Anna Netrebko und Rolando Villazon Anna + Rolando = alle Vorstellungen ausverkauft

Das Traumpaar Anna Netrebko und Rolando Villazon liebt und stirbt in Massenets Oper "Manon", angeleitet vom Regisseur, der Michael Jackson lehrte, sich in den Schritt zu fassen.

Von Wolfgang Schreiber

Er sei der Erste gewesen, "der Michael Jackson gesagt hat, dass er sich in den Schritt fassen soll", und auch Madonna habe er das mit Erfolg geraten. Sagte Vincent Paterson vor anderthalb Jahren, und da redete er bereits von seinem Operndebüt als Regisseur: von Jules Massenets "Manon" in Los Angeles. Die Berliner Staatsoper Unter den Linden hat sie koproduziert und zeigt sie siebenmal. Alleiniger Grund für diese Zusammenarbeit: Anna Netrebko und Rolando Villazon. Alle Vorstellungen: ausverkauft.

Paterson hat als Tänzer begonnen, drehte Musikvideoclips mit Madonna, Jackson und McCartney und inszenierte am Broadway Musicals. In der Berliner "Bar jeder Vernunft" betreute er die Produktion von "Cabaret". So passt es genau, dass er als Regisseur auch Netrebko und Villazon, das "Traumpaar" der deutsch-amerikanischen Opernpopkultur, durch die "Manon" führt, die Daniel Barenboim mit feurigem Elan dirigiert.

Die Aufführung an der Lindenoper bestätigt das, was man vielfach beobachtet: Popularisierung der Klassik, Kapitulation der klassischen Musikkultur vor dem Pop, verdeckt oder ganz offen mit ihm im Schulterschluss. Denn Pop bedeutet Glamour, Sex, Geschäft, Werbung, Pop ist fundamental für die Medien und für die Einschaltquote. Nicht unbedingt auch für die Kunst. Während des "Manon"-Vorspiels, das Daniel Barenboim und seine Staatskapelle energisch, anfangs etwas handfest angehen, öffnet sich für einen Moment der goldglänzende, Music-Hall-taugliche Vorhang und zeigt Anna Netrebko unverbrämt als attraktiven Lockvogel - wie sie vor dem Spiegel ihr Make up noch einmal korrigiert. Will sagen: Das Erscheinungsbild ist bestimmend. Körperliche Schönheit, perfekte Kultur der Oberfläche ist auch für die Operndiva längst Pflichtaufgabe.

Das Erscheinungsbild der Aufführung, das Johannes Leiacker (Bühne) und Susan Hilferty (Kostüme) mit Hang zu glitzernden Interieurs und extravaganten Klamotten fertigten, gehorcht ohne Umschweife, mithin ohne Bilder- oder Bedeutungstiefenschärfe, dem Diktat des Glamour. Augenfällig die Hollywood-Anmutung, wenn der flittrige Goldvorhang den Blick frei gibt auf glatte Chiffren des Luxus und der Moden. Um Luxus, Liebe und Vergnügen geht es in der Welt der Manon. Im Salon im vierten Akt hat sich beispielsweise von oben zentral eine Stange in voller Raumhöhe herabgesenkt, und an ihr kann sich Manon im Goldglitzermini als Marilyn-Blondine lasziv die Beine reiben wie im Nachtclub. Am Ende des fünften Akts ist aus der Straße nach Le Havre ein offener Breitwandhorizont geworden, der sich, während für Manon das Sterben beginnt, immer stärker in Rottönen färbt. Der korrekte Kinoschluss: Chevalier des Grieux trägt seine tote Manon auf starken Armen der flammenden Abendröte, also der Unendlichkeit als der wahren Heimat entgegen.

Ich bin Sänger - und Produkt

Vincent Paterson, der als Hauptmotivation für seine "Manon"-Inszenierung frank und frei Anna Netrebko nennt, bekennt sich in einer Anmerkung zu seiner Arbeit als zu einer Kinoerzählung für die Opernbühne. Die farbige, passionierte Musik Massenets habe ihn immer wieder an einen Filmsoundtrack denken lassen. Bedingungslose Buntheit, Bilderharmlosigkeit und Kitsch sind für ihn kein Problem. Er fokussiert die Geschichte auf das Liebespaar Manon-Des Grieux, auf dessen schaurigschön-tragische Geschichte.

Mit Netrebko und Villazon hat er sichtbar an den Bewegungen und an der Körpersprache gefeilt: Ihm hat er beispielsweise zu Beginn körperliche Unfreiheit und Verlegenheit verordnet, sie im zweiten (Liebes-)Akt locker und ausgelassen-sexy gemacht. Nur, dem Stück Zwischentöne der Empfindung zu geben zwischen Vergnügungssucht, gesellschaftlicher Forderung nach Tugendhaftigkeit und einer ungestüm durchbrechenden Leidenschaft der Affekte, das hat Paterson nicht im Sinn gehabt. Den Chor versteht er als Staffage: Konventionell, unstrukturiert bewegt er sich auf der Bühne und singt passabel mit seltsamem französischen Akzent. Neben den Protagonisten ragen im Ensemble Alfredo Daza (Lescaut), Christof Fischesser (Vater Des Grieux) und Rémy Corazza (Guillot) heraus.

Musikalisch gelingt die Aufführung mehr als nur solide, ja hier erreicht sie teilweise sogar Brillanz. Im Laufe des Abends öffnen sich Barenboim und seine Musiker immer mehr der feingliedrigen und gleichzeitig exakt dem Sprachduktus der Sänger folgenden Musik, dem weichen französischen Flair von Massenets Meisterpartitur. Barenboim färbt die eingängige Melodik, er zeigt Gespür für ihren Ausdruck seelischer Zerbrechlichkeit. Das Liebespaar besitzt genügend dramatische Identifikations- und Spielfähigkeit.

Für Anna Netrebko, die die Rolle gerade erst in Wien gesungen hat, scheint Manon, die junge Frau zwischen Leichtlebigkeit, Vergnügungssucht und großer Liebe mit tragischem Ausgang, wie geschaffen zu sein. Ihre Körpersprache kann mädchenhaft anmutig, übermütig oder nachdenklich sein, die Stimme besitzt Strahlkraft, bis zur puren Lautstärke in einer sicher sitzenden Höhe. Aber recht wenig Schmelz, Zwischentöne und Geheimnis. Im zweiten Bild des dritten Akts, wo Manon den im Priesterseminar darbenden Des Grieux durch ihre Liebe zurückgewinnt, zeigt Netrebko, dass ihr auch der Sehnsuchtston gelingen kann - weniger jedoch die erotische Unbedingtheit.

Rolando Villazon, der derzeit führende Latin Lover der Oper, setzt seine flammende, biegsame, schlanke Tenorstimme ein für die Expressivität des rückhaltlos Liebenden und tragisch Scheiternden. Aber sein "italienischer" Tenor hat im Grunde Probleme mit der französischen Stimmcharakteristik. Villazon hat neulich erklärt, dass er in Zukunft kürzer treten, weniger singen wolle. Offenbar ist er nachdenklich geworden auch über seine persönliche Rolle im internationalen Opernzirkus: "Ich bin nicht mehr nur Sänger, sondern ein Produkt." Allein das zu wissen bedeutet schon etwas.