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Anna Netrebko als "Tosca":Im Samt versunken

Warum lässt Tosca auch Cavaradossi ins Unglück gehen? Natürlich stirbt er. Anna Netrebko und Francesco Meli in inniger Tragik.

(Foto: Brescia/Amisano, Teatro alla Scala)

Zur Spielzeiteröffnung der Mailänder Scala treffen sich die Reichen und Mächtigen. Juwelen, Fotografen, Applaus für den Präsidenten - es ist ein gesellschaftliches Großereignis. Ach ja, und außerdem singt Anna Netrebko die "Tosca".

Sie hält das Messer in die Höhe, Blut tropft herab. Für einen Moment passiert nichts anderes - ein Schock. Dann stürzt das Opfer zu Boden, fassungslos über sein abruptes Ende. Die Sängerin Floria Tosca hat sich befreit. Ihr Peiniger Scarpia hatte versucht, sie zu vergewaltigen. Mit einem hastig vom Esstisch gegriffenen Messer hat sie sich verteidigt. Nun liegt Scarpia tot vor ihr, und sie schickt ihm die berühmte Zeile ins Jenseits nach: "E avanti a lui tremava tutta Roma!" - und vor ihm zitterte ganz Rom.

Es ist diese Szene aus Giacomo Puccinis Oper "Tosca", die den Abend in Mailand krönt. Traditionell beginnt am siebten Dezember die neue Spielzeit der Mailänder Scala, am Namenstag des Schutzpatrons Ambrosius. Wie jedes Jahr sperrt die Polizei den Platz vor der Oper ab. Wie jedes Jahr protestieren Menschen gegen das Establishment und lassen Rauchbomben steigen.

Ebenso routiniert erscheint der italienische Präsident Sergio Mattarella in der Königsloge des Theaters. Das Publikum erhebt sich auch dieses Mal wieder mit einem Ruck von den roten Samtsesseln und schenkt dem weißhaarigen Mann einen langen Applaus. Das Orchester stimmt die Nationalhymne an, leise summt der Saal mit - so richtig gut scheint der Text nicht zu sitzen. Kein Wunder, unter ihnen sind viele High-Society-Touristen, angereist aus Deutschland, Frankreich, Japan, Russland. Aber die Rituale der "Prima della Scala", der Eröffnungsnacht, bleiben unerschütterlich.

Wohlgemerkt: Den Applaus am Anfang bekommt nicht der Dirigent, sondern der Politiker. Zum Applaudieren müssen die Zuschauer sich von der Bühne wegdrehen. Wenn dann also der Orchesterleiter Riccardo Chailly zum ersten Takt ansetzt, haben sich die Gäste gerade erst vom weltlichen Applaus gesammelt.

Man könnte meinen, die illustre Gesellschaft ist nicht etwa angereist, um die Oper zu hören oder in den vollen und lebendigen Klang des Scala-Orchesters einzutauchen, sondern um die Diamanten auszuführen. Es ist ein gesellschaftliches Großereignis in Italien, wichtige Namen aus Politik, Kunst und Wirtschaft versammeln sich hier. Unter ihnen natürlich auch: der Noch-Leiter der Scala, der österreichische Kulturmanager Alexander Pereira. Es ist seine letzte Saisoneröffnung, zum kommenden Jahr verlässt er nach fünf Jahren vorzeitig den Posten des künstlerischen Leiters, nachdem er zuletzt über einen Finanzdeal mit Saudi-Arabien gestolpert ist. Pereira geht als Leiter des Festivals Maggio Musicale Fiorentino nach Florenz.

Die einstudierten Rituale, der Prunk der Scala, sie sind für den 72-Jährigen somit Geschichte: "Ich lasse ein Stück Herz in Mailand, aber Mailand hat mir auch ein Stück meines Herzens geschenkt", zitiert ihn die italienische Tageszeitung Corriere della Sera.

In den Gängen flanieren noch Zuschauer, als die Musik längst begonnen hat. "Schhh", machen die einen, und jemand ruft: "Disastro!"

Selbst als die Lichter im Saal nach der ersten Pause schon wieder ausgegangen sind und der zweite Akt beginnt, finden sich noch Gäste in den Gängen. Dabei hat Chailly längst begonnen, die Musik leitet langsam in die Szene. "Schhhh!", machen die Opernliebhaber. Einer schüttelt den Kopf und sagt: "Disastro!" Anna Netrebko als Tosca umspannt mit ihrer Stimme den ganzen Saal, ja, sie hat so viel Kraft, dass man ihr noch einen zweiten Saal öffnen könnte. Ihre Messer-Szene schafft dann im Saal absolute Ruhe. Die Verzweiflungstat, dazu in ihren Augen das Erschrecken vor dem eigenen Mut und die spitzen Töne, die selbst wie Stiche klingen - dieser Mischung kann man sich kaum entziehen.

Ihr Bühnenpartner, der Tenor Francesco Meli, der Toscas Liebhaber Mario Cavaradossi spielt, kann dagegen nur bestehen, wenn er die Solomomente für sich nutzt. Besonders das Seufzen nach der verloren geglaubten Geliebten im dritten Akt, bei der Arie "E lucevan le stelle", gelingt ihm gut.

Der gurgelnde Bariton Luca Salsi tritt als siegesgewisser Baron Scarpia auf, eine Rolle, die ihm sichtlich Spaß macht, schließlich kann er so viel Bösewicht geben wie möglich. Der Regisseur Davide Livermore hat dagegen nichts einzuwenden.

Livermores Inszenierung setzt ohnehin eher auf das Erwartbare, das Bühnenbild ist opulent und historisierend, die Säulen mächtig, die Roben bodenlang. Chailly schmeichelt Puccinis ohnehin erzählerischer Komposition mit vollkommenen Streichern. Auch aus dem Orchestergraben dringt klangliche Opulenz. Gewiss hätte das Glockenspiel etwas sparsamer ausfallen können. Aber man ist am besten beraten, wenn man das Pathos dankbar entgegennimmt und im Samt versinkt.

Kaum ist der Peiniger tot, eilt Tosca zu ihrem Geliebten. Netrebko zeichnet eine grundgute Tosca, eingehüllt in die Marienfarben Blau und Rot. So naiv ist diese Tosca, dass sie dem Wort des Bösewichts noch vertraut, wenn sie gar nicht mehr daran gebunden ist.

Warum lässt sie Cavaradossi zu seiner scheinbaren Erschießung gehen? Natürlich stirbt er. Und sie? Was normalerweise der Sprung von der Engelsburg ist, wird hier zur Gotteswerdung, es ist Livermores einziger entschiedener Regieeinfall. Auf ewig leuchtet Tosca, fixiert wie ein Stern am Himmel. Das Publikum ist begeistert - es verehrt keine Heilige, sondern eine Operndiva.

© SZ vom 09.12.2019
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