Anti-Springer-Kampagne 1968 Der innere Zugang

Augstein, Nannen und Bucerius als großzügige Spender: Nicht bloß Stasi und Apo, vor allem einige Hamburger Großverlage wollten 1968 Axel Springers Macht beschneiden.

Von Von Willi Winkler

"Reden wir davon", begann der Sprecher auf der Bühne, "welche Verbrechen an der Gesellschaft die Springer-Presse begeht, und warum Springer, den wir ja nicht eigentlich aufhängen, noch nicht einmal ins Gefängnis stecken, den wir ja nur in irgendeinem produktiven Beruf, beispielsweise als Herrenschneider, beschäftigt sehen möchten, warum Springer enteignet werden muss."

Nicht aufhängen, aber doch enteignen: Das wollte das so genannte "Springer-Tribunal" erreichen, das am 1. Februar 1968 in der FU Berlin zusammentrat. Dahinter steckte, so glaubt die gegenwärtige Zeitgeschichtsschreibung zu wissen, die Stasi. Peter Boenisch, damals Bild-Chefredakteur, war aber bis zuletzt davon überzeugt, dass nicht nur die Kampagne gegen Springer, sondern der ganze studentische "Aufruhr vom Osten gesteuert war".

Das DDR-Ministerium für Staatssicherheit hat demnach die westlichen Medien unterwandert, um den ganzen Westen zu schwächen. Bevorzugtes Ziel war der Verleger Axel Springer, der wegen seines unermüdlichen Eintretens für die geteilte Stadt Berlin gerne als "Brandenburger Tor" belächelt wurde.

Selbst der Chronist der Protestbewegung, Wolfgang Kraushaar, hat sich in seinem neuesten Werk "Achtundsechzig. Eine Bilanz" dieser Verschwörungstheorie von der allgegenwärtigen Stasi angeschlossen. Kraushaar geht noch weiter: Springers Pressemonopol war gar keines, sondern nur ein "vermeintliches", seine Monopolisierungsbemühungen gab es nicht, sondern werden als "angeblich" abgewehrt, und hinter allem lauert der Kommunismus. Schon am 21. April 1966 habe der SED-Vorsitzende Walter Ulbricht in einer Rede die Forderung erhoben: Es sei "notwendig, die Macht der Herren solcher Meinungsmonopole wie des Springer-Konzerns zu beseitigen".

Ulbricht-Stasi-Springer: eine klare Linie. Für einen ehemaligen Marxisten wie Kraushaar ist das eine erstaunliche Analyse; dass hinter der Springer-Kampagne auch ganz schnöde kapitalistische Motive stecken könnten, hätte ihm bei seiner Vorbildung auffallen müssen.

Auch Augstein und Bucerius...

Während Springers Zeitungen, die in Berlin damals annähernd achtzig Prozent des Marktes beherrschten, die aufrührerischen Studenten denunzierten, äußerten die liberalen, die Hamburger Medien mehr als verhaltene Sympathie. Die Verleger verloren dabei nie ihr jeweiliges Geschäftsinteresse aus den Augen. Der Protest gegen Springer wurde von Spiegel, Zeit und Stern zumindest wohlwollend beobachtet. Der 43-jährige Rudolf Augstein erklärt im Oktober 1967 einer staunenden Spiegel-Redaktion seine Sympathie für die Studenten: "Im Grunde habe ich zu ihnen inneren Zugang."

Gerd Bucerius, dem 1967 nicht bloß die dauerdefizitäre Zeit, sondern durch seine Mehrheitsbeteiligung an Gruner&Jahr der lukrative Stern gehörte, lädt die Wortführer der Berliner Studenten in seine Hamburger Wohnung und ist begeistert: "Sie haben ja so recht, die Jungen, sie haben ja so recht." Als Unternehmer mag Bucerius seine Zweifel an den wirtschaftspolitischen Vorstellungen der Studenten haben, "aber ich beneide sie um ihren Glauben und ihre Redlichkeit. Die Gesellschaft wird sich vor ihnen bewähren müssen".

Peter Schneider, der Tribunal-Redner, der Axel Springer Anfang 1968 in die Produktion schicken will, lässt sich im Sommer 1967, nach dem Schah-Besuch und nach der Erschießung des Demonstranten Benno Ohnesorg, nicht von der Stasi, sondern von Hans Magnus Enzensberger, Gaston Salvatore und Rudi Dutschke für die "Antispringerkampagne rekrutieren". Als Sekretär dieser Kampagne gehörte es zu seinen Aufgaben, Geld bei Sympathisanten aufzutreiben.

