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Antike und Gegenwart:Konsensfassade

In Köln diskutierten Althistoriker über die römische Republik. Die gibt es zwar schon lange nicht mehr, aber es ging dabei durchaus auch um die Republik von heute.

Die Idee der Republik kommt aus Rom. Die Freiheits- und Emanzipationsbewegungen, die zur modernen Demokratie führten, hatten zwar auch noch andere Quellen - die Griechen, die Reformation, die Philosophen, die Ständevertretungen -, aber die römische Republik war die wichtigste Inspiration. Gut, ein paar entscheidende Eigenschaften der Römer rechnet man da lieber heraus: Militarismus, mafiöse Männer- und Klientelherrschaft, Sklaverei. Aber für europäische und amerikanische Eliten, die das Geschichtswerk von Livius und die Schriften von Cicero lasen, waren die Römer Ansporn für Partizipation und öffentliche Debatte, für Antidespotismus und Gemeinwohl. Und diese politische Ideengeschichte ist stets mit im Spiel, wenn wir uns gegenwärtig ernstere Sorgen um die Demokratie machen - nicht nur die im heutigen Rom.

Als "Republikaner" wurde jetzt in Köln eine Elite deutscher und internationaler Althistoriker begrüßt. Damit waren erst einmal nicht ihre politischen Präferenzen gemeint, schon gar nicht die eher unguten Assoziationen mit Gruppen und Parteien, die diesen erhabenen Namen für sich beansprucht haben. Nein, "Republikaner" sollte hier heißen, dass sich die Forscherinnen und Forscher alle an der Debatte über das Wesen der römischen Republik beteiligt haben und beteiligen, die in den letzten Jahrzehnten neu entfacht wurde. Dies geschah gerade auch durch den Kölner Professor Karl-Joachim Hölkeskamp, zu dessen Ehren ein Symposium in der römisch-rheinischen Gluthitze stattfand, weil er seinen 65. Geburtstag feierte und bald von seinen Lehrpflichten befreit ist.

Ein Oxforder Kollege, Fergus Millar, hat seit den Neunzigerjahren dafür plädiert, die römische Republik, die mit dem Bürgerkrieg und der Alleinherrschaft des Augustus im Jahr 31 v. Chr. zugunsten des Kaiserreiches unterging, doch stärker der Vorgeschichte der Demokratie zuzuschlagen - weil die adligen Politiker ja Reden vor dem Volk halten und gewählt werden mussten. Diese These bekam heftigen Widerspruch, auch von Karl-Joachim Hölkeskamp, weil so die oligarchische Macht der römischen Aristokratenfamilien über die Plebs doch zu sehr heruntergespielt wird. Doch zugleich hat diese Demokratiedebatte Forscher wie Hölkeskamp befeuert, in diversen Studien die Spannung von Konflikt und Zusammenhalt, von Elite und Masse in der antiken römischen Gesellschaft intensiver zu untersuchen, in einer nicht-monarchischen Staatsform, die immerhin gut fünf Jahrhunderte bestehen konnte.

Dabei öffnete sich die Altertumswissenschaft für Erkenntnisse aus der Soziologie und der Kulturwissenschaft. Anstelle einer nur verfassungs- oder personengeschichtlichen Erzählung geht man nun sozusagen auf die Straße und sucht nach der physischen Präsenz von Öffentlichkeit: Rituale, Versammlungen, Bauten, Triumphzüge, Prozessionen und Erinnerungsorte bildeten in der römischen Republik laut Hölkeskamp bei aller scharfen Konkurrenz etwas Verbindendes, was in der heutigen Demokratie zu bröckeln scheint. Er nennt es eine "Konsensfassade".

Diese Sichtweise wurde nun in Köln gewürdigt und weiter diskutiert. Greg Woolf, Direktor des Institute of Classical Studies in London und Autor einer neueren großen Rom-Geschichte, die auch auf Deutsch erschienen ist, fragte zur sinnstiftenden Memorialkultur, ob es nicht auch so etwas wie eine "Tyrannei der Erinnerung" gebe, wenn man wie in Rom ständig darauf hingewiesen wird, wie viel toller die Vorfahren waren als die eigene Gegenwart. Harriet Flower aus Princeton bestätigte, wie wichtig es für eine Republik sei, "Politik sichtbar zu machen", betonte aber auch die Risiken der Selbstdarstellung, die die römische Republik am Ende zerrissen.

Und der Kollege Martin Jehne verwies auf die Bedeutung der "Invektivität": Man könne politische Ordnungen danach beurteilen, wie sie Kränkungen und Schmähungen aushielten. Dazu hat der Althistoriker ein größeres Forschungsprojekt passenderweise in Dresden, wo er sich auch die Pegida-Aufzüge angesehen hat. Die Republikforschung, so klang das, geht alle an - alle Republikaner.

© SZ vom 27.07.2018

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