weit über die Anfänge des Judentums zurückdatieren."

Meinte er es als unschuldiger Versöhner wirklich ernst, wäre da etwas Nachdenklichkeit und Selbstkritik doch angemessener gewesen.

Vielleicht sogar ehrliche Reue. So bleibt der Eindruck einer gruseligen Mischung aus Gewissen- und Verantwortungslosigkeit gepaart mit geschäftlichem Kalkül und verblüffend trotziger Dummheit. Es gibt natürlich keinen Protagonisten des deutschen Gangster-Rap, der im strengen Sinne systematisch auf die Auslöschung Israels und der Juden hinwirken möchte. Sehr wohl aber gibt es reichlich stumpfe antisemitische Ressentiments, die vom Deckmantel der Israelkritik meistens nur sehr notdürftig verborgen werden, der Gangster-Rap ist dafür einfach eine zu unsubtile Kunst. Anders gesagt: Der deutsche Gangster-Rap hat ein manifestes Antisemitismus-Problem.

Weshalb man sich im Fall von Farid Bang und Kollegah wohler fühlte, wenn ihnen beim Echo in der kommenden Woche nicht auch noch Preise verliehen würden. Einen großen Live-Auftritt werden sie ja ohnehin haben. Sie dürfen im Rahmen der Show einen Song aufführen. Unwahrscheinlich, dass sie ihn zum Guten nutzen werden. Obwohl, eine kleine Chance gibt es vielleicht doch: In einem auf Youtube abrufbaren langen Gespräch aus dem vergangenen Jahr, in dem sich Kollegah mit dem Comedian Shahak Shapira und der Schriftstellerin Kat Kaufmann, die beide jüdische Wurzeln haben, nach seiner Palästina-Doku über Antisemitismus unterhält, sagt er zwei Dinge, die jetzt helfen könnten - wenn er es denn schaffte, sie wirklich auf sich selbst und seine Texte zu beziehen. Er sagt da, dass es ihn auch "abfucken" würde, wenn er ständig mit falschen Vorurteilen konfrontiert würde und dass man mit "ein bisschen Rücksicht" viele Konflikte vermeiden könnte. Das wär's jetzt doch mal: ein paar Vorurteile weniger, dafür etwas mehr Rücksicht.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3934281
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 07.04.2018/frw
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.