Literatur-Spezial im Frühjahr:Die totalitäre Herrschaft von nebenan

Literatur-Spezial im Frühjahr: "Dann nehme ich an, ist es politisch", gab Autorin Anna Burns auf die Frage zurück, ob ihr Schreiben politisch sei - zunächst suchte sie aber nach Definitionen.

"Dann nehme ich an, ist es politisch", gab Autorin Anna Burns auf die Frage zurück, ob ihr Schreiben politisch sei - zunächst suchte sie aber nach Definitionen.

(Foto: AP)

In "Milchmann" erzählt Anna Burns von einer jungen Frau im Nordirlandkonflikt - inklusive Metoo- und Brexit-Parallelen. Gerecht wird das diesem Roman allerdings nicht. Er ist überzeitlich.

Von Felix Stephan

Kurz bevor die nordirische Schriftstellerin Anna Burns für ihren Roman "Milchmann" im Jahr 2018 mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, stellte ihr das Times Literary Supplement die Frage, ob Schreiben für sie ein politischer Akt sei. Burns schlug die Bedeutungen von "politisch" im Wörterbuch nach, fand dort zwei Definitionen vor, mit denen sie nichts anfangen konnte, und antwortete dann, dass sie diese Frage nicht beantworten könne, um sie dann doch zu beantworten, dafür aber virtuos: Wenn mit "politisch" gemeint sei, sagte Burns, dass es im literarischen Schreiben um Organisationsstrukturen und Macht gehe und "wie diese Macht erlangt und ausgeübt wird und welche Auswirkungen sie hat auf Menschen und die Beziehungen der Menschen untereinander, dann ja, dann nehme ich an, ist es politisch."

Literatur-Spezial

Am 12. März hätte die Leipziger Buchmesse beginnen sollen, vergangene Woche wurde die Publikumsmesse wegen der Ausbreitung des Coronavirus abgesagt. Wir bringen in dieser Woche jeden Tag einen Text aus unserem Literatur-Spezial. Zur kompletten Sonderveröffentlichung, die in der gedruckten und digitalen SZ vom 10 März erschienen ist, geht es hier (SZ Plus). Denn einer der Vorzüge des Lesens ist: es geht von überall.

Die Virtuosität dieser Antwort besteht darin, dass es um Macht, Menschen und Beziehungen in Romanen immer geht, seit sie sich von den Romanzen emanzipiert haben, und die Antwort deshalb die implizite Gegenfrage enthält, wie er bitteschön aussehen soll, der unpolitische Roman. Zuletzt ist ja oft darauf hingewiesen worden, dass es in der Literatur nicht um Politik gehe, sondern um Ästhetik, vor allem als es darum ging, Minoritäteninteressen aus der Diskussion über Literatur fernzuhalten. Dabei ist schon der Gedanke, dass Schönheit und Genie nur sich selbst zu dienen haben und nicht dem Fürsten, von Hause aus politisch.

In Anna Burns Roman ist nun der Umstand, dass Literatur und Politik nicht zu trennen sind, allen Figuren unmittelbar geläufig, nur der Protagonistin nicht. Die Erzählerin ist eine 18-jährige Frau, die während des Nordirland-Konflikts in den Siebzigerjahren in Belfast aufwächst, in einer Situation also, in der die Loyalität zum einen oder anderen Lager jede Faser des gesellschaftlichen Lebens durchwirkt. Straßenzüge, Trinkhallen, Ehen und Denkbewegungen sind säuberlich entlang der Grenze aufgefädelt und während den eigenen Leuten bedingungsloses Vertrauen entgegengebracht wird, schuldet man der Gegenseite lebenslang nichts als Abscheu und Verachtung. Anna Burns erzählt von diesem vormodernen Horrorkult in heiterem Allegro, weil ihre Erzählerin eben nicht nur eine Romanleserin, sondern außerdem ein Teenager ist und eine andere Welt kaum gekannt hat. Der Nordirlandkonflikt zog sich über drei Jahrzehnte.

Doch obwohl jedes abweichende Verhalten hier stets auch das Risiko mit sich bringt, als Denunziant vor das Bezirksgericht gezerrt zu werden, lässt die Erzählerin von ihrer Angewohnheit nicht ab, im Gehen Romane zu lesen, auch dann nicht, als ihr längst ausdrücklich vermittelt wurde, dass sie mit diesem rätselhaft Verhalten bei den falschen Leuten die falschen Fragen aufwirft.

Der Eindruck von Isolationshaft entsteht, ohne dass jemand im engeren Sinne Gewalt ausübt

Weil Ort und Zeit der Handlung nie explizit ausformuliert werden und die Figuren keine Namen tragen, sondern als "Ex-Freund" oder "Schwager" firmieren, ist diesem wirklich immer auch sehr lustigen Roman in Großbritannien attestiert worden, er sei "experimentell" und "kompliziert".

