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Nachruf:Anna Blume ist tot

8/ PK: Reine Vernunft Anna & Bernhard Blume, Ausstellung iim Berliner Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Kunst, Fo; 8/ PK: Reine Vernunft Anna & Bernhard Blume, Ausstellung iim Berliner Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Kunst, Fo

Anna Blume (1937 - 2020) galt mit ihrem Mann Bernhard Blume als Pionierin der Inszenierten Fotografie. Ihre Kunst handelten vom ganz privaten, bundesdeutschen Alltag.

(Foto: imago)

Gemeinsam mit ihrem Mann Bernhard Blume inszenierte sie in Fotografieserien wie "Wahnzimmer" den bundesdeutschen Alltag.

Als Hausfrau trug sie Perücke, Brille, Röcke aus steifem Material. In diesem Aufzug war Anna Blume in der Kunst der Achtzigerjahre eine Berühmtheit. Denn Anna und ihr Mann Bernhard Blume, die zu epochalen Ausstellungen wie der sechsten Documenta im Jahr 1977 oder "Von hier aus" (1984) eingeladen wurden, waren auch die Helden ihrer Foto-Serien, die als "Inszenierte Fotografie" den Kunstbegriff erweiterten. Und außerdem sehr lustig waren. Im Selbst-Experiment vor der Kamera zerlegten die Blumes den bundesdeutschen Alltag, bis vom Kartoffelkochen, Fernsehabend und Hausputz nur noch irre, verstörende Splitter übrig blieben. Im "Wahnzimmer" balancierte Anna Topf- und Schnittblumen auf den ondulierten Haarwellen, während sich Bernhard mit seiner betagten Mutter von der Schrankwand stürzte und die Kanten von Regalen und Tischen ins Bodenlose fielen.

Anna Blume, 1937 im westfälischen Bork geboren, hatte den gleichaltrigen Bernhard während des Studiums an der Düsseldorfer Akademie kennen gelernt. Und schon weil das Rheinland damals ein Zentrum der Kunstwelt war, stießen auch die zwischen Privatheit und Konzept changierenden Experimente auf Anerkennung, wobei es half, dass die Titel sich wie zeitgenössischen Dada lasen ("Die Wirklichkeit ist, wie sie ist, d.h. grausam.") Als Pioniere der Fotografie und einer Kunst, die sich im Bereich des kleinbürgerlich Privaten hemmungslos bedient, feierten sie auch das Museum of Modern Art in New York und das Pariser Centre Pompidou. Dass das nüchterne Künstlerpaar in Deutschland nicht bekannter wurde, lag wohl daran, dass - wenn es um bildende Kunst geht - hierzulande das Wuchtige und Werthaltige bevorzugt wird. Doch konnte Anna Blume nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2011 erleben, wie eine junge Szene mit der gleichen nihilistischen Unbekümmertheit auf Zeitgeschichte und Interieurs losging. Wie ihre Galerie jetzt mitteilte, ist Anna Blume am vergangenen Donnerstag gestorben.

© SZ vom 23.06.2020/cag

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