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Debütroman:Zwei Schiffsglocken im Einklang

Anselm Oelze erzählt in "Wallace" über den Evolutionstheoretiker, den Darwin ausgestochen hat

In der Literatur wie in der Evolutionstheorie spielen Schönheit und Tod eine zentrale Rolle. In beiden setzt sich durch, was eine schöne Form hat. Wenn aber Kunstwerke scheitern und Fortpflanzungslinien abreißen, kann es das Ende einer Art bedeuten. Sie verschwinden und werden vergessen. Schönheit und Tod spielen in "Wallace", dem Debütroman von Anselm Oelze überraschenderweise keine große Rolle.

Oelze, Philosophiedozent derzeit in München, hat einen Abenteuerroman geschrieben, mit dem er etwas zurechtrücken möchte. Seine Titelfigur basiert auf der Geschichte des historischen Naturforschers Alfred Russel Wallace, der neben Charles Darwin als Entdecker der Evolutionstheorie gilt, es aber nie zu dessen Weltruhm gebracht hat.

Mitte des 19. Jahrhunderts schlug sich Wallace, einige Jahre nach Darwins Reise auf der Beagle, jahrelang durch den lateinamerikanischen Urwald und durchkreuzte das Malayische Archipel, wo er, als habe sich nach Jahren des Forschens und Sammelns plötzlich alles gefügt, an nur drei Abenden und unabhängig von Darwin das Prinzip der Entwicklung der Arten durch natürliche Selektion beschrieb. Er schickte das Manuskript an Darwin, den er aus London kannte und als Gutachter heranziehen wollte, bevor er sich mit dem Text bei einem Fachjournal bewarb.

Was dann geschah, ist bislang nicht eindeutig rekonstruiert. Klar ist, dass Darwin, kurz nachdem der Brief bei ihm eingetroffen sein soll, mit der Evolutionstheorie an die Öffentlichkeit ging. Wollte er verhindern, dass ihm dieser Wallace zuvorkam mit einer Theorie, auf die sie beide unabhängig voneinander gestoßen waren? Sah er sich in den Ideen des Kollegen endlich bestätigt und wagte den Schritt an die Öffentlichkeit? Oder plagiierte er gar Teile der Theorie, wohl wissend, dass dieser Wallace am anderen Ende der Welt kaum etwas dagegen unternehmen konnte?

Ungeachtet der Frage, ob jedes Substantiv ein Adjektiv braucht, sind die Parallelen zu Kracht klar

Obwohl Wallace in "Die Entstehung der Arten" erwähnt wird und beide zu Lebzeiten auch gemeinsam als Vertreter der Evolutionstheorie auftraten, gilt heute Darwin als maßgeblicher Entdecker der wichtigsten Theorie des 19. Jahrhunderts. Wallace ist in die Fußnoten verbannt, ein zu spät und zu kurz Gekommener, ein Gescheiterter und deshalb als literarische Figur bestens geeignet. Oelzes Roman soll ihn vor dem Vergessen bewahren.

Alfred Wallace

Der Naturforscher und Sammler Alfred Russell Wallace (1823-1913).

(Foto: Getty Images/Hulton Archive)

Er steht damit in auffälliger Parallele zu einem anderen Vergessenen, den die deutschsprachige Literatur vor wenigen Jahren wiederentdeckte, nämlich den Lebensreformer und Auswanderer August Engelhardt, von dem Christian Kracht in seinem 2012 erschienen Roman "Imperium" erzählte. Schon auf den ersten Seiten von Anselm Oelzes "Wallace" muss man eine enge Verwandtschaft mit Krachts Roman feststellen: "Es war heller Nachmittag, als die Koningin der Nederlanden in die Bucht einlief. Ihre frisch gestrichenen weißen Planken glitzerten unter der grellen Sonne, die seit dem frühen Morgen schon im Zenit stand und zu Füßen des großen Vulkans, dessen grüne Hänge über dem kleinen Eiland aufragten, alles in eine träge, schläfrige Ruhe gezwungen hatte. (...) Noch war, dem schrillen Geläut der Schiffsglocke zum Trotz, das der landseitige Wind herantrug, niemand in Unruhe geraten, geschweige denn in Bewegung versetzt worden." Bei Kracht heißt es: "Unter den langen weißen Wolken, unter der prächtigen Sonne, unter dem hellen Firmament, da war erst ein langgedehntes Tuten zu hören, dann rief die Schiffsglocke eindringlich zu Mittag, und ein malayischer Boy schritt sanftfüßig und leise das Oberdeck ab, um jene Passagiere mit behutsamem Schulterdruck aufzuwecken, die gleich nach dem üppigen Frühstück wieder eingeschlafen waren."

Ungeachtet der Frage, ob jedes Substantiv ein Adjektiv braucht, ist es eine schöne Fügung der Stoffe, dass Krachts "Boy" ausgerechnet aus Malaysia, Wallaces Forschungsfeld, stammt. Spätestens beim Läuten der Schiffsglocke kann aber kein Zufall mehr im Spiel sein und Oelze beruft sich klar auf Kracht, der in "Imperium" mit seinem Imitat einer Romansprache des späten 19. Jahrhunderts auch formal sein Thema anspielte, nämlich das einer jahrzehntelangen Entwicklung des deutschen Geisteslebens, die da endete, wo bei Kracht immer alles endet, im Faschismus.

