Anonymität Ein guter Schwindel

Das Beispiel Elena Ferrante: Von George Sand bis Stephen King schätzten Schriftsteller schon immer den Schutz von Pseudonymen - und das Spiel damit.

Von Alex Rühle

Elena Ferrantes Versteckspiel hatte geradezu ästhetische Eleganz. Was für eine widerständige Performance, in diesen Zeiten, in denen es keine Geheimnisse mehr gibt, jeder durchleuchtet werden kann; in denen umgekehrt aber auch jeder versucht, sein digitales Lagerfeuer zum Rampenlicht umzufunktionieren, hier bin ich, schaut alle her - was für eine Souveränität also, unter diesen Voraussetzungen 25 Jahre lang unerkannt zu bleiben. Dazu kam die Durchdringung von Leben und Werk: Die unsichtbare Autorin, die berühmt wird mit einer Romanserie, in der es um das selbstgewählte spurlose Verschwinden einer Frau geht. Und der noble, mehrfach in den wenigen Interviews formulierte Vertrag mit ihren Lesern: Ich weiß nichts von dir, du weißt nichts von mir, wir treffen uns im Buch, mehr braucht es nicht.

Jetzt also die denkbar schnödeste Form der Enttarnung - und damit auch die Vergleiche mit anderen Autorinnen und Autoren, die den Schutzmantel des Pseudonyms gewählt haben. Wobei es ja völlig unterschiedliche Gründe dafür gibt, ein Pseudonym zu wählen. Ein Motiv kann der Ruhm sein, der zum Gefängnis wird. Stephen King versteckte sich eine Zeit lang hinter dem Namen Richard Bachmann, Joanne K. Rowling veröffentlichte als Robert Galbraith einen Krimi. Beide machten das aber, als sie längst berühmt waren. Weil sie dem eigenen Erfolg misstrauten. Der junge King veröffentlichte unter dem Pseudonym Bachmann fünf Romane, um die Buchläden nach den Erfolgen von "Carrie" und "Shining" nicht mit noch mehr King-Titeln zu überschwemmen und um zu testen, ob seine Texte wegen des Autorennamens oder wegen ihrer Qualität gekauft werden. Rowling wollte ebenfalls sehen, ob ihre Texte ohne ihren Namen bestehen können, und sich an einem neuen Genre ausprobieren. "Galbraith zu sein, war für mich eine befreiende Erfahrung", sagte sie bedauernd nach der Enthüllung. Es sei wundervoll gewesen, ohne Hype und Erwartungen ein Buch schreiben zu können.

Wer im 19. Jahrhundert als Autorin ernst genommen werden wollte, schrieb besser als Mann

Eine ähnliche Ruhmesmüdigkeit, das Gefühl, Gefangener des eigenen Markennamens geworden zu sein, bewog auch den Franzosen Romain Gary dazu, Romane unter dem Pseudonym Émile Ajar zu veröffentlichen. In einem Text, den er posthum veröffentlichen ließ und in dem er das Geheimnis lüftete, zitierte er als Grund für sein Versteckspiel Witold Gombrowicz: "Irgendwann wird jeder Autor zum Gefangenen der Fratze, die die Kritiker aus ihm machen - ein Bild, das nichts mit ihm oder seinem Werk zu tun hat." Dieser Satz hätte gewiss auch dem Menschen gefallen, der sich als Autorin Elena Ferrante nennt.

Sonst aber hat sie mit diesen Fällen nichts gemein, wollte sie doch von vornherein unerkannt bleiben, Werk und Leben streng trennen. Sie ist auch nicht zu vergleichen mit Fällen wie Voltaires antimonarchistischen Schriften, Fällen also, in denen ein Anonymus aus politischen (oder denunziatorischen) Gründen im Dunkel bleibt. Auch die Angst, moralische Tabus zu brechen und deshalb eventuell mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, wie sie die Autorin Anne Desclos zu Recht umtrieb, als sie 1954 die sadomasochistische "Geschichte der O" veröffentlichte, fallen weg.

Näher kommt man Ferrante mit den Autorinnen, die im 19. Jahrhundert unter fremden - stets männlichen - Autorennamen veröffentlichten: Charlotte Brontë etwa oder Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil. Brontë nannte sich Currer Bell, de Franceuil kennt man als George Sand. Robert Southey, damals ein berühmter Dichter, hatte der jungen Brontë erklärt: "Literatur kann und darf nie der Lebensinhalt einer Frau sein." Wie recht sie hatte mit ihrer Befürchtung, als Autorin nicht ernst genommen zu werden, zeigte sich, als rauskam, dass "Jane Eyre" nicht das Werk eines Mannes war: Die ersten Kritiken waren hymnisch, dann hieß es, das plumpe Buch atme ein "unziemliches Wissen um verschiedenste Leidenschaften."

"Ein Bäcker backt Brot, ein Autor schreibt", so der Schriftsteller Joseph Andras

Natürlich, wir leben in wunderbar aufgeklärten Zeiten, aber wenn man der amerikanischen Autorin Siri Hustvedt glauben darf, dann sind im Kunst- und Kulturbetrieb noch immer solche misogynen Mechanismen am Werk. Hustvedt eröffnet ihren Roman "Die gleißende Welt" mit einem deutlichen Satz: "Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze und Parodien, schneiden in der Meinung der Menge besser ab, wenn die Menge weiß, dass sie hinter dem großen Werk oder dem großen Schwindel einen Schwanz und ein Paar Eier ausmachen kann." Geschrieben hat den Satz die Heldin des Buches, die fiktive Künstlerin Harriet Burden, die ihre Werke aus eben diesem Grund unter männlichen Pseudonymen veröffentlicht. Die Autorin hinter Elena Ferrante wählte von Anfang ein weibliches Pseudonym. Sie hätte sich aber sicher gut mit Burden verstanden . . .

Von den zeitgenössischen Autoren, die die Anonymität vorziehen, lässt sich der Fall Ferrante vielleicht am ehesten vergleichen mit Joseph Andras, dem Franzosen, der in diesem Jahr für sein Debüt "De nos frères blessés" den Prix Goncourt gewonnen hat - und den Preis ablehnte. Er hat den Roman über Fernand Iveton, einen algerienfranzösischen Arbeiter und Unabhängigkeitskämpfer, der 1957 wegen eines gescheiterten Bombenanschlags in Algier hingerichtet wurde, unter Pseudonym veröffentlicht, wollte also von vornherein unbekannt bleiben und sein Werk von seiner Autorenperson entkoppeln. Es gibt ein Foto von ihm in Rückenansicht, er gibt Interviews nur in Schriftform, und er trägt in diesen Interviews für seine Anonymität ähnliche Gründe vor wie Ferrante: Seine Person würde nur das Thema des Buches, den Algerienkrieg, verdecken. Damit sollten sich die Leser auseinandersetzen, nicht mit ihm, schließlich sei ein Schriftsteller keine mediale Person, er lebe mit Absicht in der Normandie, fernab vom Pariser Kulturtrubel. "Ein Bäcker bäckt Brot, ein Autor schreibt. Alles ist im Buch enthalten, ich sehe nicht, was ich hinzuzufügen hätte." Die Pariser Journalisten haben diesen Wunsch bislang respektiert.