Annalena McAfee: "Blütenschatten":In jedem Liebhaber ein Rachegedanke

Inaugural Display of the Royal Collection

Der Traum von der Grandezza großer Ausstellungshallen lockt Annalena McAfees Hauptfigur in die Kunstszene. Hier die Royal Collection des Buckingham Palastes.

(Foto: Sion Touhig/Getty Images)

Annalena McAfee erzählt in ihrem Roman "Blütenschatten" von Macht und Missbrauch in der Kunstszene. Und von einer Frau, die vom Opfer zur Täterin wird.

Von Rudolf von Bitter

Während der fortgesetzte sexuelle Missbrauch Schutzbefohlener in Kirchen, Internaten und anderen Institutionen dieses Rangs die Gesellschaft noch in Atem hält, veranschaulicht Annalena McAfee am Beispiel eines Opfers, wie sich das schändliche Verhalten perpetuieren kann. Das Feld, auf dem sie das entwickelt, ist der Kulturbetrieb, wo nicht geistliche oder pädagogische Autoritäten ihr Tun unter das Siegel von Schweigen und Geheimnis stellen, sondern wo sich Künstler, Dichterfürsten und Chefdenker Autorität und Ausstrahlung zunutze machen. Wie da weggeschaut und ergeben den Meistern das Privileg zugestanden wird, sich zu vergreifen, das schafft die Atmosphäre, die Missbrauch begünstigt.

Annalena McAfee ist von Beruf Literatur- und Kunstkritikerin und war Redakteurin des Guardian und der Financial Times. Dass sie ihren Roman "Blütenschatten" in dieser Szene spielen lässt, während sich dieselben Verhältnisse und Strukturen in allen sonst wie motivierten Kreisen finden lassen, in denen Geschmackssicherheit und Deutungshoheit die Kriterien sind und oft genug Charisma, Dienstfertigkeit und Intrigen den Ausschlag geben, erklärt sich aus ihrer besseren Kenntnis dieses Milieus. Wie perfekt sie aus dem Rohmaterial ihrer Erfahrungen Geschichten schafft, hat sie schon in dem satirischen Medien-Roman "Zeilenkrieg" gezeigt. Da gerieten, in Gestalt einer ehrwürdigen Grande-Dame der Reportage und einer karriereorientierten Klatschreporterin, nicht nur zwei Generationen, sondern vor allem zwei divergierende Auffassungen von Journalismus aneinander.

Die Heldin des neuen Romans ist Eve Laing, die als Mädchen in den 1960er, 1970er Jahren den einengenden Verhältnissen des Elternhauses entkommen wollte und von der Grandezza träumte, die man in der Tate Gallery und in der Royal Albert Hall erleben kann. Mit ihrem ersten Freund durchstreifte sie die Galerien und Museen; eine "noch unausgegorene Sehnsucht" hat sie zur Kunstakademie geführt.

"Wer konnte einer solchen Einladung zur Unsterblichkeit schon widerstehen?"

Jetzt, mit sechzig, sitzt sie in der Londoner Tube und erinnert sich an ihre Anfänge als Mittelstandstochter, die in den Händen eines Scharlatans landete, der ihr in geballter Form das Gegenteil dessen zugefügt hat, von dem sie eigentlich träumte. In all ihrer Unsicherheit war sie leichte Beute für ihren Professor, der seinen sexuellen Appetit als liberale Offenheit gelten ließ und dafür sogar Anerkennung erntete. Der Professor "war fast vier Jahrzehnte älter als sie. Sie war eine arglose Studentin, die ehrfürchtig an seinem Aktzeichenseminar teilnahm. Er bat sie, Modell für ihn zu stehen, und wer konnte einer solchen Einladung zur Unsterblichkeit schon widerstehen? Mit einer zielgerichteten Kampagne, die man in jenen Tagen Verführung und heutzutage sexuelle Belästigung genannt hätte, lockte er sie in sein Bett." Erniedrigungen, zum Beispiel sie im Badezimmer warten zu lassen, während sich der Meister mit einer anderen Verehrerin verlustiert, hatte sie fügsam hingenommen.

Inzwischen hat Eve Laing den Gipfel ihrer Karriere erreicht. Russische Magnaten investieren in ihre Arbeiten, eine Retrospektive in New York ist in Vorbereitung. Was den künstlerischen Anspruch angeht, hat sie Mara und Wanda überflügelt, ihre beiden Kommilitoninnen von einst, mit denen sie in den 1970er Jahren nach New York zog, wo ihnen die anhaltende Aufbruchsstimmung der Pop- und Punkkultur den nötigen Schwung gab. Mara ist auf Psychotherapie umgestiegen, Wandas immersive und relationale Kunst erkennt Eve nicht an, obwohl Wanda damit rund um den Globus Erfolge feiert.

