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Anne Webers "Annette, ein Heldinnenepos":Ja, es ist wirklich ein Epos

In ihrem Buch "Annette, ein Heldinnenepos" porträtiert die Schriftstellerin Anne Weber die französische Résistance-Kämpferin Anne Beaumanoir.

Von Joseph Hanimann

Helden sind in der Literatur aus der Mode gekommen, abgesehen vielleicht von der Kinder- und Trivialliteratur. Die modern oder postmodern entzauberte Welt hat praktisch nur noch für Antihelden Verwendung. Wer also mit ungebrochen positivem Blick von einem außerordentlichen Leben erzählen will, muss sich etwas einfallen lassen. Zum Beispiel, indem er noch eins draufsetzt und, statt nur prosaisch zu erzählen, episch singt, wie es Anne Weber in ihrem Buch "Annette, ein Heldinnenepos" tut. So ein Unterfangen hat beste Aussichten, schiefzugehen. Das Unwahrscheinliche trat in diesem Fall aber ein und liefert einen weiteren Beweis, wie souverän diese Autorin selbst die entlegensten Formen des Erzählens beherrscht. Dies umso mehr, als die reale Person, die sich inter dem Titel des Buches verbirgt, keine internationale Berühmtheit ist.

Wem der Name Anne Beaumanoir auf Anhieb nichts sagt, der braucht jetzt nicht gleich zum Smartphone zu greifen. Was es mit dieser 1923 geborenen humanistischen Abenteurerin, französischen Résistance-Kämpferin, zeitweiligen Kommunistin, engagierten Algerienkriegsgegnerin auf sich hat, liest man am besten im vorliegenden Buch. Anne Weber umkreist die Figur aus großer Distanz, dringt zugleich in die verborgensten Winkel ihrer Überzeugungen und Zweifel ein, malt Alltags- und Kriegsszenen aus, erzählt Weltgeschichte des vergangenen Jahrhunderts.

Grundlage für das Buch seien ihre Begegnungen mit Anne Beaumanoir sowie deren auch auf Deutsch gerade erschienene Memoiren "Wir wollten das Leben ändern" gewesen, erklärt die Autorin in einer bescheidenen Nachbemerkung. Keine vorausgeschickte Erklärung hingegen, was sie an dieser Frau so fasziniert und warum sie sich für das Genre eines Epos entschied. Wie es sich für diese Erzählform gehört, sind wir von der ersten Zeile an gleich bei der Sache. Das heißt bei der Heldin. Vielmehr: bei ihrer literarischen Transposition.

Obwohl es um eine echte Person geht, wird sie doch auf jeder Seite neu geboren

Denn an keiner Stelle gerät im Buch in Vergessenheit, dass es zwar um die Episoden eines realen Lebens geht, dass dieses aber in die Versform einer Heldinnensage gebracht wurde und dass die vor langer Zeit in einem bretonischen Fischerhäuschen Geborene auf dem weißen Blatt Papier noch einmal zur Welt gekommen ist. Ihre Auflehnung gegen alle Arten von Ungerechtigkeit lässt diese Annette schon in jungen Jahren von Opfern und Heldentaten träumen und neunzehnjährig in die Résistance gegen die deutschen Besatzer eintreten. Sie treibt sie aber auch zu eigenmächtigen Rettungsaktionen etwa für eine jüdische Familie, entgegen der im Untergrund herrschenden Kampfdisziplin. Den Verlobten aus der Résistance und Vater ihres ersten Kindes verliert Annette noch vor Kriegsende.

Buchmesse Leipzig

Ihre Romane schreibt sie auf Französisch und übersetzt sie dann selbst ins Deutsche: die Schriftstellerin Anne Weber.

(Foto: picture alliance / Jan Woitas/dp)

Auch das schließlich doch bürgerlich gewordene Leben als Neurophysiologin und Ärztin, Gattin und Mutter zweier weiterer Kinder in Marseille hält nicht lang. In einem Buch hatte sie nämlich den Satz gelesen, dass Hitler Frankreich endgültig besiegt haben werde, wenn dort dieselben Waffen von Demütigung und Folter angewandt würden. Genau das geschah bei den "Ereignissen", die noch nicht Algerienkrieg hießen. Die mittlerweile gut dreißigjährige Französin wurde "Kofferträgerin" für die algerische Befreiungsfront FLN. Verhaftung, Verurteilung zu zehn Jahren Gefängnishaft, Flucht nach Tunis und dann Algier, Einsatz unter der ersten algerischen Unabhängigkeitsregierung und nach einem Staatsstreich wiederum Flucht zunächst in die Schweiz, schließlich Rückkehr nach Frankreich, das sind die wesentlichen Lebensstationen.

