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Anschläge in Norwegen:Die Heimsuchung der Idyllen

Plötzliche Überwältigung des Friedlichen durch unerhörte Grausamkeit: Nach den Erschießungen von Utøya erscheinen viele skandinavische Kriminalromane wie die von Henning Mankell oder Stieg Larsson geradezu prophetisch.

In den farbigen Anzeigen, die bis vor einigen Tagen in deutschen Magazinen für eine Ferienreise in Norwegen warben, war zuletzt ein Boot zu sehen, das ein Mann im offenbar landestypischen dicken Pullover über einen stillen Fjord rudert. "Eine der schönsten Inselreisen der Welt", lautete der Slogan, und darunter stand der Satz: "Hier ist jeder Tag ein magisches Erlebnis." Unvorstellbar wäre es, ganz und gar nicht zur nordischen Idylle und ihren kalten Landschaftsgärten passend, würde hier ein Verbrechen geschehen, und gar ein großes. Und doch sind, in eben einem solchen Park, am vergangenen Freitag fast hundert Kinder und Jugendliche getötet worden. "Für mich war Utøya das Paradies meiner Kindheit gewesen", sagte der erschütterte Ministerpräsident Jens Stoltenberg auf der Pressekonferenz am folgenden Morgen, "gestern wurde es in eine Hölle verwandelt."

Insel Utoya

"Für mich war Utøya das Paradies meiner Kindheit gewesen", sagte Ministerpräsident Jens Stoltenberg, nun " wurde es in eine Hölle verwandelt."

(Foto: dpa)

Man wird nicht sagen können, Dutzende, wenn nicht Hunderte von skandinavischen Kriminalschriftstellern hätten geahnt, dass eine friedliche, schöne Welt und grenzenloser Schrecken zusammengehören. Aber sie rechneten offenbar damit, in der Fantasie: Die plötzliche Überwältigung der heimatlichen Idylle durch das (womöglich international vernetzte) Verbrechen gehört ebenso zum engsten Repertoire des nordischen Kriminalromans wie die unerhörte Grausamkeit, mit der diese Überwältigung vollzogen wird: Die drei Jugendlichen am Strand, die Henning Mankell in "Mittsommermord" hinrichten lässt, von einem Mörder, der Menschen auf dem Höhepunkt ihres jeweiligen Lebensglücks tötet; die Tote im Göta Kanal, mit der Maj Sjöwall und Per Wahlhöö ihre Romanserie begannen; das tote Mädchen am sommerlichen Fjord, dem in Karin Fossums "Fremde Blicke" eine Recherche gewidmet ist, die eine ganze Dorfgesellschaft in bösem Licht erscheinen lässt - so harmlos und zivilisiert die nordischen Gesellschaften erscheinen mögen, und so gering die Zahl der Morde dort gerade an den idyllischen Orten auch sein mag: Die Heimsuchung des moralisch und ästhetisch Intakten, und gerade die schlimmste, ist eines ihrer bevorzugten Sujets.

In einem langen Essay, den der britische Schriftsteller Tim Parks vor kurzem in der New York Review of Books veröffentlichte (9. Juni 2011), versucht er am Beispiel der "Millennium-Trilogie" Stieg Larssons, den großen internationalen Erfolg dieser Bücher zu erklären. Auf die Schilderung der Charaktere komme es darin nicht an, sagt er, auch nicht auf die Plausibilität oder auf den logischen Reiz der Geschichte: "Entscheidend dagegen ist die Teilung der Welt in Gut und Böse, eine Teilung, die damit beginnt, dass der Sex nach guten und schlechten Erfahrungen sortiert wird, was sich dann auf faszinierende Weise fortsetzt. Auf der Seite von Vergewaltigung und Missbrauch befinden sich Nationalsozialismus und Antisemitismus, große Organisationen jeder Art (die immer als verschwörerisch verstanden werden ...), die Regierung, die Geheimdienste, das Big Business ...".

Dass diese Romane so beliebt sind, geht, so Tim Parks, auf ihren unbedingten, beinahe alttestamentarischen Moralismus zurück: Jedes Verbrechen ist eine Verschwörung, und jede Verschwörung ist ein Verrat an der Gemeinschaft der Gutmütigen und Unbedarften - und der Gedanke an eine Vergeltung, die jedes mögliche Strafmaß übersteigt (und übersteigen soll), ist dabei zumindest als Möglichkeit stets gegenwärtig.

Der Anschlag von Oslo und die Erschießungen von Utøya sind kein Kriminalroman, sondern blutige Wirklichkeit, und Anders Behring Breivik ist kein erfundener Detektiv, sondern wahrscheinlich ein allzu realer Massenmörder. Aber auf bedrückende Weise verwirklicht seine Tat, was in vielen skandinavischen Kriminalromanen für die Vorstellung schon einmal im Voraus inszeniert wurde, vom rechtsextremen, halb klandestinen Milieu, aus dem der mutmaßliche Mörder hervorging, über seine Selbstinszenierung als Ritter und Vollstrecker bis hin zu seinem höchst erratisch wirkenden Narzissmus, zu seinen Kostümen und imaginären Vermächtnissen. Er ist es nicht, leider - aber man könnte sich ihn als Antagonisten in einem Roman von Henning Mankell oder Stieg Larsson vorstellen, als den ultimativen Bösewicht, dem der Detektiv kurz vor Ende der Geschichte Auge in Auge gegenüberzustehen hat.

Aber, halt - dass große Organisationen stets Verschwörungen sind (und die demokratischen Parteien ganz besonders), dass die größten Übel dieser Welt von Regierungen, Geheimdiensten, internationalen Großunternehmen ausgehen, glaubt das nicht auch der Attentäter? Ist das im Internet deponierte Konvolut "2083. A European Declaration of Independence", in dem der mutmaßliche Mörder sich selbst, seine Weltanschauung und seine Tat zu erklären trachtet, nicht selbst eine Art skandinavische Kriminalgeschichte, angefüllt mit Anklagen wider Volksverräter aller Art? Und offenbart nicht, um nur ein Beispiel zu nennen, die Bezeichnung "Landesmörderin" für Gro Harlem Brundtland, die ehemalige Ministerpräsidentin und inoffizielle "Landesmutter" Norwegens, ein erhebliches Maß an kriminalistischer Fantasie - und den Glauben, er, der Autor und zukünftige Attentäter, sei dazu berufen, den Tatbestand nicht nur festzuhalten, sondern auch zu ahnden?

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