Eve hatte sich immer als Rivalin ihrer früheren Freundinnen gesehen und es sich zum Ehrgeiz gemacht, den beiden die Lebensgefährten auf möglichst demütigende Weise auszuspannen, ihre Lebensentwürfe zu zertrümmern. Maras minderjährigen Adoptivsohn Theo hat sie verführt und dann fallengelassen, was für den Jungen ein Absturz wurde. Wandas Partner hat sie betrunken gemacht, bevor sie ihn in einer von Wandas Ausstellungen, in der die Künstlerin à la Marina Abramović präsent war, vor Wandas Augen und unter dem Gejohle des Ausstellungspublikums verführte. Eves Ehe mit dem Architekten Kristof Axness, die ihr damals vorkam wie ein Happy End, ist endgültig zerstört.

Im Ton der Fürsorglichkeit wertet Eve alles ab, was andere leisten

Sie hat soeben noch einmal einen Blick in das erleuchtete Wohnzimmer geworfen, wo sich bereits ihre Nachfolgerin auf einem Sessel räkelt, und begibt sich nun zu ihrem Atelier mit Schlafmöglichkeit in einem aufgelassenen Industriegebiet in Londons Osten. Dort liegt unter ihrer letzten Arbeit der ausgeblutete Leichnam ihres 30 Jahre jüngeren Lovers Luka. Er hat sich in einem Handgemenge mit ihr den Puls aufgeschnitten, nachdem sie entdeckt hatte, dass er und seine vorgetäuschte Liebe Teil einer umfassend angelegten Intrige sind, mit der sich Wanda für die frühere Schmach rächt.

In einem Interview mit dem Guardian hat McAfee erklärt, dass ihr die Ausarbeitung der Figur der Eve Laing, dieses "eher unangenehmen Charakters", Freude gemacht habe, die Entwicklung vom missbrauchten Vorstadtkind zu einem "Monster der Selbstsucht", wie die Autorin es nennt. Und tatsächlich ist Eve eine besondere Persönlichkeit, es liegt ein eigenwilliger Spaß in ihrer Bosheit. Im Ton der Fürsorglichkeit wertet Eve alles ab, was andere leisten, sie sucht Bestätigung in Dominanz, ist eifersüchtig, versetzt links und rechts ihre Tiefschläge und rühmt sich, damit etwas Gutes bewirkt zu haben. Wenn ihr dafür nicht gedankt wird, empfindet sie das als Affront und holt zu einem weiteren Tiefschlag aus. Ein Pendant wäre die Figur des mad scientist, des verrückten Wissenschaftlers, der ohne Rücksicht auf Verluste seine Experimente durchziehen will, der sich auszeichnet durch Größenwahn, Prahlsucht und den zwanghaften Drang, Herrschaft über andere zu erlangen.

Annalena McAfee: "Blütenschatten": Annalena McAfee: Blütenschatten. Roman. Aus dem Englischen von pociao und Roberto de Hollanda. Diogenes, Zürich 2021. 327 Seiten, 24 Euro.

Annalena McAfee: Blütenschatten. Roman. Aus dem Englischen von pociao und Roberto de Hollanda. Diogenes, Zürich 2021. 327 Seiten, 24 Euro.

Dass der nacherzählte innere Monolog dieser Künstlerin mit seinen Sprüngen und Unterbrechungen spannend bleibt, ist nicht zuletzt das Verdienst der Übersetzer pociao und Roberto de Hollanda. Eves Doppelbödigkeit kann sich in einzelnen Sätzen spiegeln: Wenn sie im Nachhinein ihr "damaliges sexuelles Verlangen, das einen Großteil ihrer späten Teenager- und frühen Zwanzigerjahre verschlang, hektisch und dämlich" findet, klingt es eher großspurig, als spräche sie von der Vergangenheit. Tatsächlich verharmlost sie so den Schaden, den sie zum Beispiel im Leben des Jungen Theo angerichtet hat. Und vergangen ist nichts, vielmehr wird Eves Verlangen noch von Wanda benutzt, die ihr den hübschen jungen Luka als eine Art trojanisches Pferd geschickt hat. Aber Eve münzt auch das um zu einem Triumph. Mit Lukas Blut als idealer Farbe vollendet sie den letzten Teils ihres Bilderzyklus' und erlebt es als Erfüllung ihrer Mission. Ihre beinharte Konsequenz ist die Konsequenz der Autorin beim Verfassen eines zeitgemäßen, realistischen Schauerromans, dessen Grausamkeit sich mildert, wenn man ihr ein Quentchen Ironie unterstellt.

© SZ/masc
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