Die Engführung des Kokosnussfanatikers August Engelhardt mit dem anderen Vegetarier Adolf Hitler in dieser ironisch mehrfach gebrochenen Sprache wurde Kracht kritisch ausgelegt, obwohl schon im Aufruf der Register, von den schlafenden Passagieren bis zum kräftigen Bier, das auch Hans Castorp so gerne trinkt, in jedem Satz klar ist, dass hier etwas dem "Zauberberg" Ähnliches angedeutet wird. Oelze verweist nun seinerseits auf Kracht und anders als es der Poststrukturalismus behauptet - und Kracht es gerne demonstriert - lassen sich die Zeichenketten eben doch nicht ganz bruchlos fortknüpfen.

In den ersten Kapiteln zeichnet Oelze in ironisch ausgefeiltem Stil ein Bild seines Helden, der es mit verschlagenen und neugierigen Inselbewohnern zu tun bekommt, bei der Krokodiljagd aus einem Kanu fällt und mitten im Urwald nackt einem Schmetterling hinterherjagt. Das ist schön nachgemacht, nur bleibt die Frage offen, wozu es diese übertriebene Imitation von Krachts Stil braucht, den Oelze dann nicht einmal durchhält. Die Adjektive werden bald weniger, die Nebensätze auch, und dann zeigt sich, wie wenig von diesem Pastiche übrig bleibt: eine heruntergebrochene Nacherzählung der Aufzeichnungen Wallaces, die nicht so unbekannt sind, wie der Roman suggeriert. Erst 2014 sind sie in deutscher Übersetzung neu herausgegeben worden, im Jahr zuvor erschien eine große Biografie Wallaces von dem Evolutionsbiologen Matthias Glaubrecht.

Anselm Oelze: Wallace. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2019. 264 Seiten, 22 Euro.

Ähnlich vereinfachend ist die dem Roman zugrunde liegende Prämisse, dass wissenschaftliche Entwicklungen immer einem klaren Urheber haben. Entdeckungen zeichnen sich oft schon ab, bevor ein Forscher die entscheidende Schwelle übertritt. Dieser letzte Schritt erscheint oft ganz einfach, ist aber eben entscheidend und im Falle der Evolutionstheorie hat ihn Darwin getan, nicht Wallace - wenn auch mit Hilfe von dessen Erkenntnissen. Der andere große Roman der letzten Jahre, in dem es darum ging, dass sich jemand durch den dichten Urwald kämpft, war Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt", in dem die Geschichten der Entdeckungen Alexander von Humboldts und Carl Friedrich Gauß' erzählt wurden. Oelze hat seinem Wallace auch eine Parallelfigur zur Seite gestellt. In einer nicht näher definierten Gegenwart kommt der verhuschte Museumsnachtwächter Albrecht Bromberg durch eine Reihe gar nicht so bemerkenswerter Ereignisse dem angeblich unbekannten Alfred Russel Wallace auf die Spur und beschließt, den verschollenen Brief, den Wallace an Darwin schickte, zu fälschen um der Geschichte eine neue Wendung zu geben. Die Frage lautet also, wie schon auf dem Buchumschlag notiert: "Warum sind die Dinge so, wie sie sind? Und könnten sie nicht auch ganz anders sein?" Der philosophische Anspruch des Romans ist vollkommen beliebig.

Die Bromberg-Kapitel lassen im Jugendbuchton eine Parade von Nebenfiguren aufmarschieren um verschiedene Theorien zu referieren. Was sie mit Wallace zu tun haben sollen, ist oft unklar. Zumal der Roman schon sein Hauptthema, die Evolutionstheorie, ungenutzt lässt. Form und Inhalt finden nicht zusammen. Das Fiese an der Evolution ist ja, dass immer etwas auf der Strecke bleibt. Ausgerechnet Darwin hat schon in "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl" auf die Verwandtschaft von Evolution und Ästhetik in der für beide maßgeblichen Rolle der schönen Form hingewiesen. Die Chance, diese Verbindung für sich zu nutzen, hat dieser Roman verpasst. Er hätte Wallaces Niederlage im Feld der Evolution erklären und dieser Geschichte durch die ästhetische Form des Romans etwas neues entlocken können, anstatt nur revisionieren zu wollen. Warum hat sich, evolutionär gesehen, Darwin durchgesetzt und nicht Russel? Warum aber erscheint Russel als faszinierende Romanfigur und nicht Darwin? Offenbar traut der Roman der Literatur gar nicht zu, solche Fragen zu beantworten.

Der Evolution nicht unähnlich sind ja die Erscheinungen der Mode, die ihre eigene Kurzlebigkeit, das Verschwinden ihrer Phänomene immer schon antizipiert. Am Ende von Krachts "Imperium" ist der Boy zu einem "Statisten" und die Schiffsglocke mit dem Dampfer zu einem Film geworden, der in den Lichtspielhäusern auf der ganzen Welt reproduziert wird. Am Ende von "Wallace" legt der Dampfer nur wieder ab und die Schiffsglocke läutet, als wäre nichts passiert. So gesehen ist dieser Roman sehr modisch.