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Anschläge in Norwegen und das Manifest 2083:Verlängerung des Terroraktes

Wer sich also an der Veröffentlichung beteiligt, der fördert letztlich auch die Anliegen des Mörders - zumal der seine Tat so extrem gestaltete, dass er sicher sein konnte, die Aufmerksamkeit im Zeitalter der ubiquitären digitalen Öffentlichkeit zu gewinnen und für eine relevante Zeit zu behalten. Er wusste, dass keine TV-Sendung, kein Radioprogramm und keine Zeitung, um nur die etablierten Medien zu nennen, auf Berichterstattung, Dokumentation und Analyse zu Gunsten der gegen das Kalkül des Täters gerichteten Moral verzichten würde. Er spricht in seinem Manifest ausdrücklich davon, dass er die "indirekten Effekte", also die Verbreitung seiner Gedanken, die Propaganda, für wichtiger halte als die "physische Ausprägung" seines Handelns, also die Morde.

Die magische Komponente der Forderung nach Nicht-Öffentlichkeit wiederum liegt darin, dass man sich wünscht, den Täter selbst bestrafen zu können. Man möchte ihm nicht geben, was er wollte, ihn im Sinne des Wortes totschweigen. Schon die alten Ägypter entfernten die Namen mancher von der Nachwelt als Ketzerkönige gesehenen Pharaonen von Bauwerken und Stelen. Diese Zerstörung der Erinnerung verbunden mit der Verfluchung der zu Tilgenden, die damnatio memoriae, sollte Geschehenes nachträglich ungeschehen machen. Dies konnte zwar nicht in der Gegenwart der bereits Toten passieren, aber immerhin wollte man die immaterielle Fortexistenz der Geächteten in der Zukunft verhindern. Man zerstörte ihre gemeißelten Namen und damit das, was von ihnen handgreiflich, manifest, geblieben wäre.

Es funktionierte nicht, denn bis heute kennt man Hatschepsut oder Echnaton, die jener postmortalen Auslöschung zum Opfer fallen sollten. Im Gegenteil, man weiß mehr von ihnen als von den meisten anderen Pharaonen, was auch bedeutet, dass die damnatio memoriae in Wirklichkeit eine Revitalisation war.

Beim Attentäter von Oslo ist dies leider nicht anders. Schon die Technik verhindert das Verschwinden seines Manifests, weil es längst an 1000 Stellen in jener digitalen Wolke existiert, die das unbarmherzige Gedächtnis unserer Zeit zu werden droht. Selbst wenn alle Redaktionen dieser Welt sich wie jene verschwörerischen "Kulturmarxisten" verhalten würden, von denen sich der Psychopath umgeben glaubt, und beschlössen, kein Wort aus diesem Manifest mehr zu drucken oder zu senden, wäre dies irrelevant. Die Freiheit des Internets ist so groß, dass moralische Überlegungen dagegen als sehr klein erscheinen. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Attentäter in der Haft nicht, wie das früher üblich war, Zigaretten oder besseres Essen forderte, sollte er denn kooperieren. Nein, er wollte seinen Computer.

Selbst wenn die Propaganda nicht zum Tatprofil gehört, wie dies bei klassischen übergeschnappten Mördern, bei Amokläufern oder Affektschützen, manchmal der Fall ist, gibt es nur noch dann Diskretion, wenn zufällig gerade keiner mit einem Fotohandy am Tatort ist. Eine Nachrichtensperre, wie sie zum Beispiel zu Zeiten der Schleyer-Entführung verhängt worden war, wäre heute nutzlos, weil die Technik eben so weit, nun ja, fortgeschritten ist, dass jeder sein eigener Publizist, Quellenauswerter und Interpret sein kann. Dies erhöht nicht unbedingt den Wahrheitsgehalt oder auch nur die Realitätsnähe des Publizierten, sorgt aber dafür, dass aus dem Hintergrundrauschen oft die Themenmusik wird.

Sähe man als Institution, als Zeitung zum Beispiel, davon ab, ein Foto zu zeigen oder einen Namen zu nennen, dann hätte das nicht mehr als Symbolcharakter für eine relativ kleine Zahl von Lesern - zumal dann, wenn es um ein Verbrechen von weltweiter Bedeutung geht. Nichts würde ungeschehen dadurch, und nichts würde besser werden. Man kann es aber trotzdem machen, und sei es nur in einem Artikel.

Trauermärsche in Norwegen

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