Die Erzählerin blickt in der Romangegenwart zurück auf die Ereignisse der letzten Monate, die vor allem dadurch bestimmt waren, dass der Anführer der lokalen Paramilitärs mit dem Rufnamen "Milchmann" regelmäßig überraschend in ihrem Alltag auftaucht und alles über sie zu wissen scheint. Er steht plötzlich hinter ihr, tauscht ein paar freundliche Worte, erkundigt sich nach dem Befinden ihrer Familie und verabschiedet sich wieder. Das ist alles recht unverbindlich und anfangs höchstens subkutan bedrohlich, bis die Gemeinschaft des Bezirks von der Sache Wind bekommt, und die Erzählerin je nach Interessenslage als Flittchen beschimpft oder als Geliebte eines wichtigen Widerstandskämpfers heroisiert, ohne dass sie selbst zu der Sache mehr beitragen würde als ihre bloße Existenz. Im Verlauf der Handlung steigert sich der soziale Druck, der zu gleichen Teilen vom Milchmann, den Nachbarn und der Familie ausgeht, derart, dass das Leben der Erzählerin zunehmend einer Isolationshaft gleicht, ohne dass jemand im engeren Sinne Gewalt ausgeübt hätte.

In vielen Details entspricht diese Romanwelt den totalitären Gesellschaften nach den Grundrissen Hannah Arendts. Es gibt einen unfehlbaren Führer, Terror als Herrschaftsprinzip, willkürliche Bestrafungen. Selbst die Nachbarn verhalten sich exakt so wie bei Arendt die unterdrückten Massen und laborieren "an einem radikalen Schwund des gesunden Menschenverstandes und seiner Urteilskraft sowie an einem nicht minder radikalen Versagen der elementarsten Selbsterhaltungstriebe" (Arendt). Die regelmäßig in diesen Straßen detonierenden Autobomben, die zwei, drei verlorenen Söhne, die jede Familie zu verzeichnen hat - diese Dinge sind vorgesehen in der Realität dieses Romans, während eine junge Frau, die im Gehen Romane liest und sonst ganz gern in Ruhe gelassen werden würde, die Gegend in helle Aufruhr versetzt.

Auch Hannah Arendts Bemerkung, dass totalitäre Propaganda erst dann voll zur Entfaltung gekommen ist, wenn die Leute anfangen, ihren eigenen Sinnen zu misstrauen, kommt bei Burns in einem parabelhaften Kapitel vor. Eine Sprachklasse liest da im Unterricht eine Passage aus einem französischen Roman, in der ein Himmel beschrieben wird, der nicht blau ist. Die Schüler protestieren, schließlich entspreche diese Beschreibung nicht der anerkannten Wahrheit, während gleichzeitig vor dem Fenster die Sonne untergeht und der Himmel aussieht wie auf einem Turner-Gemälde. Die Lehrerin verweist auf den Sonnenuntergang, der sich da real vor aller Augen abspielt, dringt aber trotzdem nicht durch zu ihren Schülern, denn die Lage ist nun einmal diese: "Es hatte sich eingebürgert, solche Details nicht zuzugeben, denn das hätte freie Wahl bedeutet, und freie Wahl hätte Verantwortung bedeutet, und was, wenn wir dieser Verantwortung nicht gerecht werden konnten?"

Sogar die eigene Mutter bezichtigt die Erzählerin der Lüge

An einer anderen Stelle gibt die Erzählerin, die sich eigentlich vorgenommen hatte, die Gerüchte um ihre angebliche Affäre mit dem Paramilitär konsequent unkommentiert zu lassen, dem Druck ihrer Mutter nach, die endlich erfahren möchte, was genau vor sich geht. Als die Tochter wahrheitsgemäß erzählt, dass es keine Affäre gibt, sondern sie von dem regional einflussreichen paramilitärischen Anführer gestalkt und eingeschüchtert wird, und eigentlich, wenn es nach ihr ginge, einfach nur in Ruhe gelassen werden möchte, bezichtigt sie die eigene Mutter der Lüge.

In Großbritannien ist das Buch oft als Kommentar zum Brexit und Metoo gelesen worden, und dass so viele Briten in einem Roman über die kollektivpsychologischen Mechaniken von Terrorherrschaft und Ideologie ihre Gegenwart wiedererkennen, ist für deren Zustand natürlich erst einmal kein günstiges Zeichen. Andererseits bietet der Roman ganz offen einen Ausweg aus der ambiguitätsfeindlichen Einöde, in der die Erzählerin lebt: Sobald in den Gesprächen wieder von Motoren, Waffen und Bestrafungen die Rede ist, zieht sich die Erzählerin in die Romane des 19. Jahrhundert zurück, vor allem Gogol kommt immer wieder vor.

Ihr inneres Exil liegt also in der Kunstform, für die der englische Literaturwissenschaftler Ian Watt einst zeigte, dass sie untrennbar mit dem Individualismus verbunden ist. Nur in den Romanen des 19. Jahrhundert findet die Erzählerin eine Welt vor, in der der Einzelne mehr innere Widersprüche, Facetten und zwiespältige Motivationslagen in sich trägt als ihr unmittelbares Umfeld dem ganzen Land zuzugestehen bereit ist. Deshalb ist es durchaus eine triste Pointe, dass die Autorin in den Interviews, die sie nach dem Booker Prize geben musste, regelmäßig darum gebeten wurde, Stellung zu beziehen zu Themen wie dem Brexit oder zur Debatte über sexuelle Belästigung und sich als öffentliche Person also einer ganz ähnlichen Mechanik ausgesetzt sah wie ihre Protagonistin. Der Autorin tut die Öffentlichkeit damit wahrscheinlich keinen Gefallen, dem Buch schon: Es wird auf diese Weise noch größer, noch überzeitlicher, als es ohnehin schon ist.

Anna Burns: Milchmann. Roman. Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll. Tropen Verlag, Stuttgart 2020. 452 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 10.03.2020/tmh
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