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Antiquariatsmesse:Frauen von Kairo

Fern der turbulenten Büchermaschine gibt es ein Areal für Bibliophile und Bibliomane: Die Antiquariatsmesse, die vor allem kostbare Raritäten französischer Buchkultur im Angebot hat. Bis zur illuminierten Handschrift.

Zu den ältesten und prominentesten Besuchern der Frankfurter Buchmesse zählt der französische Romantiker Gérard de Nerval (1808 bis 1865), der bereits auf seiner ersten Deutschlandreise 1838 hier "eine der schönsten Aussichten der Welt" bewunderte. Das war zwar nicht aufs Messegelände, sondern auf ein ufernahes Wonneplätzchen namens "Mainlust" gemünzt, das wegen seiner subtropischen Bepflanzung noch heute "Nizza" gerufen wird. Den reiselustigen Dichter, an den Emmanuel Macron in seiner Rede zur Eröffnung der Buchmesse erinnerte, zog es bald weiter in Richtung Osten. De Nervals "Voyage du Orient" sollte in zwei Bänden 1851 erscheinen, doch waren ihnen unter dem Titel "Scènes de la vie Orientale" bereits zwei Teilausgaben vorausgegangen. Das war allerdings im turbulenten Revolutionsjahr 1848 gewesen, weshalb das im Pariser Haus des Verlegers Ferdinand Sartorius erschienene Werk damals nur wenig Beachtung fand.

Mit dem Teilband "Les femmes du Caire" ("Frauen von Kairo") der erst vor wenigen Jahren wiederentdeckten Erstausgabe dieses Klassikers des europäischen Orientalismus ist de Nerval jetzt auf die Buchmesse zurückgekehrt - nicht in den betriebsamen Pavillon der französischen Ehrengäste, sondern in eines der ruhigeren, besonders von Bibliophilen und Bibliomanen geschätzten Areale dieser sonst so turbulenten Büchermaschinerie: Die Antiquariatsmesse in Halle 4.1. hat diesmal eine stattliche Anzahl von kostbaren Raritäten französischer Buchkultur im Angebot; und neben der illuminierten Handschrift eines Pariser Stundenbuchs aus dem Jahr 1450 glänzt ein mit 15 000 Euro taxiertes Exponat das Buch von Nerval. Seines antiquarischen Status als "Rarissimum" noch nicht genug, trägt die Titelseite oben rechts die handschriftliche Widmung "a mon cher ami Rigu (,) Gérard de Nerval".

Wer immer dieser Monsieur Rigu gewesen sein mag. Er durfte sich nicht weniger geehrt fühlen wie derjenige, in dessen Hände dieses Buch als nächstes übergehen wird. Unter den antiquarischen Exponaten gibt freilich noch anderes zu bewundern: Eine passend für die Damenhandtasche in schmuckes Halbleder eingebundene Erstausgabe der berühmten "Emaux et camées" ("Emailen und Gemmen"), einer Sammlung von - vorwiegend - Bildgedichten aus der Feder von Nervals fast gleichaltrigem Kollegen Theóphile Gautier (1811 bis 1887), der in Deutschland heute zu Unrecht nahezu vergessen ist.

Das war nicht immer so gewesen, wie auch im Fall des dreiteiligen Gedichtzyklus' "Pierrot Lunaire" von Albert Giraud (1860 bis 1929), dessen deutsche Übertragung durch den Schriftsteller Otto Erich Hartleben, erschienen 1893 in dem ziemlich illustren "Verlag deutscher Phantasten" - einer Gründung des ebenfalls nahezu vergessenen Frühexpressionisten Paul Scheerbart (1863-1915) - dem Wiener Komponisten Arnold Schönberg die Vorlage zur gleichnamigen Vertonung lieferte. Und wem mit dem Titel einer bibliophilen Nachkriegsausgabe von Guillaume Apollinaires "Que Faire?" ("Was tun?") jetzt womöglich nach gepflegter Unterhaltung zumute ist, der findet - immer noch unter den Francophilia des Stands mit der Nummer 36 - Abhilfe gleich daneben in einem veritabel kunterbunten "Spielbuch" von der Hand Raymond Queneaus, des Gründers und Altmeisters der Dichtergruppe "Oulipo", was ausgeschrieben zu deutsch "Werkstatt für Potentielle Literatur" bedeutet. So bieten sich im Feld der Poesie auch auf dieser Messe allerhand Möglichkeiten zur individuellen Erweiterung, Ausdehnung und Selbstbereicherung.