Anne Weber erzählt all das mit großer Freiheit. Sie spielt mit der freien Versform, bringt unkompliziert die Erzählerstimme mit ein, holt zu allerlei Beiläufigem aus ("Kleine Abschweifung. Pardon"), fügt durch Binnenreim rhetorische Fragezeichen ein ("Malraux bekommt den Prix Goncourt ... macht aber wohl doch eine recht zwielichtige Figur"), setzt manchmal, wenn etwa eine Familie durch die historischen Ereignisse brutal auseinandergerissen wird, auch einfach aus: "Die Tür hat sich hinter den dreien längst geschlossen, / da steht er noch und möchte weinen weinen weinen / und wir, wir stehen in der fernen Zeit und stehen / und finden keinen Satz und keinen Vers und keine / Zeile, die etwas anderes möchte als zu stehen mit ihm / und zu weinen".

Zum Schönsten an diesem Buch gehört der differenzierende Blick auf die Geschichte

Gleichzeitig nutzt die Autorin gekonnt die Weitwinkelperspektive des Epos, um das Erzählte auf Distanz zu rücken und allem Schlimmen eine skurrile Leichtigkeit zu verleihen. So kämpft die französische Résistance gegen die deutsche Tyrannei und ihr Gedankengut, "das schlecht ist". Manche Kommilitonen laufen dem Terrorregime in die Fänge, andere wie Annette haben mehr Glück und pflücken in Südfrankreich Aprikosen: "Tod. Folter. Aprikosen. Dazwischen: nichts".

Nach dem heiter verspielten Schelmenroman "Kirio" vor drei Jahren setzt Anne Weber hier auf ein ernstes Thema. Und sie trifft dabei den genau richtigen Ton. Keine Mystifizierung, kein Hauch von Schwärmerei über Annettes menschliche Größe. Zwischen klarer historischer Einordnung, ergreifenden Bildern und leisem Humor meißelt die Autorin ihr ein Denkmal aus Versen, das auch gewisse Vorbehalte miteinschließt.

Wie bringt man es fertig, nach all den in einen Bruderkrieg ausgearteten Brüderlichkeitsvisionen - 1944 in der Résistance, 1956 im kommunistischen Ungarn, 1965 bei Boumédiènes Staatsstreich in Algier - weiterhin an der Utopie festzuhalten? Statt in die Schweiz hätte Annette auch nach Kuba gehen können, "aber danke, nein, ein kleines Eckchen Illusion (Zitat Annette) darf man sich wohl erhalten wollen".

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos. Matthes & Seitz, Berlin 2020. 208 Seiten, 22 Euro.

Zum Schönsten an diesem Buch gehört auch der scharfe und zugleich stets differenzierte Blick auf die Geschichte, der sich nie in politisch-moralischem Besserwissen ergeht.

Die wirkliche wie die hier erzählte Annette haben beide ihrer Menschenvision die besten Jahre ihres privaten Lebensglücks geopfert und dafür nebst der Treue zu ihrer Überzeugung vor allem Enttäuschungen geerntet. Im Unterschied zu anderen, die im Glanz ihres Engagements umkamen, bevor das fahle Licht des Irrtums darüber fiel, hat Annette bis heute überlebt und "trägt den Irrtum, der ein / Schmerz geworden ist, mit sich herum und / wälzt ihn auf den Hügel ihrer Jahre".

Anne Beaumanoir lebt heute im südfranzösischen Dorf Dieulefit, wo Anne Weber, wie sie am Schluss ihres Epos zu verstehen gibt, ihr begegnete, lange zuhörte und ihre Erzählung in einen wunderbar schlichten Gesang transponierte. Mit Albert Camus' Idee von einem bei allen Plagen und Mühen letztlich glücklichen Sisyphos klingt er großartig aus. Ein Leseglück von Anfang bis Ende.

© SZ vom 29.04.2020
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