Endlich in Europa zu sehen: Anna Bella Geiger:Mit Witz gegen die Diktatur

S.M.A.K.
Anna Bella Geiger
29.May.2021 - 03.Oct.2021

In den meisten ihrer Werke tritt Anna Bella Geiger selbst auf.

(Foto: Dirk Pauwels)

Anna Bella Geiger, die 88-jährige Pionierin der brasilianischen Konzeptkunst, wird in Gent ausgestellt. Eine Empfehlung.

Von Till Briegleb

Eine lustige Runde schöner Menschen sitzt auf der Dachterrasse einer Großstadt. Es ist Sommer. Sie spielen Stille Post, lachen albern nach jeder Runde der Missverständnisse. Die Situation hat etwas von der gezwungenen Gaudi aller Partyspiele. Aber hier weist das etwas absichtlich wirkende Amüsement nicht auf die normale gruppendynamische Nötigung zum Spaßhaben hin, sondern auf einen realen Zwang. Der kleine Kreis aus brasilianischen Konzeptkünstlerinnen und Kuratoren, die sich 1976 beim fröhlichen Flüstern filmen ließ, lebte in einer Militärdiktatur. Und "Telefone sem fio" (Wireless Phone), wie diese Arbeit im unbewussten Vorgriff auf die Kommunikation der Zukunft heißt, ist ein Kommentar zum ständig bedrohten Leben.

Erst mit diesem historischen Wissen sieht man in dem so harmlos wirkenden Flüsterspiel gefährliches Denunziantentum gespiegelt, das Streuen von Gerüchten und die tägliche Angst, etwas Falsches zu sagen. Aber auch für eine spielerische Umgehung des Versammlungsverbots durch eine Party steht diese Szene von Freunden, die im Klima der verordneten Meinung mit dem Wandel von Bedeutungen spielen. Anna Bella Geiger hat diese Form des subtilen Kommentars auf ein Regime, das jede Kritik mit Verboten, Folter und Mord mundtot zu machen versuchte, zu einer eigenen Form der Opposition entwickelt. Und nur aus dieser Perspektive sind ihre ästhetisch oft spröden Arbeiten der mitfühlenden Intelligenz zu verstehen: als Rettung der Freiheit vor der allgegenwärtigen Zensur.

Sie stellt verlogene Dschungelvolk-Idyllen nach und inszeniert sich als Mona Lisa

In der ersten großen Retrospektive der heute 88-jährigen Pionierin der brasilianischen Konzeptkunst, die mit über 180 Arbeiten im Museum für zeitgenössische Kunst in Gent, dem S.M.A.K., zu sehen ist, werden die politischen Auslöser für Anna Bella Geigers Symbolik deswegen auch allerorts konkret benannt. Die für die Ausstellung titelgebende Arbeit etwa, "Native Brazil/Alien Brazil" von 1977, könnte sonst wieder ein Opfer moderner Gesinnungszensur werden, denn sie zeigt einen direkten Akt der Appropriation, also der Aneignung fremder Kultur. Und das wird heutzutage in einseitigen Kulturdiskursen gerne als neukoloniale Haltung denunziert, obwohl Appropriation eine zentrale Kulturtechnik jedes kreativen Menschen ist.

In neun Doppelmotiven stellt Geiger mit sich und ihren Familienmitgliedern Szenen von glücklichen Bewohnern des Volks der Bororo im brasilianischen Urwald nach, die sie aus einem Magazin entnommen hatte. Diese Dschungelvolk-Idylle stand allerdings schon damals im krassen Gegensatz zu der brutalen Vertreibung und Ermordung der indigenen Bevölkerung durch die Militärjunta, wie sie sich heute unter dem Präsidenten Bolsonaro fortsetzt. Geiger, die als Kind polnischer Einwanderer einen anderen Aspekt des Vielvölkerstaats Brasilien repräsentiert, reagierte mit dieser ironisch wirkenden, aber solidarisch gemeinten Inszenierung tatsächlich auf die nationalistische Propaganda der Diktatur, die den Mythos eines geeinten Staates konstruierte - dessen Repräsentanten aber alle weiß, männlich und gewalttätig waren.

Dieses von Geiger hier ausgestellte Empfinden zahlreicher Bevölkerungsgruppen, in der falschen Konstruktion eines Zwangsstaates "alien" zu sein, also fremd, beschäftigt sie in vielen Werkgruppen. Und keineswegs nur in Bezug auf eine politische Diktatur, die erst 1985 endete, als sie bereits 52 Jahre alt war. So kritisiert Anna Bella Geiger, die in fast allen konkreten Arbeiten sich selbst als Modell nimmt, auch das alte Testament des internationalen Kunstbetriebs, nachdem die Rollen der Kreativität klar verteilt seien in männliches Genie und weibliche Muse. In der Serie "Kunst und Dekoration" von 1975 montiert sie sich als "Dekor" in Salons des maskulinen Designs. Und noch als 70-Jährige 2003 produziert sie ein Selbstporträt als Mona Lisa vor dem Hang einer Favela mit unverputzten Backsteinhütten, in der Hand ein Schild, auf dem groß der Name der Abgebildeten steht. Die Muse schlägt still lächelnd als Künstlerin zurück.

S.M.A.K.
Anna Bella Geiger
29.May.2021 - 03.Oct.2021

Weltkarte aus Fäden, die die aus der Kolonialzeit stammenden Ländergrenzen neu zieht. Sewing thread and collage in gold leaf on canvas Courtesy of the artist

(Foto: Courtesy of the artist)

Eine weitere Methode Geigers, um sich mit den ideologischen Konstrukten des nationalistischen Regimes in Brasilien auseinanderzusetzen, ohne als Oppositionelle verfolgt zu werden (was ihr 1975 trotzdem nicht erspart blieb), war die intensive Beschäftigung mit dem Territorium Brasiliens. Die künstlichen Grenzziehungen auf dem Kontinent durch europäische Großmächte, die 1494 mit der Aufteilung von Interessensgebieten zwischen Spanien und Portugal durch den Vertrag von Tordesillas begannen, animierten sie zu einer langwährenden Beschäftigung mit Kartografie. In Zeichnungen, Collagen, Foto- und Materialarbeiten benutzte sie die Umrisse des Landes für spöttische Kommentare zu der Behauptung, die Grenzen des Landes würden etwas Gesichertes darstellen und umfassen. Die damit symbolisierte Einheit stellt Anna Bella Geiger vielmehr dar als egoistisch motivierte Behauptung mit hohem Konfliktpotenzial.

Bis zu dieser Ausstellung war Anne Bella Geiger in Europa nur durch vereinzelte Beteiligungen an Gruppenschauen wahrnehmbar. Vielleicht hat es so lange gedauert, bis ihre widerständige und mutige Kunst hier angemessen gewürdigt wird, weil ihre Kritik an männlich, national und gewalttätig geprägten Strukturen selbst so wenig aggressiv auftritt. Es sind stille und subtile Kommentare, nicht nur wegen des Schutzes vor Verfolgung, die sie garantieren. Ihre Rettung der Sprache vor der Zensur ist vor allem Vorbild einer konstruktiven Kommunikation, in der Angst keine Rolle mehr spielt.

S.M.A.K. Gent, bis 7. November; Katalog "Native Brazil/Alien Brazil", 288 S., 35 Euro.

© SZ/alex
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