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Anna Netrebko:Ein Geschenk des Schöpfers an die Welt

Salzburger Festspiele

Anna Netrebko flankiert von Ehemann und Tenor Yusif Eyvazov (links), Dirigent Mikhail Tatarnikov und dem Mozarteumorchester Salzburg.

(Foto: Marco Borrelli)

Vor 18 Jahren feierte sie in Salzburg ihren Durchbruch. Dieses Jahr singt die umjubelte Netrebko dort Opernszenen von Pjotr Tschaikowsky.

Von Helmut Mauró

Es ist natürlich nur die halbe Netrebko. Wenn man sich an ihre Partien in der großen Oper erinnert, dann kann man nicht viel erhoffen von solch einem Opernarienabend nur mit Werken von Peter Tschaikowsky. Bei den Salzburger Festspielen, wo sie 2002 in Wolfgang A. Mozarts "Don Giovanni" Furore machte - sieben Jahre, nachdem sie bei einem Gastspiel des Mariinski-Theaters in San Francisco ihren internationalen Durchbruch feierte - ist sie weiterhin Garantie für Glanz und Gloria.

Alles sei kurzfristig geplant gewesen, hört man, für ein Programmheft mit den gesungenen Texten sei keine Zeit mehr gewesen. Aber man konnte die durchweg russischen Titel dieses Abends vorab im Netz einsehen und sich die Texte selber zusammensuchen. Das geht alles ganz prima, das Netz ist durch keinen Sars-Virus infiziert. Der zweite Vorbehalt galt den angekündigten Duetten, in denen ihr der aserbaidschanische Tenor Yusif Eyvazov zur Seite stehen sollte, seit fünf Jahren ihr Ehemann.

Aber, um es gleich vorweg zu nehmen, es sieht nicht so aus, als ereilte Eyvazov demnächst das Schicksal seines Vorgängers Erwin Schrott, auf der Bühne und auch sonst in Vergessenheit zu geraten. Eyvazov steigerte sich im Verlauf des Abends im Großen Festspielhaus vom etwas verschüchterten Stimmakrobaten zum nahezu strahlend heldischen Tenor. Die Arie des Lenski aus dem"Eugen Onegin", in der dieser kurz vor seinem Tod im Duell die Geliebte beschwört, sich seiner zu erinnern, gelingt außerordentlich.

Es ist also nicht so, dass alle Sänger neben der Netrebko verblassen müssen. So gern man mal wieder eine richtige Diva erleben würde. Denn auch dieses herrliche Klischee erfüllt die Netrebko nur unzureichend. Am Ende will sie nicht einmal einen Einzelapplaus, jedes Mal zerrt sie die Gesangskollegin Szilvia Vösö, die nur eine kleine Rolle als Gräfin in einem Opernausschnitt aus Tschaikowskys "Pique Dame" hat, mit nach vorne, dazu den Dirigenten und natürlich Eyvazov, der sich sehr gentlemanlike gibt.

Man möchte gerne behaupten, man habe ihre Anwesenheit im Raum schon gespürt, noch bevor man sie sah, aber man muss nicht übertreiben

Und dann könnte man noch dies und das von all dem Drumherum erzählen, von ihrem wie immer zauberhaften Kleid und ihrer einnehmenden Erscheinung und natürlich vom wunderbar musikalisch geerdeten Dirigenten Mikhail Tatarnikov samt dem begleitenden Mozarteumorchester, aus dem gegen Ende der Briefszene im "Onegin" ein klangsensibler Solohornist heraussticht. "Wenn du mich nicht rettest", singt die Netrebko an dieser Stelle, "dann muss ich hilflos untergehen." Welcher Hornist fühlte sich da nicht berufen, dem Schicksal unter die Arme zu greifen, wenn solch eine Stimme ruft? Da schlägt die Stunde des Helden.

Selbst als Zuhörer möchte man ein bisschen mithelfen, so sehr packt einen die Stimme der Netrebko. Schon ihr erster Auftritt ist herrlicher Bühnenzauber. Das Orchester spielt nach einer kurzen aber knackig-lauten Introduktion zu "Pique Dame" die Einleitung zu Szene und Duett Lisa und Hermann aus dem ersten Akt, aber es ist weit und breit keine Netrebko zu sehen.

Und auf einmal steht sie da seitlich halb im Orchester und schaut sich staunend um, immer zum Orchester hin, schleicht sich schließlich an den Dirigenten heran, singt endlich, zur Seite, dreht sich erst allmählich und ganz langsam Richtung Publikum. Man möchte gerne behaupten, man habe ihre Anwesenheit im Raum schon gespürt, noch bevor man sie sah, aber man muss nicht übertreiben. Ihre Persönlichkeit ist stark genug, ihre Bühnenpräsenz changiert ständig zwischen herzig und atemberaubend, ihre Stimme nach wie vor ein Phänomen. Noch immer hat sie diese unangestrengte große volle Höhe, noch immer kriecht sie in jede Rolle und lässt ihre ganze Stimmgewalt von dort aus heraus leuchten.

Das Schlussduett mit Eyvazov aus "Iolanta" beeindruckte, aber die Briefszene der Tatjana aus "Eugen Onegin" - bei allem heute nicht mehr vermittelbarem Textkitsch - berührte noch mehr. Vielleicht war es ganz gut, dass der russische Text den meisten Festspielbesuchern im Detail nicht geläufig gewesen sein dürfte. Was für "Iolanta" natürlich ebenfalls galt. Iolanta: "Ritter, was ist Licht?" Vodemon: "Wunderbarer Erstgeborener der Schöpfung, das erste Geschenk des Schöpfers an die Welt, die Manifestation der Herrlichkeit Gottes, die schönste Perle seiner Krone" - und so weiter und so fort. Warum sollte die Netrebko solch einem Macho-Nippes aufsitzen?

© SZ vom 28.08.2020
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