Vor allem in Hamburg fand er, wie er in seinem eben erschienenen Buch Rebellion und Wahn berichtet, "offene Ohren": "Augstein, Nannen, Bucerius spendeten großzügig für die Antispringerkampagne - sicher auch aus Eigeninteresse gegenüber dem übermächtigen Konkurrenten Springer, aber auch aus genuiner Neugier und Sympathie für den rätselhaften Virus der Rebellion, der sich verbreitete." Drei Leute, darunter Dutschke, seien bei Bucerius erschienen und hätten von diesem je fünftausend Mark in bar erhalten.

Anschließend ließ Bucerius weitere 50 000 Mark für die Antispringerkampagne überweisen. "Rudi Dutschke und seine Freunde", schreibt Schneider, "bedurften nicht der Einflüsterungen der Stasi, um die Hetzpresse des Springerkonzerns als eine Bedrohung zu erkennen." Er nennt noch andere Summen, die "aus dem bürgerlichen Lager" für die Studenten eingegangen seien. So habe Christian Semler vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) zweimal je 25000 Mark von Rudolf Augstein erhalten.

Augstein verfolgte immer wieder den Plan, eine anspruchsvolle Tageszeitung zu etablieren, vorzugsweise in Berlin, dem erklärten Kampfplatz Springers. Sie sollte "heute" heißen, aber daraus wurde nichts. Das alles ist kein Betriebsgeheimnis. Es steht in Andeutungen bereits in Ralf Dahrendorfs Bucerius-Biographie (2000) und wird in Hans-Peter Schwarz' eben erschienener Springer-Biographie detailliert bestätigt.

Schwarz erhielt Zugang zum Springer-Archiv und durfte die meisten privaten Papiere des Verlegers einsehen, aber im Unterschied zu etlichen hofnahen Büchern über den Verleger Springer ist Schwarz um historische Objektivität bemüht. Der anerkannte Zeithistoriker, den niemand in übertriebenen Links-Verdacht bringen würde, schildert, wie Springers Expansionslust am Widerstand der Hamburger Verlage scheiterte.

...gaben den Studenten Geld

Der Kampf gegen Springer begann keineswegs 1967. Bereits Anfang 1961 ging im Springer-Verlag ein Brief ein, der eine unverhüllte Drohung enthielt: "Es ist meine Überzeugung als Verleger und als Politiker, dass die publizistische Macht des Hauses Springer an die äußerste Grenze dessen gekommen ist, was ein Staat hinnehmen kann." Ein paar Jahre später setzte Gerd Bucerius nach: "Eine Macht, wie Sie sie aufbauen, verletzt die Verfassung." Springer, nicht faul, ließ die Retourkutsche vorfahren und rieb dem "lieben Buc" hin, "dass Ihre großen Worte allein dem Zweck dienen, Ihre eigenen geschäftlichen Ambitionen zu camouflieren".

Für Bucerius ist Springer da längst ein "Paranoiker", eitel, machtbesessen. Springers "Griff auf die deutsche Presse", schreibt Bucerius an die Mit-Verleger John Jahr und Richard Gruner, "ist übermächtig". Ehe die Berliner Studenten Arbeitskreise gründeten, um die "Manipulationsmaschine" Bild zu entlarven, wusste Bucerius Bescheid: "Er kann mit uns machen, was er will." Zum Beispiel Augstein ein so günstiges Angebot, dass der nicht absagen konnte und den Spiegel von 1967 an bei Springer drucken ließ. Das war die "Hamburger Kumpanei" und brachte Springer pro Jahr 250 Millionen Mark ein.

Wenn Axel Springer gehofft hatte, dass damit Angriffe auf sein Machtstreben unterbleiben würden, sah er sich getäuscht. Augstein forderte in einem Kommentar am 25. September 1967, "dass Springer fühlbar beschnitten werden muss", und forderte eine gesetzliche Regelung, nach der kein Verlag oder Verleger mehr als zwanzig Prozent aller Tages- oder Wochenzeitungen solle besitzen dürfe. Auf dem Titel des Spiegel war Axel Springer vor seinem neuen Verlagsgebäude in der Berliner Kochstraße abgebildet und - ohne Fragezeichen - als "Gefahr für Deutschlands Zeitungen" bezeichnet worden.

Der Hamburger Abwehrkampf war schließlich erfolgreich; um einer gesetzlichen Regelung zuvorzukommen, verkaufte Springer 1968 einen Teil seiner Zeitschriften. Springer war nicht enteignet, aber doch geschwächt worden. In einer Notiz vom 13. Oktober 1969 rechtfertigte Bucerius die betriebsbedingten Ausgaben damit, dass sie "im geschäftlichen Interesse der Firma Gruner & Jahr" gelegen hätten. "Ich konnte dies umso unbedenklicher tun, weil in diesem Fall die geschäftlichen Interessen des Hauses sich mit meiner persönlichen Auffassung über die Struktur unserer Gesellschaft deckten."