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Antisemitismus im Nachkriegs-Polen:Aus Angst wird Wut

Außerdem hätten viele Polen im Krieg Juden vor den Deutschen gerettet. Nach dem Kriege hätten dann "Juden in staatlichen Behörden" versucht, diese guten Beziehungen zu zerstören. Da war er wieder, der jüdische Kommissar, vor dem Hlond schon vor dem Krieg gewarnt hatte. Damals hatte er sich für eine Isolierung der Juden in der Gesellschaft und sogar für einen gegen sie gerichteten Wirtschaftsboykott ausgesprochen, es aber als Sünde bezeichnet, "Juden zu schlagen oder ihr Eigentum zu zerstören".

Anfang der neunziger Jahre leitete die katholische Kirche Polens die Seligsprechung Hlonds ein. Der polnische Papst Johannes Paul II., der an seinem Lebensabend die Aussöhnung mit den Juden zu einem seiner Hauptanliegen gemacht hat, schwieg sich zu diesem Ansinnen einfach aus.

Schlichte Habgier

Gewissermaßen im Geiste Hlonds werfen die heutigen Kritiker Gross ebenfalls vor, dass er den politischen Kontext außer acht lasse. In der Tat hatten gerade im kommunistischen Repressionsapparat Offiziere jüdischer Abstammung führende Positionen inne. Allerdings handelte es sich dabei durchweg um kämpferische Atheisten, die sich völlig vom Judentum abgewandt hatten. Überdies gab es durchaus Juden, die vom kommunistischen Apparat profitiert haben; die überwiegende Mehrheit aber litt unter den Repressionen der neuen Machthaber.

Das Argument, die Mordwelle sei vor allem auf die Nähe der Juden zu dem ungeliebten kommunistischen Regime zurückzuführen, widerlegt auch das drastische Kapitel über "Goldgräber". Das Hauptmotiv für die Morde sei schlicht Habgier vieler Polen gewesen. In der Nähe der deutschen Todeslager, wie Treblinka und Majdanek, hätten noch Jahre nach dem Krieg Hunderte von Menschen nach Goldzähnen und Schmuck der jüdischen Opfer gegraben.

Anstoß nehmen die Kritiker vor allem an den teilweise stark emotional formulierten Schlussfolgerungen und Verallgemeinerungen des Autors. Gegen die geschilderten Fakten wurden bislang kaum Einwände erhoben. Gross hat offenbar aus der Jedwabne-Debatte des Jahres 2001 gelernt: Damals war ihm vorgeworfen worden, er habe in seinem Buch "Nachbarn" die Rolle eines deutschen SS-Kommandos völlig marginalisiert.

Dunkler Fleck der polnischen Geschichte

In der Tat haben von Gross damals nicht berücksichtigte Akten seine Darstellung korrigiert: Jedwabne war demnach kein polnisches, sondern ein deutsch-polnisches Verbrechen. Für "Angst" aber hat Gross offensichtlich gründlichere Studien betrieben. Er hat überdies nach der ersten Welle der Empörung, die nach der Publikation der amerikanischen Originalausgabe "Fear" vor zwei Jahren aus Polen kam, das Manuskript noch einmal überarbeitet.

Gross leuchtet mit seinem Buch grell einen dunklen Fleck in der jüngsten polnischen Geschichte aus - und stellt somit ein weiteres Mal das Selbstbild der polnischen Rechten als "Nation der Helden und Opfer" in Frage. Damit durchkreuzt er auch die "Geschichtspolitik", die Staatspräsident Lech Kaczynski umsetzen möchte.

Dieser steht, ebenso wie sein im Herbst als Regierungschef abgewählter Zwillingsbruder Jaroslaw, für eine neue Strömung in der nationalkonservativen Rechten, die den Antisemitismus entschieden ablehnt, nicht zuletzt wegen des Schadens für das Ansehen Polens. Kaczynski fördert jüdische Institutionen und Organisationen und bemüht sich aktiv um den Ausbau der Beziehungen zu Israel. Den Pogrom von Kielce bezeichnete er zum 60. Jahrestag 2006 als Schande. Im Rahmen seiner Geschichtspolitik versucht er, eine polnisch-jüdische Opfer- und Kampfgemeinschaft herauszustellen. Dazu gehörten bislang Gedenkfeiern und Auszeichnungen für katholische Polen, die im Zweiten Weltkrieg Juden gerettet haben. "Angst" stört dieses Konzept nun erheblich.